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Serie: Start-up! Das Betahaus

Nach der Pleite folgt der große Wurf: Das Betahaus in der Schanze boomt. Auch weil die Macher auf eine clevere Querfinanzierung setzen

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„You’ll never work alone“.  Foto: Philipp Jung

„Dein Schreibtisch mitten in der Schanze – ab 60 Euro netto monatlich bist du dabei.“ Was klingt wie völlig irres Möbel-Leasing, ist tatsächlich eine günstige Angelegenheit, zumindest im Hamburger Betahaus, aus dem das Angebot stammt. In dem vierstöckigen Gebäudekomplex in der Eifflerstraße kann für eben diesen Betrag am Co-Working teilgenommen werden, also dem Nebeneinanderarbeiten von vielen Menschen aus nahezu genauso vielen Branchen. „Im Zeitalter der digitalen Welt wollen wir einen Ort schaffen, an dem Leute wieder physisch zueinander finden“, erklärt Robert Beddies (Foto rechts), seit 2015 zusammen mit Julia Oertel Betahaus-Geschäftsführer.

„Wir wollen die Leute zu uns holen, die mit ihren Ideen zu Hause in der Küche sitzen und einen bezahlbaren Platz suchen, wo sie mehr daraus machen können.“

Erster Versuch endet in Insolvenz

Der 35-Jährige kennt die Entstehungsgeschichte seines Betriebs nur aus Erzählungen: „Es war 2010, als sich Freelancer einer kleinen Software-Entwicklungsbude zusammentaten. Sie begannen, in ihrem Haus immer freitags die Türen aufzumachen, einerseits für Interessierte aus demselben Fachbereich, auch aber für Leute aus anderen Berufsfeldern. Sie wollten einfach mal gucken, was passiert. Das Ergebnis war eine extreme Bereicherung.“ Und eine Geschäftsidee, die kurzerhand umgesetzt wurde: Das Betahaus entstand. In der Lerchenstraße boten die Gründer – das Betahaus Berlin, Johannes von Bargen, Mindmatters GmbH & Co. KG, Lars Brücher und Lena Schiller Clausen – rund 40 Co-Workern fortan einen Platz an.

Das Areal war im Vergleich zum heutigen Betahaus winzig. 250 Quadratmeter mussten reichen, um das Modell am Laufen zu halten. Eine Rechnung, die nicht aufgehen sollte: „Wenn plötzlich 15 Mieter wegbrechen, hat man auf so wenig Platz ein Problem“, so Beddies. Genauer: Das Betahaus musste 2013 Insolvenz anmelden.

Nächster Schritt: Vergrößerung

Während andere Unternehmer sich in dieser Lage auf das Backen von kleineren Brötchenkonzentriert hätten, ja sich womöglich ganz zurückgezogen hätten, hatten die Betahaus-Gründer nach der Pleite einen überraschenden Plan: Sie dachten größer.Die beiden Altgesellschafter Brücher und Mindmatters kümmerten sich zusammen mit dem Schweizer Investor Alfonso von Wunschheim um eine neue Trägergesellschaft (Hub23 Co-Working UG) und bespielten gleich um die Ecke, in der Eifflerstraße, die zehnfache Fläche des ersten Betahauses.

Das Konzept: eine Querfinanzierung. Konferenzräume wurden an finanzstarke, sprich bereits funktionierende Firmen vermietet, wodurch der Mietpreis für die noch nicht etablierten Co-Worker immer erschwinglicher und der oben stehende 60-Euro-Slogan möglich gemacht wurde. Wobei Beddies unterstreicht, dass die Freiberufler zuerst da waren: „Die Attraktivität für Unternehmen konnte erst entstehen, weil hier zahlreiche interessante Leute sitzen. Wenn zum Beispiel eine Gruppe einer Fluggesellschaft einen Raum bucht, ist es für sie spannend, an der Kaffeebar auf einen Designer mit einem weiterführenden Einfall zu treffen.“

Mittlerweile sind es 450 potentielle Einfallsgeber, die vor allem im Betahaus- Erdgeschoss, dem trubeligsten Teil des Gebäudes, arbeiten. Zwischen Blumenvasen, Espressotassen und handgemalten Sprüchen an der Wand („You’ll never work alone“) werden Co-Worker von einem Kern-Team aus nur acht Leuten – unter ihnen auch Beddies – betreut.

 

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Foto: Philipp Jung

Es müssen „die richtigen Leute“ sein

Managerin der Masse aus Träumern, Tüftlern und Gründern: Teelke Meyer (Foto links). „Für Außenstehende mag es wirken wie ein Flohzirkus“, sagt die 29-Jährige lachend, „wir hingegen sehen ein offenes Miteinander, einen Austausch zwischen Menschen verschiedenster Hintergründe und Altersstufen“. Sicher, so Meyer, es müssten „die richtigen Leute mit einem ähnlichen Mindset“ sein, die hier zusammenfinden. Wer einen Nutzen vom Betahaus haben und auch etwas an selbiges zurückgeben möchte, merke dies schon bei der ersten Führung durchs Haus. Auch werde nicht versucht, unbedingt mehr und mehr Mieter zu gewinnen: „Es dürfen zwar noch weitere Co-Worker dazukommen, aber ab einer bestimmten Größe besteht die Gefahr, dass es anonymer wird. Momentan kenne ich fast jeden persönlich, das darf gerne so bleiben.“ Und Beddies und seine Partner? Die haben kürzlich schon wieder expandiert. Gegenüber, im Haus 73, haben sie den Betasalon eingerichtet, groß genug für eine Präsentation, Lesung oder ein Unplugged-Konzert. Beddies: „Es ist ein Test, wie gut wir in der Lage sind, einen zweiten Ort zu betreiben, der ganz anders ist.“ Auch hier scheint die gezielte Vergrößerung zu fruchten: Der Salon ist täglich in Benutzung.

/ Erik Brandt-Höge / Fotos: Philipp Jung

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