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Zur Mühlenklause in Billhorn – Glück hinter Gardinen

Zur Mühlenklause: Die Kneipe kurz vor den Billhorner Elbbrücken ist Zufluchtsort und zweites Zuhause für Locals und Touris. Ein Ortsbesuch.

Text und Fotos: Erik Brandt-Höge

Die dicke, milchige Glastür aufgezogen, den mit Leder gesäumten Vorhang zur Seite geschoben und hinein in den schummerigen Lichtmix aus Bierreklame, Jukebox und Spielautomaten. Hier, in dichtem Rauch hinter graubraunen Gardinen, zwischen Dutzenden maritimen Malereien, Schiffsglocken, Geigen, Girlanden und allerhand anderem Gedöns, kann vom restlichen Rothenburgsort, ach, vom Rest der ganzen Stadt pausiert werden. Es gibt Getränke und Gesellschaft statt Sorgen und Nöte, jeden Tag von morgens bis nachts. Seit 60 Jahren ist die Mühlenklause, die kleine Kneipe kurz vor den Billhorner Elbbrücken, ein Zufluchtsort und zweites Zuhause für Locals und Touris. Erfolgsgeheimnis: Alles bleibt, wie es ist, nichts verändert sich.

 

Spielhallen und Schneiderei

 

„Die Bar lief und läuft immer gut“, sagt Betreiberin Christine Jürs, die es sich in einer der knarzigen Sitzecken gemütlich gemacht hat. „Das liegt einerseits am Festhalten an der Einrichtung, aber natürlich auch an den drei Hotels in der Nähe (Holiday Inn, Bridge und Elbbrücken; Anm. d. Red.).“ Vor neun Jahren hat Christine die Mühlenklause von ihren Eltern übernommen, ihr Vater ist verstorben, ihre Mutter regelt nach wie vor alle Büroangelegenheiten. Die Familie hat einiges hinter sich im Hamburger Unterhaltungsbetrieb. Angefangen mit Spielhallen, danach in Antiquitäten gemacht. „Wir hatten einen Laden in der Wandsbeker Chaussee“, erzählt die 44-Jährige und grinst, „der sah genauso aus wie die Kneipe heute, überall stand und hing oller Kram herum.“ Christine war gerade 17, als ihre Eltern die Mühlenklause kauften. „Ich habe damals eine Schneiderlehre gemacht, hätte bei Jill Sander anfangen können, in der Norderstedter Schneiderei. Aber mir ging es wie meinen Eltern: Mein Herz hing an der Kneipe.“

 

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„Ich liebe sie alle“: Betreiberin Christine über ihre Gäste. Foto: Erik Brandt-Höge.

 

Kurze in Knallfarben

 

Christine zieht an ihrer Zigarette, hat Zufriedenheit im Blick. „Es war die richtige Entscheidung. Und mein Mann Rolf, der im Hafen arbeitet, macht auch immer mit, hilft mir zum Beispiel an der Bar oder ist einfach nur da.“ In dem Moment steht er tatsächlich hinterm Tresen. „Warm oder kalt“, fragt er eine junge Frau, die Bier bestellt hat. Christine klärt auf: „Gibt ja Menschen mit Magenproblemen. Wir haben natürlich kühles Bier, aber auch einen Kasten auf Zimmertemperatur.“ Neben dem Kasten stehen allerhand bunte Kartons: Kleiner Kobold, Kleiner Klopfer, Kleiner Waldi. Die Kurzen in den knalligen Farben seien vor allem bei der Laufkundschaft beliebt, die zwischen Hotel und Kiez hin und her tingelt, sagt Christine. „Für die habe ich sogar angefangen, Mexikaner zu machen.“ Und mit etwas Stolz in der Stimme: „Den Doppelten gibt es hier schon für 2,50 Euro. Um die Ecke kostet der einen Euro mehr.“

 

Blind kuscheln

 

Ein Gast hat sein Kleingeld in die Jukebox gesteckt. Es kommt was von der Compilation „Kuschel-Klassik 1“, ein Schmachtfetzen von Mariah Carey. Neben dem Mann mit den Musikwünschen sitzt Brit, eine alte, blinde Hundedame, eingehüllt in einen weinroten Hundemantel. „Komm kuscheln!“, ruft Christine, und Brit kommt. Sie und ihr Herrchen zählen quasi zum Inventar, so Christine, während der Carey-Chorus seinen kitschigen Höhepunkt erreicht: „Zwei meiner Allerliebsten. Wobei ich sagen muss: Ich liebe sie alle, die Stammkunden genauso wie die Kiez-Touristen.“ Den typischen Mühlenklausen-Gänger gebe es eh nicht. Nur eines könne sie beobachten: „Die älteren Nachbarn kamen früher im Pyjama hierher. Mit den Jahren wurden die Gäste jünger. Liegt wohl daran, dass die Jugend heute auf so alte Kneipen steht, sie irgendwie kultig findet.“

 

ABBA und Augen zu

 

„Machst du mir ’n kleinen Sambi?“, ruft Christine Richtung Rolf, der gerade dabei ist, aus einem Haufen Bierdeckel ein Haus zu bauen. Für die Chefin lässt er alles liegen, gießt sofort Sambuca ein und gerät beim Servieren kurz ins Straucheln. Brits Herrchen hat sich für ein Solo-Tänzchen entschieden und wirbelt zu ABBAs „Mamma Mia“ wild durch die Klause, in einer Hand warmes Bier, die Augen genüsslich geschlossen. Der Anblick und der Schnaps euphorisieren Christine: „Das kannst du alles hier machen“, schwärmt sie, „das und noch mehr.“ In ihrem Lokal dürfe jeder sein, wie er eben ist. Und wahrscheinlich hat sie Recht: Der verrauchte Mikrokosmos hinter der Milchglastür ist ein Hort für Ausgelassenheit.

Zur Mühlenklause: Billhorner Mühlenweg 26


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2019. Das Magazin ist seit dem 28. Februar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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