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Das Theaterschiff braucht Hilfe: SOS vom Nikolaifleet

„Das Schiff“ ist das einzige fahrtüchtige Theaterschiff Europas und 107 Jahre alt. Seit über vier Jahrzehnten liegt es im Nikolaifleet und bietet ein kleines, feines Kulturprogramm. Doch jetzt droht Hamburgs Theaterschiff der Untergang

Text: Dagmar Ellen Fischer
Fotos: Kerstin Sander

Parkett und Rang gibt es nicht, hier sitzt das Publikum achtern oder mittschiffs steuerbord. Keine Klingel, die Schiffsglocke ruft zur Vorstellung. Spätestens bei diesem Signal reißt sich das Publikum vom Blick aufs Wasser los und klettert vom Oberdeck in den Schiffsbauch. Dort garantieren 120 Plätze rundum beste Sicht. Jugendliche Backpacker sitzen hier neben ergrautem Stammpublikum, ein kichernder Mädelsabend neben Großeltern samt Enkel.

Knapp 70 Prozent Auslastung erreicht das Theaterschiff, so Eigentümer Heiko Schlesselmann, die Elbphilharmonie schwemmt eine stetig steigende Zahl Touristen ins Hafengebiet, und das kommt auch dem Theaterschiff zugute. Doch Einnahmen allein werden nicht reichen, wenn „Das Schiff “ demnächst auf die notwendige umfassende Sanierung zusteuert. Die gute Nachricht: Die Hamburger Bürgerschaft bewilligte schon 2017 den Betrag von 312.000 Euro aus dem sogenannten Sanierungsfonds 2020.

 

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Klein und fein: der Theaterraum unter Deck

 

Optimistisch machte sich Heiko Schlesselmann folglich im Januar 2018 mit einem großen Koffer auf, um das Geld in Empfang zu nehmen. Doch dann die böse Überraschung: Bevor das Geld fließen konnte, forderte ein Team aus Sachverständigen ein detailliertes Leistungsverzeichnis, also die präzise Aufstellung aller notwendigen Arbeiten samt Kosten. Das legte der Inhaber Ende 2018 vor, in der festen Überzeugung, nun alle Bedingungen erfüllt zu haben.

 

Sanierung doch teurer als erwartet

 

Die erneute Ernüchterung kam jedoch in Form einer Nachforderung – ein Schadstoff-Gutachten müsse her, von dem bislang keine Rede gewesen war. „Bei möglichen Schadstoffen werden Behörden besonders hellhörig, auch wenn ein solches Gutachten für Binnenschiffe gar nicht verpflichtend ist“, erläutert Schlesselmann.

Vier Wochen später lag das Ergebnis vor, man war fündig geworden: Blei in der Lackierung, Asbest in den Pontons und Glaswolle hinter der Innenverkleidung. In Zahlen: Die Kosten für eine grundlegende Sanierung hatten sich verdreifacht. Kalkuliert man mit dem bewilligten Geld aus dem Sanierungsfonds 2020 als einem Drittel, und addiert dazu ein weiteres Drittel, das vom Theaterschiff aus Rücklagen finanziert werden kann, bleibt ein Drittel offen …

 

Seht in diesem Video, wie es um „Das Schiff“ steht

 

 

Und dieses Leck kann gestopft werden, darin sind sich Schlesselmann und der künstlerische Leiter Michael Frowin einig. Zu den einträglichen Maßnahmen gehört eine Crowdfunding-Kampagne, Spendenaufrufe durch Übernahme von Stuhlpatenschaften und als Höhepunkt das Benefizkonzert in der Elbphilharmonie am 7. Dezember, unter anderem mit Gustav Peter Wöhler, Anna Depenbusch und Bodo Wartke.

Musik und Literatur prägten die schwimmende Bühne von Anfang an: Christa und Eberhard Möbius erwarben das ausgemusterte Schiff 1974 und eröffneten nach umfangreichem Umbau ein Jahr später Deutschlands erstes Theaterschiff mit einer Revue über Joachim Ringelnatz. In den folgenden Jahren waren sich selbst Größen wie Helmut Qualtinger und Gert Fröbe nicht zu schade, mit Lesungen Publikum an Bord zu locken. 2012 übernahm Heiko Schlesselmann erfolgreich das Ruder, mit einer Mischung aus Kabarett, Kindertheater und handverlesenen Gastspielen. Doch nun braucht er die Hilfe einer engagierten und spendablen Mannschaft, um Schiffbruch zu vermeiden.

Das Schiff: Nikolaifleet, Holzbrücke 2 (Neustadt)


Szene-Hamburg-Juli-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juli 2019. Titelthema: Schmelztiegel St. Georg.
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