Yalda Afsah: Rübenwurf und Feuerwerk

Soloshow der deutsch-iranischen Künstlerin Yalda Afsah mit drei Filmarbeiten, die sich um Gruppendynamiken und ritualisierte Handlungen innerhalb bestimmter Gemeinschaften drehen im Kunsthaus Hamburg
Hat den Blick für Gruppendymaniken in speziellen Communitys und erschafft daraus wirkungsstarke Videoarbeiten: die Künstlerin Yalda Afsah Courtesy die Künstlerin und Galerie Molitor Berlin
Hat den Blick für Gruppendymaniken in speziellen Communitys und erschafft daraus wirkungsstarke Videoarbeiten: die Künstlerin Yalda Afsah Courtesy die Künstlerin und Galerie Molitor Berlin (©Diana Pfammatter / CCA Berlin)

Die Anspannung in den Gesichtern der Jugendlichen ist deutlich zu sehen. In einer Mischung aus Freude und Furcht scheinen ihre Körper von Adrenalin durchflutet zu sein. Große Gruppen von ihnen haben sich auf den Straßen in Piornal, einem Städtchen im Südwesten Spaniens, zusammengefunden, um offenbar in einen Kampf zu ziehen – bewaffnet mit eigenartigen Wurfgeschossen: Rüben. Mit voller Wucht schleudern sie die Wurzel- und Knollengewächse durch die Luft. Doch gegen wen sich diese Gewalt richtet oder ob es sich hier nicht etwa um eine traditionelle Zeremonie fern eines tatsächlichen Straßenkampfes handelt, bleibt offen – zumindest bei den Aufnahmen, die die Künstlerin Yalda Afsah von dieser Szenerie für ihren Film „Jarramplas“ gemacht hat. Bewusst spart sie bestimmte Kontextinformationen aus und konzentriert sich so ganz auf die Dynamiken innerhalb der emotional aufgeladenen Personengruppen – wodurch sich für die Betrachtenden eine mehrdeutige Grauzone auftut zwischen Dokumentation und Inszenierung, objektiver Beobachtung und subjektiver Blickführung.

Yalda Afsah: Mit künstlerischen Perspektiven auf unterschiedliche Communitys

Auf diese Weise konstruiert Afsah eine bewusst künstlerische Perspektive auf tatsächliche Ereignisse und spezielle Communitys – ein Ansatz, den sie auch in zahlreichen anderen Filmarbeiten verfolgt, wie etwa in „Heat“ und „Pan“, die neben „Jarramplas“ derzeit im Kunsthaus Hamburg in ihrer Einzelausstellung „Temper“ gezeigt werden. In „Pan“ beschäftigt sich Afsah mit der Paneurythmie, einem spirituell motivierten Tanzritual, für das jährlich viele Menschen in das bulgarische Rila-Gebirge reisen. Auch in dieser Arbeit wendet Afsah künstlerische Eingriffe an, die weniger die Hintergründe der komplett in Weiß gekleideten Glaubens- und Tanzgemeinschaft ins Auge fassen, sondern kraft ruhiger Kamerabewegungen vielmehr die emotionale und psychische Sogkraft der Choreografien aufnehmen. „Heat“ wiederum dreht sich um ein deutlich lauteres und auch gefährlicheres Spektakel in der taiwanesischen Stadt Taitung: das Bombing of Master Handan Festival. Bei dieser Zeremonie bewegen sich Menschenmengen in Schutzkleidung durch die Nacht, vollständig umgeben von den Funken, Feuerzungen und Rauchschwaden explodierender Feuerwerkskörper. Afsah fängt filmisch die energiegeladene Verschmelzung von Klang, Bewegung und Licht ein, in deren Mitte die Menschen eine feiernde Schar bilden, der aber auch eine Bereitschaft zugrunde liegt, sich selbst und andere durch den Einsatz von Feuerwerk zu gefährden – was zu der Frage führen kann, ob oder bis zu welcher Grenze Gewalt innerhalb ritualisierter Praktiken normalisiert wird.

Ob nun die Formationen und Praktiken spiritueller Tanzgruppen, riskante Massenevents mit Sprengstoff oder absurd wirkende Straßenkampfszenen mit fliegendem Gemüse: Im Zentrum von Afsahs Arbeiten stehen immer komplexe Beziehungsgeflechte zwischen den Menschen und ihrer Umgebung. Und in diese Beziehungsgeflechte werden auch wir als Betrachtende eingebunden, egal, wie weit entfernt oder exklusiv die Kreise der Akteurinnen und Akteure sein mögen. Gerade durch bewusste Auslassungen in der Erzählung und eine Kameraführung, die mit der Dynamik und Stimmung der Personengruppen zu spielen scheint, teils aber auch durch die Suggestionskraft nachbearbeiteter Audio-Spuren werden Räume des Imaginierens, der Reflexion und des Mitfühlens frei: Als wären wir zugleich Teil des Geschehens und doch distanziert davon.

Dieser Artikel ist zuerst in der Printausgabe 10/26 der SZENE HAMBURG erschienen. 

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