John Lemon: Russisch Koks und Kegelbahn

Die Eckkneipe in Eimsbüttel hat kein W-Lan aber eine Kegelbahn und wird von den Machern des Yoko Mono im Karoviertel betrieben

Wer mit dem urigen Bild einer Kneipe im Kopf hier ankommt, wird überrascht sein. Die Räume strahlen mit glatten Oberflächen und kühlen Farben nicht die übliche Wärme und Gemütlichkeit aus. Das John Lemon ist eine abgespeckte Version einer Kneipe und setzt aufs Prinzip „reduce to the max“.

Übrig geblieben von der einstigen Eckkneipe ist die Kegelbahn im hinteren Teil der Bar. Sie versprüht, neben dem Fakt, dass man rauchen darf, den stärksten Stammkneipen-Charme. Wenn Leute in anderen Kneipen irgendwann vom Tresen aufstehen, um Kickern zu gehen, dann kann man hier viel cooler sagen: „Wollen wir ’ne Kugel schieben?“

Dass der Laden im Herzen eine Eckkneipe geblieben ist, in der sich Freunde auf ein Bier treffen, das zeigt sich an den Worten über dem Tresen: „No WLAN! Drink and … talk!“. Der Rat fruchtet. An den Holztischen sitzen keine Smartphone-Zombies, die sich wischend mit Ferienfotos langweilen, sondern schnatternde Gäste.

Nima Garouspour, Mitinhaber des John Lemon, sagt, er wolle nur bodenständige Bars betreiben. Nima und die Lokalität haben Vergangenheit. Als Kind ging er oft an der Ecke vorbei, wo damals schon eine Kneipe war. Einige Besitzer später hat er sie übernommen: „Das hat sich ganz spontan ergeben.“ Mit seiner jetzigen Mitinhaberin habe er am Tresen gesessen und die Verkaufsanzeige entdeckt. „Dann sind wir gleich rüber in den Laden und haben nachgefragt.“

Was in seiner ersten Bar – dem Yoko Mono im Karoviertel – funktioniert, hat er auch aufs John Lemon übertragen. Die Getränkekarte wurde samt den Preisen eins zu eins übernommen. Ihm war es wichtig, dass die Preise nicht erhöht werden, nur weil man annehme, dass die Gäste so nahe dem Schanzenviertel mehr auf der Tasche haben. Die Karte ist so solide und minimalistisch gehalten wie das Interieur.

Der einzige bunte Hund ist der Kurze „Russisch Koks“, ein Wodka mit einer in Zucker und Kaffeepulver gewendeten Zitronenscheibe. Die Cocktails werden vor dem Servieren fachgerecht mit einem sauberen Strohhalm probiert. Bardame Kateryna (Foto) liefert außerdem die schönste Allegorie auf die Bar: Ihre weiße Bluse ist ordentlich bis oben hin zugeknöpft aber salopp zerknittert …

John Lemon
Vereinsstraße 34 (Eimsbüttel)
Mo-So ab 18 Uhr
0,3 Liter Bier 2,50 Euro

Text: Sara Lisa Schäubli
Foto: Jakob Börner

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