Yana Ross über Theater, ihre Arbeit und den Blick auf die politische Lage

Yana Ross betreibt für Anton Tschechows Drama „Die Möwe“ anthropologische Forschungen vor Ort – und inszeniert das erste Mal in Hamburg im Deutschen Schauspielhaus

SZENE HAMBURG: Yana, du hast am Schauspielhaus Zürich „Der Kirschgarten“ inszeniert, am Berliner Ensemble „Iwanow“ und wirst jetzt am Deutschen Schauspielhaus „Die Möwe“ auf die Bühne bringen. Worin gründet deine Vorliebe für Anton Tschechows Dramen?

Yana Ross: Seine Denkweise und Sichtweise auf den Menschen kommen meiner künstlerischen Sprache und meinem Denken sehr nahe. Die Art, wie die Figuren sich bei ihm gegenseitig beleidigen, wie die Familie streitet, die Mutter ihren Sohn ignoriert oder der Bruder seine Schwester abweist, ist absolut zeitgemäß.

„Je mehr Menschen sprechen, desto weniger hören wir zu“

Yana Ross

Tschechows Figuren wirken immer sehr gefangen in ihrer eigenen Welt. Es gelingt ihnen nicht, wirklich in Kontakt miteinander zu treten …

Bei ihm scheitert die Kommunikation, weil alle immer gleichzeitig reden. Er suchte einen neuen Weg, die Taubheit unserer Gesellschaft auf die Bühne zu übertragen und wusste schon vor über hundert Jahren: Je mehr Menschen sprechen, desto weniger hören wir zu.

Ist es nicht problematisch, angesichts der aktuellen geopolitischen Situation einen russischen Klassiker zu inszenieren?

Es kommt darauf an, welchen. Die letzten drei Jahre habe ich mich mit einer „Dekolonisierung“ Tschechows beschäftigt, der in den westlichen akademischen Diskursen und im westlichen Theater vom russischen Imperium vereinnahmt wurde. Tschechow als Person und Schriftsteller hat einen sehr komplexen ukrainischen Hintergrund. Seine Großeltern väterlicherseits waren Ukrainer. Als Kind sprach er Ukrainisch. Er sang im griechischen Chor. Als er mit 19 Jahren nach Moskau zog, fühlte er sich wie ein Außenseiter. Auf der Krim, in Frankreich, Nizza, Italien und Singapur fühlte er sich viel mehr zu Hause. Das Wissen darum wurde in den letzten hundert Jahren sowjetischer Wissenschaft und Slawistik nahezu ausgelöscht.

Du bist in Moskau als Kind einer ukrainisch-polnisch-jüdischen Familie geboren, im Baltikum aufgewachsen, hast in den USA studiert und lebst heute in Vilnius, der Hauptstadt Litauens. Wie präsent ist in deinem Leben die Angst vor einem russischen Angriff auf deine Wahlheimat?

Wir machen uns keine Illusionen über unseren Nachbarn. Wir zeigen Widerstandsfähigkeit und proaktives Handeln, aber keine Angst. Als der große Ukraine-Krieg begann, lebte ich seit fast fünf Jahren in Zürich. Ich habe mich dann entschieden, nach Litauen zurückzukehren. Mein Mann und ich haben uns dort letztes Jahr ein Stück Land gekauft und ein Haus am See gebaut. Es war für uns eine bewusste Entscheidung, sozusagen Stellung zu beziehen und dem Universum die Botschaft zu senden, dass dies ein sicherer Ort ist.

Yana Ross über den Überfall Russlands auf die Ukraine

Du warst bis 2024 Hausregisseurin am Schauspielhaus Zürich. Nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine hast du vor dem Züricher Rathaus eine Mahnwache abgehalten und die Neutralität der Schweiz angeprangert. Verhalten sich auch Deutschland und Europa zu neutral gegenüber dem Krieg in der Ukraine?

Die Bevölkerung in Litauen hat eine unglaublich enge emotionale Beziehung zu den 5000 deutschen Soldatinnen und Soldaten, die sich jetzt als permanente Brigade in Vilnius mit ihren Familien niedergelassen haben. Ich halte dies für eine sehr starke Botschaft. Am Nationaltheater denken wir schon darüber nach, Vorstellungen mit deutschen Übertiteln zu spielen, um die Gelegenheit zu nutzen, einander besser kennenzulernen.

Du hast als Regisseurin in sehr vielen verschiedenen Ländern gearbeitet. Ist der Orts- und Perspektivwechsel wichtig für deine Arbeit?

Absolut. Ich sehe mich immer mehr als Anthropologin, für die die Erforschung der Kultur und des Ortes unerlässlich ist, um mit dem Publikum zu kommunizieren. Ich möchte eine Verbindung zur Stadt und zu den Menschen herzustellen. Das geschieht vor allem durch die Schauspielerinnen und Schauspieler, indem wir einander wirklich zuhören. In dieser aktiven Forschungsphase wollen wir herausfinden, mit welchem Stück wir es zu tun haben und wer wir selbst sind.

Was sind deine ersten Eindrücke von Hamburg?

Ich empfinde Hamburg als sehr nordische Stadt: die Möwen, das Wasser, die Architektur. Es fühlt sich für mich vertraut an, vielleicht, weil ich gerade in Göteborg und Kopenhagen inszeniert habe. Eine sehr kosmopolitische Stadt. Als Erstes sind mir die Pastéis de Nata aufgefallen, die es überall zu kaufen gibt, und ich habe mich gefragt, was all die Portugiesen hier machen. Der Beginn meiner anthropologischen Forschung.

Im Grenzbereich zwischen Leben und Tod werden manche Dinge sehr klar

Yana Ross

Es gab einen einschneidenden Moment in deinem Leben, in dem du beschlossen hast: Jetzt mache ich Theater. Das war im Jahr 2001, als die Terroranschläge auf das World Trade Center verübt wurden. Du hast zu diesem Zeitpunkt nur wenige hundert Meter entfernt in einem Bürogebäude gearbeitet … 

Auch diese Entscheidung war unbewusst vielleicht mit Tschechow verbunden. Er war 25, als er erfuhr, dass er an Tuberkulose litt, einer damals unheilbaren Krankheit. Von diesem Moment an wirkt sein Schreiben so präzise und verzweifelt, dass ich es mit Edvard Munchs Gemälde als „stiller Schrei“ bezeichnen würde. Wenn man weiß, dass man nicht mehr lange leben wird, hat man – glaube ich – eine besondere Kraft, etwas zu sagen.

Hattest du damals Angst zu sterben?

Zum Zeitpunkt von 9/11 war ich noch sehr jung und arbeitete für eine Nachrichtenagentur. Durch Zufall haben wir mit unserer Kamera das zweite Flugzeug gefilmt, das in das Gebäude flog. In meinem langen Leben ist dies die Erinnerung, die mir am lebhaftesten geblieben ist, und sie ist immer noch da. Einerseits ist es sehr banal: Man sieht, was gerade passiert – wie in Zeitlupe. Dann setzt der Verstand ein und das schlimmste Szenario beginnt sich im Kopf abzuspielen: der Beginn des Dritten Weltkriegs. In diesem Moment befanden wir uns in einem Glasgebäude und suchten mit unseren Kameras nach dem nächsten Flugzeug. Wir warteten auf einen weiteren Angriff. Dann erkannten wir, dass die Gebäude einstürzen würden, und dachten: Vielleicht fallen sie in unsere Richtung. In diesem Grenzbereich zwischen Leben und Tod werden manche Dinge sehr klar.

Inwiefern?

Man möchte seine Mutter, sein Kind anrufen und begreift, worum es im Leben eigentlich geht: Man selbst schafft die Bedeutung in der sehr kurzen Zeit, die man auf diesem Planeten verbringt. Darum geht es auch bei Tschechow. Ich hatte eine sehr schöne Karriere im Film- und Fernsehbereich. Ich reiste mit internationalen Crews und trank morgens um acht Uhr Champagner auf der Fashion Week in Paris. Nach diesem Ereignis hatte nichts davon mehr einen Sinn. Ich musste ganz von vorne anfangen, fand meinen Weg zurück zur Theaterschule und ging nach Yale. Ich wollte Theaterwissenschaft studieren und später vielleicht unterrichten. Dann stellte ich fest, dass ich eine Regisseurin bin. Das hat mich auf einen neuen Weg katapultiert. An meinem ersten Tag in Yale erhielt ich übrigens eine mehrhundertseitige Kopie mit dem Titel „Hamburgische Dramaturgie“ von Gotthold Ephraim Lessing. Ich erinnere mich, dass ich mich fragte: Was ist das für ein wunderschönes Gebäude auf dem Titelblatt? Es war das Deutsche Schauspielhaus. Und hier bin ich nun!

Dieser Artikel ist zuerst in SZENE HAMBURG 01 / 26 erschienen.

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