Intendant der Staatsoper Hamburg Tobias Kratzer: „Wir wollen auch Menschen abholen, die die Oper kaum auf dem Schirm haben“

Der Intendant der Staatsoper Hamburg Tobias Kratzer inszeniert mit „Monster’s Paradise“ die Uraufführung einer Politgroteske von Olga Neuwirth und Elfriede Jelinek
„Monster’s Paradise“, die dritte gemeinsame Oper von Olga Neuwirth und Elfriede Jelinek, knüpft an die bizarre Horrorästhetik des legendären Pariser Théâtre du Grand Guignol
„Monster’s Paradise“, die dritte gemeinsame Oper von Olga Neuwirth und Elfriede Jelinek, knüpft an die bizarre Horrorästhetik des legendären Pariser Théâtre du Grand Guignol (©KI Artist Manuel Bra)

SZENE HAMBURG: Herr Kratzer, mit Antritt Ihrer Intendantenstelle an der Staatsoper Hamburg im August letzten Jahres haben sie das erste Mal in Ihrer Künstlerlaufbahn einen festen Job. Wie fühlt sich das an?

Tobias Kratzer: Ich bin ja schon seit zweieinhalb Jahren in Vorbereitung, habe aber erst vor wenigen Monaten offiziell mein Büro bezogen. Lustigerweise ist das das Ungewohnteste für mich. Als freier Regisseur hat man, wenn man an Theatern gastiert, ja meistens nicht einmal einen Raum, um etwas abzulegen. Aber auch das habe ich hier schon geändert: Gastregie-Teams bekommen bei uns ab sofort einen eigenen Raum im Vorderhaus.

Haben Sie Bedenken, dass die neuen Aufgaben Ihnen Zeit für die künstlerische Weiterentwicklung rauben?

Man sitzt ja auch als Regisseur nicht allein im stillen Kämmerlein und wartet auf eine poetische Eingebung. Der Regieberuf hat sehr viel mit diplomatischen, dispositionellen und eigentlich auch administrativen Aufgaben zu tun. Er erfordert viele Qualitäten – vom Animateur bis hin zum Zeitorganisator. In dieser Hinsicht sehe ich die Intendanz eigentlich als eine logische Weiterführung meines bisherigen Jobs und glaube, dass sich die unterschiedlichen Tätigkeiten auch gegenseitig befruchten.

Sie haben Ihre erste Spielzeit mit Schumanns Oratorium „Das Paradies und die Peri“ eröffnet und die Anzahl der Repertoire-Produktionen merklich reduziert. Werden Sie zukünftig weniger auf klassische Publikumsrenner setzen?

Das sind zwei verschiedene Punkte. Zum einen möchte ich im ersten Jahr Neuproduktionen programmieren, die es so nur in Hamburg zu sehen gibt, um einerseits ein Alleinstellungsmerkmal des Hauses zu etablieren und andererseits auszutesten, welche theatralen Formen des Musiktheaters ein Publikum anziehen könnte, das die Oper noch nicht so sehr auf dem Schirm hat. Dass wir etwas weniger Repertoire spielen, hängt damit zusammen, dass ich die Qualität der einzelnen Aufführungen steigern möchte. Je mehr unterschiedliche Repertoire-Stücke wir spielen, desto kürzer wird die Probenzeit für die einzelnen Stücke.

Tobias Kratzer: Ein Blick auf neue innovative Formate

Zugleich ist Ihnen der Blick auf das Neue wichtig. In der Ankündigung zur neuen Spielzeit ist von „Erkundungen der Gattungsgrenzen und innovativer Musikformate“ die Rede …

Es ist aber nichts Konfrontatives dabei. Wir wollen unserem Kernpublikum mit offenen Armen begegnen und gleichzeitig Spielformen finden, die auch Menschen abholen, die der klassischen Oper bisher wenig Beachtung geschenkt haben. Vor allem möchten wir schauen, was jenseits der 40 meistgespielten Werke möglich ist. Neben sechs Premieren bieten wir in der ersten Spielzeit aber auch 19 Repertoire-Stücke an. Niemand muss auf „Tosca“, „Die Zauberflöte“ oder „La traviata“ verzichten.

Sie haben zum Eröffnungswochenende nicht nur Schumanns „Peri“, sondern auch Iris ter Schiphorsts Kinderoper „Die Gänsemagd“ selbst inszeniert. Welche Botschaft steht dahinter?

Für mich ist es eine wichtige, fast schon politische Botschaft, dass wir vom ersten Tag an das Genre Kinderoper komplett in unser Hauptprogramm integrieren. Ich inszeniere sie als Intendant selbst, und wir besetzen sie mit den Stars unseres Ensembles, weil wir Kinder ernst nehmen und ihnen auf Augenhöhe begegnen wollen. Deshalb spielen wir auch ein zeitgenössisches Stück von einer Komponistin, damit die Kinder vom ersten Tag an mitbekommen, dass Komponist*innen auch noch leben und dass sie auch weiblich sein können.

Opern für alle Altersklassen unter Intendant Tobias Kratzer

(©Charlotte Schreiber)

Gibt es genügend Stoffe, die sich eignen?

Es gibt ein reiches Repertoire an Kinderopern, wir werden aber zukünftig auch Aufträge vergeben. Mit unserem zweiten Kinderprojekt im April gehen wir einen sehr außergewöhnlichen Weg: Wir erzählen einen Akt aus Karlheinz Stockhausens „Licht“-Zyklus – „Michaels Reise um die Erde“ – für Kinder, sodass vielleicht auch Erwachsene, die die Kinder begleiten, ein bisschen ihre Angst oder ihren Respekt vor dieser großen Avantgarde-Figur Stockhausen verlieren und seine Musik mit ganz offenen, naiven Ohren hören. In der nächsten Saison werden wir dann als Familienoper auf der großen Bühne ein großes Dornröschen-Projekt präsentieren, basierend auf Engelbert Humperdinck.

Noch mal einen Schritt zurück: Ihre Karriere nahm im Jahr 2008 auf etwas ungewöhnliche Weise Fahrt auf. Welche Rolle spielte die US-amerikanische Regisseurin Ginger Holiday dabei?

Das war ein Alter Ego von mir, mit dem ich gegen mich selbst bei einem Regie-Wettbewerb in Graz angetreten bin. Da ich zwei Konzepte für das Bewerbungsstück hatte und mich nicht entscheiden konnte, habe ich zu jedem dieser Konzepte eine fiktionale Identität entworfen und mich unter zwei Pseudonymen beworben. Von den mehr als 100 Bewerbern kamen zehn ins Halbfinale, darunter zweimal auch ich, was zu lustigen Verkleidungsspielen führte. Meine beiden Identitäten haben alle Preise abgeräumt. Ins Finale bin ich dann leider nur einmal eingezogen.

In „Das Paradies und die Peri“ haben Sie mit dem Kamerabild das Publikum auf die Bühne geholt. Könnten man sagen, dass die Verlängerung der Kunst in die gesellschaftliche Realität ein bevorzugtes Stilmittel von Ihnen ist?

Ich finde es sehr spannend, die fiktive vierte Theaterwand zu öffnen und den erweiterten theatralen Raum, der das Publikum, die Rezeption, aber auch das Theater und seine Bedingungen miteinschließt, als Teil der Inszenierung mitzudenken. Das habe ich auch in meinem „Tannhäuser“ in Bayreuth gemacht, wo es eine Pausenintervention gibt an einem kleinen Teich zu Füßen des Grünen Hügels.

„Monsters Paradise“: Premiere Anfang Februar 

Im Februar steht die Uraufführung „Monster’s Paradise“ von Olga Neuwirth und Elfriede Jelinek an. Das Libretto kreist um eine Art Trump-Figur, und Sie führen Regie. Wie soll man als Künstler mit Monstern umgehen, die unser gesellschaftliches Zusammenleben so sehr belasten?

Mit Monster meint man einerseits den populistischen Herrscher und fragt sich: Wie kommt man gegen eine solche Figur, die sich per se über ihre Irrationalität definiert, überhaupt an? Mit rationalen Mitteln ist das nicht möglich, also muss die Opposition selbst monströs werden. Deshalb ist die zweite wichtige Figur in diesem Stück das Seeungeheuer Gorgonzilla, das als Gegner dieses Königspräsidenten antritt.

Was halten Sie von dem geplanten Opernneubau in der HafenCity?

Ich begrüße ihn, soweit dieses Gebäude tatsächlich die Arbeitsbedingungen der Mitarbeitenden, die Qualität der Kunst und den Komfort der Zuschauer*innen befördert und verbessert. Es soll nicht nur ein Wahrzeichen, sondern ein großartiges Opernhaus entstehen. Ich sehe mich da auch in der Verantwortung, die Bedürfnisse der Kunstgattung und der Mitarbeitenden in den Prozess einzubringen. Ohne dieses neue Haus stünde hier bald eine umfassende Sanierung an, weil die Bedingungen hinter der Bühne und in den Büros wirklich grenzwertig sind.

Dieser Artikel ist zuerst in SZENE HAMBURG 02 / 26 erschienen.

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