Erinnerungen sind Vergegenwärtigungen des Vergangenen – geweckt werden sie häufig beim Betrachten von Fotografien. Doch selbst, wenn die dort gezeigten Personen, Dinge oder Situationen nahbar und lebhaft ins Gedächtnis zu rücken scheinen, präsent wirken, ist ihnen immer auch eingeschrieben, dass sie sich dem Hier und Jetzt entziehen, weil sie entweder in der dargestellten Form oder gar nicht mehr existieren. Aus dieser Perspektive wohnt jeder Fotografie und jedem Erinnern ein Zwiespalt zwischen Festhalten und Loslösen inne – und so ließe sich auch die künstlerische Praxis von Melike Kara begreifen. Seit 2014 erstellt sie ein Fotoarchiv aus persönlichen und öffentlichen Aufnahmen, darunter Familien- und Einzelporträts, Momentaufnahmen von Essen, Festen, Landschaften. Meist bilden sie die Grundlage für ihre Installationen, in denen sie sich häufig mit ihrer kurdisch-alevitischen Herkunft beschäftigt, mit Fragen nach Identität, Migration, gesellschaftlicher Vielfalt und Teilhabe – so auch in ihrer aktuellen Schau „Whispers“ im Kunsthaus Hamburg.
Die Ausstellung als dynamischer Erfahrungsraum
Hier hat Kara einen raumgreifenden Bilder- und Objektgarten angelegt, in dem sich Kaffeesatzspuren über Raum und Wand verteilen, Keimlinge in Wasserbecken wachsen, Materie lebendig zu werden scheint. Auf den ersten Blick wird bereits klar, dass dieser Garten als ein auf allen Ebenen sinnlicher Erfahrungsraum angelegt ist, nicht als blühendes Idyll oder strenges Ordnungssystem – als ein dynamisches Feld, auf dem die Dinge in Beziehung stehen, gemeinsam wuchern, zerfallen und sich verändern. Damit hat Kara auch ein fruchtbares Setting für ihren Bilderatlas geschaffen – der selbst organisch in der Umgebung aufgeht, unter anderem in verbrannter Form, als Asche: was hier gerade keinen Akt der Zerstörung, sondern der Umwandlung und Deutungsöffnung bezeichnet. Kara macht die Fotografien zum materiellen Teil einer lebendigen Umgebung und stellt so deren transformative Kraft heraus, durch physische Auflösung und Neuformierung starre Wahrnehmungs- und Deutungsmuster durchbrechen zu können und neue Geschichten entstehen zu lassen. Mit „Whispers“ scheint im Kunsthaus alles im steten Wandel aufzugehen: Archive wachsen und schwinden, Erinnerungen werden wach, verändern sich, verblassen. Vergehen und Werden bedingen sich, sind essenzielle Bestandteile eines prozesshaften Ganzen, in dem auch die Bilder kommen und gehen – wie ein Flüstern, das beim Erklingen bereits im Begriff ist zu verhallen.

