Obdachlos: Die Vertriebene

Wo sich circa 1.858.000 Hamburger in ihre beheizten vier Wände verziehen, kämpfen an anderer Stelle 2.000 Menschen um Wärme. Die will verdient werden. Und das nicht nur an Heiligabend. Eine von ihnen ist Cheyenne. Sie lebt auf der Straße.

Die standen hier, glaube ich, zu fünft oder sechst von der Stadtreinigung, dann die Polizei und zwei Leute von der Stadt“, sagt die 50-Jährige. Rot-braunes Haar, die Seiten abrasiert, lackierte Fingernägel für eine ermutigende Portion Selbstwertgefühl und ein wacher, aufgeregter Blick. Cheyenne hat gerade ihre Räumungsaufforderung erhalten. Bis zum nächsten Morgen muss sie hier weg sein. Hier? Das ist die Nische unter der U-Bahnbrücke Landungsbrücken an der Helgoländer Allee. Weg sein? Das heißt, mit ihren zwei Hunden, Sack und Pack weiterziehen.

Cheyenne mit einem ihrer zwei Hunde. Sie sind ihr ganzer Stolz, ihr Halt und einzige Konstante

Dann geht’s in die Übernachtungsstätte Pik As. Die Stadt hat ihr dort ein Zimmer organisiert. Sie sagen, sie hätten Cheyenne im Vorfeld über die Räumung informiert. „Ich wusste von nichts. Die eine Frau meinte, sie hätte doch mit mir gesprochen. Nein, und sie hat mir auch keine Adressen gegeben. Es ärgert mich einfach.“ Sie fühlt sich einerseits übergangen und bevormundet und ist andererseits dankbar für die neue Bleibe. Innerhalb eines Tages muss sie ihre Sachen in die Neustädter Straße bringen. Ohne Auto, ohne Hilfe von außen. Zwei Zelte und eine Kommode, das einzige Möbelstück, das Cheyenne besaß, haben die Müllmänner gleich entsorgt. Eine Matratze und ein Schlafsack sind das höchste der Komfortgefühle, die ein Obdachloser haben darf. In den Augen des Bezirksamtes gilt alles andere als Unrat oder Sperrmüll.

Sie habe zu viel Krempel, bemängelten die Männer. Sie fragt sich: „Wer bestimmt das? Wenn sie gesagt hätten ,Möbel weg‘. Alles gut, dann hätte ich sofort geräumt“, sagt Cheyenne energisch. Aber nun sei nicht mal mehr der Aufenthalt unter dem kleinen Brückenstück erlaubt. „Warum denn aber da hinten?“ Sie nickt in Richtung der Obdachlosengruppe unter der Kersten-Miles-Brücke. Nicht mal 200 Meter von Cheyennes Platz entfernt hat sie sich dort dauerhaft eingerichtet. Die fünf Männer mit ihrem Camp werden unter bestimmten Auflagen vom Bezirksamt Mitte geduldet. In der Vergangenheit war es häufig zu Reibereien zwischen Behörden und den Wohnungslosen gekommen. 2011 wurde ein Zaun rund um den Platz aufgestellt, um sie zu vertreiben. Auch ein Brand und zunehmender Unrat sorgten für Ärger.

Wahres Glück auf der Straße: Ein ständiger Begleiter und Essensvorrat

Für den generellen Aufenthalt obdachloser Menschen in der Stadt gibt es klare Regeln: Die Grün- und Erholungsanlagenverordnung erlaubt das Zelten in Parks und auf Freiflächen nicht. Bei der Brücke drückt die Stadt allerdings ein Auge zu, da dies keine reine Freifläche sei und somit eine Grauzone bilde. Regelmäßig schauen Polizei und Stadtreinigung nach dem Rechten. „Wenn es wieder zu vermüllt ist, wird aufgeräumt. Zelte, Möbel und offenes Feuer sind verboten“, betont Pressesprecherin Sorina Weiland vom Bezirksamt Mitte.

Cheyenne hat schon einiges gesehen – Köln, den Taunus, die Eifel, Bayern. Ende 2015 kommt sie nach einer abgesessenen achtmonatigen Haftstrafe nach Berlin, die Gegend um den Bahnhof Zoo ist ihr Zuhause. In dieser Zeit ist sie glücklich. Sie hat einen Partner, die Menschen, mit denen sie auf der Straße lebt, nennt sie ihre Familie. Cheyenne hat das Gefühl, gebraucht zu werden. Als Chef und Oberhaupt der Gruppe wird sie respektiert und ist Ansprechpartnerin für die Sorgen und Nöte „ihrer“ Familie. Auch mit der Polizei oder dem Sicherheitspersonal der Deutschen Bahn gibt es keine Probleme.

Seit zwei Monaten lebt die in der Pfalz Aufgewachsene nun in Hamburg auf der Straße. Eigentlich sei sie wegen eines Mannes in die Hansestadt gekommen. Sie schaut zur Seite, zwinkert. „Jeder täuscht sich mal.“ Auf einem T-Shirt liest sie den Spruch: Hamburg ist wie Berlin, nur geiler. „Das stimmt schon. Es ist entspannter hier und leichter zu arbeiten. In Berlin gibt es zu viele Obdachlose, zu viel Konkurrenz beim Flaschensammeln“, weiß Cheyenne. In einer Nacht mache sie hier 60 Euro Pfandgeld. Klingt gut. Hamburgs Kehrseite: Es gibt keinen Zusammenhalt. Hier wird sie häufig beklaut und abgezogen. Powerbanks sind beispielsweise heiß begehrt. Vertrauen ist ein rares Gut auf der Straße. Das macht es Cheyenne manchmal schwer. Sie sei zu gutmütig, sagten schon ihre Berliner Leute. Aber sie möchte sich nicht ändern. „Vertrauen ist doch das, was die Welt braucht. Ein großes Herz mit Vertrauen. Ich will nicht so werden wie die anderen.“ Die anderen? Damit meint sie nicht nur einen Großteil der Menschen, die ihren Weg täglich kreuzen, sondern auch obdachlose Kollegen. „Wenn ich Gast im Haus bin, nehme ich ja auch nichts mit. Ich habe noch Hoffnung, dass ich irgendwie mal jemanden finde, der genauso zurückgibt.

Das Zimmer im Pik As ist für sie keine Dauerlösung. Mit all ihrem Hab und Gut teilen sich zwei bis acht Menschen dort einen Schlafraum. „Man muss immer ein Auge offen haben. Sonst wird man beklaut. Es gibt Stress und man holt sich vielleicht sogar noch irgendwelche Krankheiten“, sagt Cheyenne. „Warum soll ich mir das antun? Dann lieber einen Schlafsack mehr.“ Auch das alljährliche Winternotprogramm sei für sie keine Option. Damit ist sie nicht allein. Das Angebot ist unter Obdachlosen nicht beliebt, obwohl die Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration positive Zahlen verlauten lässt: Vergangenes Jahr wurden 2.100 Beratungsgespräche geführt und 278 Aufnahmen ins Hilfesystem eingeleitet. Die Zahl der Sozialarbeiter wurde aufgestockt, wodurch mehr individuelle Beratungen ermöglicht wurden.

Cheyennes Traum hingegen ist gerade zum Greifen nahe. Ein Gartenhäuschen ist im Gespräch. Die Vermittlung läuft über Bekannte. „Das ist Freiheit: Ich kann die Gartentür aufmachen und die Hunde laufen lassen.“ In eine Wohnung will sie nur ungern zurück. „Was habe ich davon? Klar, du kannst abends nach Hause kommen, aber dann sitze ich allein dort und keiner ist da.“ Wie sie jetzt mit der neuen Situation und ihrem Umzug ins Pik As umgehen soll, weiß sie nicht. Viel Zeit, um darüber nachzudenken, bleibt ihr auch nicht. Sie muss schleunigst ihren Platz räumen und sich bei der Übernachtungsstätte melden. „Es gibt nicht viel, was Mensch oder Hund auf der Straße hat, was er wirklich liebt und woran er festhält. Jetzt ziehen wir in eine Unterkunft. Ich bin zwar froh, dass ich von der Straße runterkomme, aber wie das werden soll? Keine Ahnung.“ – Am nächsten Tag ist ihr Platz leer.

/ Text: Christiane Mehlig

/ Fotos: Michael Kohls

 


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