LesBar. Düsterbusch City Lights von Alexander Kühne

Literatur-Ressortleiterin Jenny V. Wirschky weiß, was unsere Leser lesen wollen. Oder sollten. In ihrer Kolumne gibt sie euch ihre persönlichen Lese-Empfehlungen

Duesterbusch City Lights von Alexander Kuehne

Duesterbusch City Lights von Alexander Kuehne

Alexander Kühne wirkt ungefähr so nerdy wie Benedict Cumberbatch als Sherlock Holmes – und zwar im durch und durch positiven Sinne. Als ein pop-punkoider Regimegegner der DDR schreibt er in Düsterbusch City Lights über seine Geschichte als Jugendlicher in Ostdeutschland.

Als die Mauer noch stand und die Musik- und Clubszene der rettende Fels der Ostjugend war: Kühnes autobiografischer Roman, dessen Titel übrigens auf Finsterwalde im damaligen Ortsjargon rekurriert, ist zwar zu 50 Prozent ausgedacht, man nimmt ihm die ostdeutsche Liebesgeschichte und ihren harschen, selbstironischen Ton trotzdem in Gänze ab.

Die Deutsche Demokratische Republik schreibt das Jahr 1989, Anton Kummer (Kühnes heldenhaftes Alter Ego) ist 24 und „seine Zeit in der Zone schien abgelaufen“. Er erzählt von seinem Vater, der auf ein Bier zur „Fressluke“ fährt, von seiner Tante Klara, die die Familie immer mit „Westzeug“ versorgt: „Mitten auf der Autobahn stopfte Tante Klara meinem Vater von hinten eine Banane ins Gesicht, sodass er ins Schleudern kam“. Chapeau! – so transformiert man ein barockes Klischee erneut in findige Komik.

Im Flutlicht all der Gestalten dieser verwitterten Republik gelten Sowjetsoldaten als Befreier vom Faschismus, linienuntreue Westpfarrer als Figuren der politischen Erleuchtung und der neue Trainer des HSV als gerade rechtes Gesprächsthema am Stammtisch mit Bier „auf dem nie Schaum war“. Bei diesem DDR-typischen Spaßgetränk planen Anton und seine Kamarilla eine New-Wave-Band und den passenden Club. Doch zuvor ist noch ein FDJ-Jugendclub zu gründen. Das vollständige Gegenteil dessen, was die musikalische Wahlverwandtschaft mit ihrem Sound gegen die Langeweile eigentlich aussagen will. Und dann überwirft sich dieses Stillleben einer wilden DDR-Jugend, Anton Kummer wird „überraschend“ Vater, nennt seine Tochter „in einem Anflug von Romantik“ Marie-Louise und überhaupt kommt alles anders. Wie immer.

Bei all dem freudvollen Sarkasmus und seinem sympathisch schamlosen Jargon, stützt Kühne sich aber doch auf die Hardfacts der DDR-Geschichte – auf seine Stasi-Akte! Bei der Recherche zu seinem Roman muss er sich deshalb auch mit mehr oder weniger gescheiten Analysen auseinandersetzen, die er als angehender Pop-Punker zum Besten gegeben hatte: „schwarz + weiß = Völkerfreundschaft“. Zum Glück ist trotzdem was aus ihm geworden.

Alexander Kühne: Düsterbusch City Lights, Heyne Hardcore Verlag, 381 Seiten, 14,99 Euro


Jenny V. WirschkyWho the fuck is… Jenny?

Name: Jenny V. Wirschky

Alter: 32

Ressort: Literatur

Buch für eine einsame Insel: Gustav Schwabs „Sagen des Klassischen Altertums“

Muss ich endlich mal lesen: Das Alte Testament und Marx‘ Kapital

Was wir alle lesen müssten: 

Prosa: Der Meister und Margarita (Michael Bulgakow)

Lyrik: Liebe Anarchie (Axel Reitel)

Philosophie: Dialektik der Aufklärung (Max Horkheimer und Theodor W. Adorno)

 


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