Kurz nach Mitternacht taucht Robert mit einer Champagnerflasche bei seiner Tochter auf: Seit wenigen Minuten ist Catherine 25, und den Geburtstag nutzt Daddy zu einer weiteren Gelegenheit, ihr ins Gewissen zu reden – sie sollte etwas aus ihrem Leben machen! Dann wird plötzlich klar: Der Vater starb vor einer Woche, die Begegnung mit ihm fand nur in Catherines Kopf statt. In die Gegenwart zurück holt sie Hal, ein Student ihres Vaters, der sich seit dessen Tod durch 103 Notizbücher arbeitet, auf der Suche nach einer Formel oder einem Beweis, immerhin war Robert als Mathematikprofessor an der Chicagoer Universität ein berühmtes Genie. Doch in den letzten Jahren litt er an einer Geisteskrankheit, weshalb Catherine ihr Studium aufgab, um sich kümmern zu können. In diese Konstellation platzt Catherines ältere Schwester Claire; sie ist zur Beerdigung des Vaters aus New York angereist und fest entschlossen, Catherine dorthin mitzunehmen.
Proof: Drama mit spannenden Wendungen
Soweit, so unspektakulär die erste Hälfte von „Proof“, David Auburns Drama, das 2001 den Pulitzer-Preis in der Kategorie Theater gewann. Mit dem letzten Satz vor der Pause indes setzt der Autor einen Cliffhanger, und diese geplatzte Bombe sorgt für große Dynamik im zweiten Teil. Unterschiedliche Lebensentwürfe der Schwestern prallen lautstark aufeinander, Catherines und Hals frische Liebe wird auf eine harte Probe gestellt. Und über jedem Konflikt schwebt der Verdacht, Catherine habe nicht nur die Genialität, sondern auch die Anlage zur Geisteskrankheit von ihrem Vater geerbt.
Clifford Dean setzt das brillant verfasste und spannend aufgebaute Drama völlig unaufgeregt in Szene, und genau das verschafft den überraschenden Wendungen die entsprechende Wirkung. Perfekt harmoniert das vierköpfige Ensemble miteinander. Verrückter Einfall: Die Champagnerflasche schafft es aus der imaginären Vater-Tochter-Begegnung in die Realität aller Beteiligten.
Dieser Text zuerst in der SZENE HAMBURG 03/26 erschienen.

