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Unterwasserrugby: „Das ist keine Klopperei“

Der DUC Hamburg ist das beste Unterwasserrugby-Team der Stadt und das in der einzigen 3-D-Sportart der Welt

Text: Mirko Schneider

 

Es ist 20.45 Uhr an einem Donnerstagabend im Bäderland Süderelbe am Neugrabener Markt, als das Wasser des Beckens kräftig aufgewühlt wird. Zwölf Mitglieder des gemischtgeschlechtlichen DUC Hamburg sind hineingesprungen und tauchen flink Richtung Mitte. Dort liegt der mit Salzwasser gefüllte Ball, das Objekt der Begierde für die nächsten 30 Minuten. Kaum haben die Teams ihn erreicht, beginnt das Unterwasserspektakel. Es wird geschwommen, gerangelt, sogar gepasst – alles mit dem Ziel, den Ball in einen am Boden befestigten etwas größeren Basketballkorb zu stecken. Voilà, so sieht Unterwasserrugby aus, die einzige dreidimensionale Mannschaftssportart der Welt!

„Das Rangeln bin ich gewohnt. Schließlich bin ich mit zwei Geschwistern aufgewachsen“, sagt Florian Bill (33) in einer Spielpause lachend. „Das ist etwas, was ich an diesem Sport wahnsinnig mag: Du kannst dich behaupten, aber die Bewegungen unter Wasser sind abgebremst. Dadurch ist das Verletzungsrisiko sehr gering.“ Sein Mitspieler Hendrik Preuß (ebenfalls 33) nickt und stellt klar: „Unterwasserrugby ist keine Klopperei unter Wasser. Das ist ein Klischee.“ Preuß gehört zur sogenannten „Aal-Fraktion“ des Teams. Er ist schlank und dadurch sehr beweglich. „Ich habe mal Wasserball gespielt. Doch der Trainer hat immer so blöd rumgeschrien. Da habe ich nach einer anderen Sportart gesucht und hier meinen Platz gefunden“, sagt er.

Bill und Preuß verkörpern verschiedene Spielertypen. Während Bill über die Kraft kommt und im durch Regeln beschränkten Infight (zum Beispiel keine Schläge, kein Abziehen der Ausrüstung wie Flossen oder Badehaube, Angriffe nur auf die ballführende Person) seine Stärken hat, gleitet Preuß flink durch das Wasser. Er schlägt Haken, kann den Ball gut transportieren und verschafft den Aktionen seines Teams so eine spezielle Dynamik.

Zweikämpfe, schöne Spielzüge, tolle Treffer und immer wieder Luft holen

Wer sich ein Spiel ansieht, was bei Turnieren und Meisterschaftsspielen durch Unterwasserkameras ermöglicht wird, ist beeindruckt von dem Zusammenwirken der sechs Akteure unter Wasser. Für Turns von 30 bis 45 Sekunden tauchen die Spielerinnen und Spieler unter und versuchen in zweimal 15 Minuten, so viele Tore wie möglich zu erzielen. Der Ball gleitet bei den Pässen ein bis zwei Meter weit, da er durch die Salzwasserfüllung schwerer ist als das mit Süßwasser gefüllte Becken. Wer keine Luft mehr hat, taucht kurz auf, schaut dabei aber weiter runter aufs Spielgeschehen, was der Schnorchel möglich macht. Wer eine Pause braucht, lässt sich in der Einwechselgasse von einem der sechs Wechselspieler ersetzen.

Zu bestaunen gibt es an diesem Abend intensive Zweikämpfe, schöne Spielzüge und tolle Treffer. Durchaus logisch, denn die Unterwasserrugby-Sparte des DUC Hamburg – DUC steht für Deutscher Unterwasserclub – ist in Hamburg mit circa 80 Mitgliedern in drei Teams tonangebend, qualifiziert sich regelmäßig für die deutschen Meisterschaften. Die beiden gemischtgeschlechtlichen Teams spielen in der ersten und zweiten Bundesliga, zudem existiert ein Bundesliga-Damenteam.

Es gibt nichts zu hören, aber viel zu sehen

Wunderbare Geschichten aus ihrer Sportart können hier alle erzählen. Pia Wölfl (27) beispielsweise spielt gleich doppelt Bundesliga, bei den Damen und im Mixed-Team. Als Schwimmerin im Chemnitz sah sie mit 19 nach einer Trainingseinheit zufällig, wie ein Team Unterwasserrugby spielte. Sie probierte es aus und war Feuer und Flamme. „Ich mag die vielseitige Community und die Turnierreisen“, sagt sie. „Wenn man am Freitagabend losfährt und total geschafft am Sonntagabend wieder ankommt, dazwischen aber viel gespielt, gegessen, gefeiert und gemeinsam auf einem Turnhallenboden geschlafen hat – das finde ich klasse.“

Gerade erst war sie mit ihrer Mitspielerin Esther Schieblon (36) auf einem Trainingscamp in Griechenland. Schieblon schätzt wie Wölfl am Unterwasserrugby unter anderem, dass die Sportart ohne akustische Signale auskommt. Die übliche Schreierei wie zum Beispiel auf Fußballsportplätzen entfällt eben einfach. Wie Pia Wölfl und Hendrik Preuß setzt sie auf ihre Schnelligkeit und Wendigkeit.

2016 hat Schieblon das Damenteam des DUC Hamburg gegründet. Ihre Turnierliste liest sich wie eine anregende Bildungsreise durch die EU. Göteborg, Luzern, Barcelona, Budapest, Bordeaux und Florenz sind dabei. In Budapest erlebte sie sogar einen für sie bedeutenden feministischen Moment. „Drei Männer schwammen auf mich als Torhüterin zu. Zwei brachen ab, weil sie davon ausgingen, der dritte würde das Tor gegen mich problemlos erzielen. Er hat es nicht geschafft. Das war ein ziemlich gutes Gefühl, wesentlich besser zu sein, als die Männer es sich gedacht haben“, sagt Schieblon.

Sogar die Gründer des Unterwasserrugbys – die Sportart entstand Ende der 60er-Jahre in deutschen Tauchvereinen – hat sie getroffen! „Das war 2017 in Mülheim bei der Veranstaltung ,Goldener Ball‘. Das waren alte Männer, die mir erzählt haben, dass sie sich Unterwasserrugby damals eher aus Langeweile haben einfallen lassen. Es war herrlich mit ihnen zu reden und ein ganz besonderer Moment für mich.“

„Wir sind vor allem berühmt für unsere legendären Duschpartys“

Ein sportliches Highlight hat auch Florian Bill zu bieten. Beim vereinseigenen Turnier Mitte Juli wurden er und sein Mixed-Team nämlich im sogenannten „Heldenlauf “ zu wahren Helden. Nach einer sehr schwachen Vorrunde befand sich das Team als Letzter auf Rang neun. Doch eine Turnierregel besagt: Der Letzte kann sich noch nach vorne spielen. Bei einem Sieg gegen den Vorletzten rückt er einen Platz höher, besiegt er danach das nächsthöhere Team wieder einen und so weiter.

Theoretisch kann so der Letzte im Heldenlauf noch Erster werden, wenn alle Spiele am Ende gewonnen werden. „Wir haben vier Partien in Folge gewonnen und sind noch Fünfter geworden. Ich habe dabei sogar Nationalspieler Manuel Gassner daran gehindert, einen Pass zu spielen“, sagt Bill und strahlt über das ganze Gesicht. „Wir waren plötzlich voll im Turnier. Es entwickelte sich ein wahnsinniges Gruppengefühl. Eine Partie ist ja sehr anstrengend und wir waren durch die vielen Siege sehr lange unter Wasser – und hinterher sehr stolz auf unsere Leistung.“

Wobei Bill wie alle anderen betont: Das Sportliche ist nur die eine Seite der Medaille. „Erst kämpft man unter Wasser und powert sich aus, danach haben sich alle wieder lieb“, erklärt er. „Wir vom DUC Hamburg sind vor allem bei den Turnieren berühmt für unsere legendären Duschpartys.“

Ein paar Sorgen existieren auch Nachwuchssorgen. „Durch Corona gingen uns einige Hallenzeiten verloren“, sagt Bill. Trainiert wird nur noch montags in Norderstedt und donnerstags in Süderelbe. Vor der Pandemie wurde viermal die Woche trainiert. Bill: „Wir hoffen sehr, bald wieder mehr Trainingsmöglichkeiten anbieten zu können. Schließlich freuen wir uns über alle, die einmal probieren möchten, wie viel Spaß Unterwasserrugby macht.“ Dann springt er wieder ins Becken. Für ihn und sein Team gibt es unter Wasser noch viel zu tun. Im November startet schließlich die neue Bundesligasaison.


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