Thom Luz: „Das Quasi-Unmögliche, Abwegige inspiriert mich“

Nach dem Kafka-Projekt „Die acht Oktavhefte“ umarmt Regisseur Thom Luz im Deutsches Schauspielhaus mit seinem poetisch-musikalischen Abend „alphabet“ die ganze Welt
Wichtigster Schweizer Regisseur seiner Generation: Thom Luz
Wichtigster Schweizer Regisseur seiner Generation: Thom Luz (©Sandra Then)

SZENE HAMBURG: Thom, mit „alphabet“ inszenierst du ein 1981 veröffentlichtes Langgedicht der dänischen Schriftstellerin Inger Christensen. Ist das nicht eine etwas ungewöhnliche Wahl für eine Bühnenproduktion?

Thom Luz: Ich habe lange gesucht nach einem Stoff für Hamburg. Als die Dramaturgin Judith Gerstenberg diesen Text vorschlug, war mit nach wenigen Seiten klar, dass er alle Qualitäten hat, die mir an Theatertexten gefallen: Er ist musikalisch, rätselhaft, vielschichtig, zugänglich und abstrakt zugleich. Und der Text befindet sich im Austausch mit der Gegenwart, ohne sich vordergründig an sie anzubiedern. Von Autoren und Autorinnen, Musikern und Musikerinnen, aber auch Architekten und Architektinnen – also Menschen, die sich mit Poesie und Struktur beschäftigen – wird dieser Text geradezu verehrt. In der breiteren Öffentlichkeit kennt man ihn aber kaum. Wir ermöglichen also eine Entdeckung. Hinzu kommt der weltumspannende Anspruch, der zum größten Sprechtheatersaal Deutschlands passt: Die Dichterin versucht mit ihrem Text alles einzusammeln und aufzuzählen, was es auf der Welt gibt, in alphabetischer Reihenfolge.

Also eine Art enzyklopädisches Projekt?

Es heißt: Immer, wenn einen eine Sache ängstigt, sei man gut beraten, die Sache zu vermessen. Und da die Welt immer unübersichtlicher wird, kann es helfen, einen Schritt zurückzutreten und zu betrachten, womit wir es eigentlich zu tun haben: Aprikosenbäumen, Bächen, Begeisterung, Binnenseen, Blüten, Brombeeren, Buchten, Chrom, Dioxin, Dunst, Eichen, Eis, Erinnerungen, Essig, Farnen, Falken, Fehlern, Fernlenkungen, und so weiter. Dieser Text hat mich sofort angezogen, auch weil er auf den ersten Blick unzeitgemäß ist. Das Quasi-Unmögliche, Abwegige inspiriert mich immer.

Thom Luz: „Ich bin der Meinung, dass das Theater nicht nur die Gegenwart aufarbeiten, Konflikte oder Widersprüche abbilden muss“

Poesie in Bildern: mit Inger Christensens „alphabet“ die Welt neu lesen (©Katrin Ribbe)

Was erzählt ein unzeitgemäßer Text über unsere Zeit?

Ich bin der Meinung, dass das Theater nicht nur die Gegenwart aufarbeiten, Konflikte oder Widersprüche abbilden muss. Es darf auch Pracht erzeugen durch Perspektivenwechsel. „alphabet“ lädt zu einer ganz anderen Form des Zuhörens ein, weil der Text nach musikalischen Prinzipien komponiert ist und eine unglaubliche lyrische Sogwirkung entwickelt. Man wird zur inneren Mitarbeit aufgefordert.

Dem Text liegt eine mathematische Reihe zugrunde, in der jede Zahl aus der Summe der beiden vorangegangenen Zahlen entsteht. Diese „Fibonacci-Folge“ taucht auch in der Natur immer wieder auf, etwa in Größenverhältnissen von Pflanzenteilen …

Auch im Goldenen Schnitt von Leonardo da Vinci, in der DNA-Spirale und in der Andromedagalaxie. Neben dem Alphabet ist die Fibonacci-Folge das zweite Ordnungsprinzip in Christensens Gedicht. Es verbindet diesen Text mit den Zellen, mit der Natur, mit dem Weltall, der Unendlichkeit. Und immer schwingt die Frage mit: Welche Position nehmen wir Menschen in dem Ganzen ein?

Wie gehst du musikalisch mit dem musikalischen Text „alphabet“ um?

Musikalität hilft mir grundsätzlich beim Verstehen aller Dinge, weil in allen Dingen musikalische Prinzipien stecken. Im Theater habe ich die Möglichkeit, meine eigene Wahrnehmung der Welt anderen Menschen mitzuteilen durch verschiedene musikalische Spiele der Verstärkung, Rhythmisierung, Überlagerung, Gleichzeitigkeit, Harmonie, Disharmonie, Schwebung oder Spannung. Alle diese Aspekte kommen in Christensens Text zusammen. Unsere Aufgabe ist es, ihn bei intakter Rätselhaftigkeit in ein möglichst zugängliches, visuelles musikalisches Gesamterlebnis zu übersetzen, bei dem trotz Distanznahme zur Welt das Gefühl der Verbundenheit mit allen Dingen eine große Rolle spielt. Dabei geht es darum, sich in Resonanz zueinander und zur Welt zu begeben und zu erlauben, dass nicht immer alles auf den ersten Blick klar sein muss. Ich genieße es im Theater oder der Literatur immer sehr, wenn ich etwas nicht sofort verstehe und mag es, wenn das Kunstwerk mir als Betrachter oder Zuhörer einen Raum für eigene Fantasien anbietet. David Lynch nannte das den „room to dream“. Die Kernaufgabe des Theaters besteht für mich darin, Trost zu spenden durch die Erzeugung von seltsamer Pracht und Perspektivenwechseln. Das ist unser Beitrag zum Weltfrieden, um mal die ganz großen Begriffe aufzufahren.

Ist dieser „room to dream“ der Grund, dass du so gerne mit Nebelmaschinen arbeitest? In deinem Stück „Girl From The Fog Machine Factory“, das 2018 auch auf Kampnagel zu sehen war, spielte der Nebel sogar die Hauptrolle.

In der künstlerischen Arbeit wird man oft magnetisch angezogen von gewissen Dingen, ohne gleich zu wissen, warum. Man wird dann zum Detektiv in eigener Sache und kommt sich selber auf der Spur. Die Flüchtigkeit des Materials Nebel hat mir immer gefallen – dass er schnell da und schnell wieder weg ist. Aber auch der scheinbare Widerspruch, dass es sich um ein technisches Gerät handelt, das etwas vollkommen Zweckfreies herstellt, gefällt mir. Maschinen, die genau benennbare Zwecke haben, sind eigentlich immer fürchterlich. Da geht es schnell um Vernichtung, Transport, um Optimierung, Entfremdung. Der Nebel selbst stand in diesem Stück damals für all das, was uns Menschen zwischen den Fingern zerrinnt: Zeit, Geld, Liebe, Besitz, Jugend, das Leben an sich. Alles löst sich auf. Das wurde mir aber auch erst später im Probenprozess klar. Am Anfang der Proben ist alles eine Mischung aus Magnetismus und Intuition, mit der man sich an diese Materialien herantastet.

„alphabet“ unter Regie von Thom Luz

Thom Luz: „Im Unterschied zu meinen bisherigen Stücken, wo die Räume oft abstrakter oder in Verwandlung sind, arbeite ich diesmal mit sehr konkreten Bildern“ (©Sandra Then) 

In „alphabet“ stehen mit Alberta von Poelnitz, Ilse Ritter und Julia Wieninger drei Schauspielerinnen aus drei unterschiedlichen Generationen auf der Bühne. Warum hast du dich für diese Besetzung entschieden?

Mit der Besetzung verhält es sich ähnlich wie mit den Nebelmaschinen: Erst bei der Probe haben wir mit Freude festgestellt, dass wir es mit drei Lebensabschnitten zu tun haben, und es da eine inhaltliche Verbindung zum Text gibt. Das war nicht unser Suchraster, wir hatten „nur“ nach den richtigen Menschen für diesen Text gesucht. Es sind dann drei Perkussionisten dazugekommen – Peter Conradin Zumthor, Ling Zhang und Stephan Krause –, das Bühnenbild besteht aus drei Kapiteln, es entwickeln sich also ähnliche Strukturen und Vervielfältigungen wie im Text selber.

Kannst du noch mehr zum Bühnenbild sagen, für das du ja ebenfalls verantwortlich bist, zusammen mit Malte Knipping?

Wir suchen nach einer Form des magischen Realismus. Im Unterschied zu meinen bisherigen Stücken, wo die Räume oft abstrakter oder in Verwandlung sind, arbeite ich diesmal mit sehr konkreten Bildern, einer Vielzahl von alltäglichen Räumen, die einen interessanten Kontrast zur abstrakten und ungreifbaren Qualität des Textes bilden und immer Abbilder von Fragen des Textes sind: In welchem Verhältnis befinde ich mich mit mir selbst, mit der Gesellschaft, der Vergangenheit und der Zukunft? Das ist für mich künstlerisches Neuland, und ich bin sehr gespannt, was daraus entstehen wird.

Dieses Interview ist zuerst in SZENE HAMBURG 03/26 erschienen. 

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