Filmkritik: Verflucht normal

Einfühlsames Biopic über den Tourette-Aktivisten John Davidson
Flucht auch gegenüber den Bullen: Robert Aramayo als John in „Verflucht normal“
Flucht auch gegenüber den Bullen: Robert Aramayo als John in „Verflucht normal“ (©Tandem Films)

Es ist ein Moment der Scham, des Entsetzens und der Komik: Da geht ein junger Mann in einen Festsaal. Vorne, so ist schemenhaft zu erkennen, steht Queen Elisabeth II., und der junge Mann ruft: „Fuck the Queen!“ Es ist eine der ersten Szenen in Kirk Jones‘ charmantem wie bewegendem Biopic nach der Autobiografie von John Davidson. Der Schotte leidet seit seiner Jugend am Tourette-Syndrom und wurde später zu einem bekannten Aktivisten für mehr Toleranz und Akzeptanz. Von der Eingangsszene 2019 geht Jones ins Jahr 1983 zurück. Damals ist John (Scott Ellis Watson) ein vielversprechendes Fußballtorwarttalent, in der Schule wenig auffällig – bis ihn plötzlich diese seltsamen Zuckungen heimsuchen, er unkontrolliert Laute ausstößt und mitunter obszöne Ausdrücke ruft. Die Menschen sind entsetzt und überfordert, das Tourette-Syndrom wenig erforscht. 1996 ist John (dann gespielt von Robert Aramayo) Anfang zwanzig. Seine Eltern haben sich inzwischen getrennt, die Geschwister sind ausgezogen, die Mutter stets sorgen- und vorwurfsvoll zugleich. Auch durch die Medikamente hat John jeden Lebensmut verloren. Das ändert sich, als er einen alten Schulfreund Murray (Francesco Piacentini-Smith) wiedertrifft. Dessen Mutter Dottie (Maxine Peake) ist völlig unbeeindruckt von Johns Ausfällen, akzeptiert ihn, wie er ist, drängt ihn dazu, die Medikamente abzusetzen und verhilft ihm zu einem Job. Als Assistent des eigenwilligen Hausmeisters Tommy (Peter Mullan) bekommt er eine Aufgabe, Selbstbewusstsein und einen neuen Freund.

Verflucht normal: Die Underdog-Komödie                                                                                                                                                  

Vor mehr als 15 Jahren kam mit „Vincent will Meer“ ein Film ins Kino, in dem der an Tourette leidende Vincent (Florian David Fitz) mit zwei anderen aus einer Klinik zu einem Roadtrip aufbricht. Regisseur Ralf Huettner verließ sich dabei etwas zu sehr auf die komischen Momente, die das Syndrom mit sich bringt. Regisseur Jones hingegen gelingt ein fein austarierter Mix aus sozialrealistischem Drama und Underdog-Komödie. Dabei kann er sich voll und ganz auf seine Schauspielenden verlassen. Völlig überraschend gewann Aramayo den BAFTA als „Bester Hauptdarsteller“ gegen Leonardo DiCaprio und Timothée Chalamet – sehr verdient.

(©Tandem Films)

Dieser Artikel ist zuerst in der Printausgabe der SZENE 06/26 erschienen. 

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