Yüksel Yavuz über seinen Hamburger Kultfilm „Kleine Freiheit“ 

Mehr als zwanzig Jahre nach der Yüksel Yavuz Erstveröffentlichung ist der Kultfilm „Kleine Freiheit“ wieder in einigen Hamburger Kinos zu sehen. Ein Gespräch mit Regisseur Yüksel Yavuz über seine prägenden Jahre in Hamburg, seine Einladung nach Cannes und das fehlende Gespür für Migrationsgeschichten in Deutschland
Yüksel Yavuz kam in den 1980er-jahren mit 16 nach Hamburg. Im Jahr 2003 veröffentlichte er seinen Film „Kleine Freiheit“ 
Yüksel Yavuz kam in den 1980er-jahren mit 16 nach Hamburg. Im Jahr 2003 veröffentlichte er seinen Film „Kleine Freiheit“ (©Savaş Boyraz)

SZENE HAMBURG: Im April wird dein Film „Kleine Freiheit“ aus dem Jahr 2003 wieder aufgeführt. In der Regel macht man so was anlässlich eines Jubiläums, aber in diesem Fall sind es 23 Jahre. Warum also jetzt?

Yüksel Yavuz: Meine ersten drei Filme wurden in die Liste des Programms der 500 zu erhaltenden Filme zur Digitalisierung und Sicherung des Deutschen Filmerbes aufgenommen. Als „Kleine Freiheit“ mit der Digitalisierung dran war, habe ich festgestellt, wie frisch und aktuell der Film ist, wenn man bedenkt, dass Flüchtlinge seit der Wiedervereinigung ein Dauerthema in Deutschland sind. Die Regierung Merz will unter Rechtsdruck den über eine Millionen syrischen Flüchtlingen den Schutzstatus entziehen und sie in ein Land abschieben, in dem der Westen die Islamisten an die Macht gehievt hat, die vor den Augen der Weltöffentlichkeit Massaker an Minderheiten begehen. Der damalige Produzent des Films, Peter Stockhaus, ist inzwischen unter die Verleiher gegangen. Und da war es nahe liegend, den Film wieder aufzuführen.

Du hast mal gesagt, dass der Film leider nicht den Weg eingeschlagen hat, den du dir gewünscht hättest. Welcher wäre das gewesen?

Wenn ein Film nach Cannes, zum wichtigsten Filmfestival der Welt, eingeladen wird, geht man davon aus, dass dieser zumindest beim Arthouse-Publikum Neugierde weckt. Er kam erst 2004, also ein Jahr später, mit ein paar Kopien ins Kino. Da war die Luft schon raus. Das fand ich damals sehr ungerecht. Jetzt bekommt der Film eine neue Chance. Es ist ein sozialkritischer Film. Ich hoffe, dass er eine Diskussion darüber in Gang setzt, warum sich in diesem Land an der Wahrnehmung der Migrantinnen und Migranten nichts ändert.

Der Film erzählt, wie sie die Stadt als ,Illegale‘ wahrnehmen

Yüksel Yavuz

Es gibt ja solche Filme, in denen das urbane Setting eine wichtige Rolle spielt, und die deshalb in der jeweiligen Stadt häufig Kult-Charakter entwickeln. In Hamburg sind das etwa Filme wie „Nordsee ist Mordsee“, „Rocker“ oder „Kurz und schmerzlos“ – auch „Kleine Freiheit“ gehört dazu. Was bedeutet es dir, einen solchen „Hamburg-Film“ verantwortet zu haben?

Meine ersten drei Filme haben sehr starken Hamburg-Bezug. Ich kam 1980, im Alter von sechzehn Jahren, nach Hamburg und habe die ersten drei Jahre in einer Barackensiedlung in Neuenfelde, am Rande der Sietas-Werft gewohnt. Diese nannte man „Klein-Istanbul“. Vom Elbdeich aus sah ich nachts die Lichter der Stadt Hamburg und träumte davon, eines Tages dort anzukommen. Nach drei Jahren kam ich in die Stadt und habe zuerst in Eimsbüttel, dann in Wilhelmsburg, neun Jahre in St. Georg und vierzehn Jahre lang auf St. Pauli gewohnt, wo sich die Geschichte in meiner unmittelbaren Umgebung abspielt. Ich bin fast ausschließlich zu Fuß zum Set gegangen.

Wer ihn damals nicht gesehen hat: Worum geht es in „Kleine Freiheit“?

Bei „Kleine Freiheit“ geht es um zwei Jugendliche, die die Stadt Hamburg als ihre neue Heimat betrachten. Kaum sind sie aber sechzehn Jahre alt, rutschen sie in die „Illegalität“ ab. Der Film erzählt, wie sie die Stadt als „Illegale“ wahrnehmen, aber darin nicht leben dürfen und jederzeit abgeschoben werden könnten. Die Stadt Hamburg im Allgemeinen, der Stadtteil St. Pauli und der Hafen im Besonderen, wo sie sich meist bewegen, werden zu einem Sehnsuchtsort. Ich und der Kameramann Patrick Orth, mit dem ich zusammen studiert habe, haben versucht, diesen Seelenzustand der Jugendlichen, ständig auf der Hut zu sein vor der Polizei, das Eingeschlossensein, und die migrantische Perspektive kinematografisch zu erfassen. Und das ist uns gut gelungen.

„Die Deutschen sind anscheinend krimisüchtig“

Yüksel Yavuz

Du hattest den Film damals auch bei der Berlinale eingereicht, wo er abgelehnt wurde. Bei den Filmfestspielen in Cannes wiederum lief er. Wie war es damals, den Film einem Weltpublikum zu präsentieren?

Es ist der Traum eines jeden Filmemachers, zum wichtigsten Arthouse-Festival nach Cannes eingeladen zu werden. Die Exportunion des Deutschen Films (German Cinema) hat in dem Jahr der Auswahlkommission aus Cannes dreißig Filme zur Sichtung vorgelegt. Am Ende sollen sie sich bedankt und gesagt haben, sie hätten schon einen Film aus Deutschland – und das war unser Film. Wir haben ihn aber über andere Kanäle eingereicht. Beim Deutschen Empfang in Cannes beschwerte sich die damalige Staatsministerin für Kultur und Medien, Christina Weiss, die ja zuvor Kultursenatorin in Hamburg war, über die Festivalleitung, dass sie wieder keinen deutschen Film in den Wettbewerb aufgenommen hätten. Sie erwähnte in ihrer Begrüßungsrede den Film „September“ von Max Färberböck und den Film „Vater und Sohn“ von Alexander Sokurov, der eine deutsch-russische Koproduktion war. Über unseren Film hat sie kein einziges Wort verloren, obwohl er in Cannes mit Standing Ovations aufgenommen wurde. Zwanzig Jahre danach passierte dem Filmemacher İlker Çatak Ähnliches. Als sein Film „Das Lehrerzimmer“ für den Oscar für den besten ausländischen Film nominiert wurde, und er mit seinem Film bei der Oscarverleihung war, fanden die meisten etablierten deutschen Medien es nicht für erachtenswert, seinen Namen zu erwähnen.

Du hast mal formuliert, dass du das Gefühl hast, aufgrund deiner Herkunft oder deiner sozialpolitischen Themen in den Gremien, Redaktionen und Jurys übersehen zu werden, und hast angemerkt, dass eine fehlende Sensibilität für diese Themen besteht. Inwiefern?

Ich habe meine ersten drei Filme mit der Redaktion „Das Kleine Fernsehspiel“ beim ZDF realisiert, das bekanntlich eine Nachwuchsförderung ist. Die Redaktion hat Mitte der Neunziger erkannt, welch ein Potenzial unsere Geschichten haben, die einen anderen Blick auf die Gesellschaft werfen, nämlich aus der Sicht der Migrantinnen und Migranten. Die Moin Filmförderung Hamburg und Schleswig-Holstein war die führende Institution, die unsere Filme (von Fatih Akin, Ayse Polat, Buket Alakus u. a.) unterstützt und die „Neue Deutsche Welle“ ermöglicht hat. Sie wurde in den Folgejahren aber im Keim erstickt. Die Spielfilmredaktionen bei den öffentlich-rechtlichen Sendern haben leider nicht das Gespür für unsere Geschichten entwickelt. Untersuchungen zufolge sitzen noch nicht mal vier Prozent Menschen mit Migrationsgeschichte in den Redaktionen und Filmfördergremien. Diversität ist dort immer noch ein Fremdwort, obwohl wir hierzulande inzwischen über ein Viertel der Bevölkerung ausmachen und Deutschland ein Einwanderungsland ist. Schließlich zahlen wir auch Rundfunkbeiträge. Hinzu kommt, dass über die Jahre immer mehr Sendeplätze für Kinokoproduktionen zugunsten der schlechten Krimis Platz machen mussten. Auch meine deutschen Regiekollegen haben es immer schwerer, ihre Filmprojekte zu realisieren. Die Deutschen sind anscheinend krimisüchtig.

Dieses Interview ist zuerst in der SZENE 04/26 erschienen.

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