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Judith Holofernes: „Die Träume anderer Leute“

Judith Holofernes_© Christoph Voy-klein
Judith Holoferenes hat vor kurzem ihr erstes autobiografisches Buch veröffentlicht. Ein Gespräch über Komplimente, Bauchgefühle und Musik (©Christoph Voy)

Als Frontfrau von Wir sind Helden ist Judith Holofernes zum Popstar geworden. Zehn Jahre ist die Auflösung der Band nun her. In der Zwischenzeit hat Holofernes zwei Soloalben sowie einen Gedichtband veröffentlicht und auf dem Social-Payment-Portal Patreon zu neuer Unabhängigkeit gefunden. Vor Kurzem ist ein weiteres Buch von ihr erschienen, diesmal ein autobiografisches: „Die Träume anderer Leute“

Interview: Daniel Schieferdecker

SZENE HAMBURG: Judith, dein Buch „Die Träume anderer Leute“ ist nun schon eine ganze Weile erhältlich. Wie ist bisher die Resonanz darauf?

Judith Holofernes: Ganz wunderschön! Was mich besonders freut, ist, wie sehr die Leute sich selbst und ihre eigenen Fragestellungen darin wiederfinden, obwohl meine Geschichte ja schon eine sehr spezielle ist.

Gab es Feedback, das dich besonders gefreut hat?

Das schönste Feedback kam von anderen Autor:innen, die mir tolle, ausführliche Mails dazu geschrieben haben. Und natürlich von anderen kreativen Menschen, Musikerinnen zum Beispiel, die mir gesagt haben, dass sie sich ganze Passagen angestrichen und mit Ausrufezeichen versehen haben.

„Am Ende hatte ich das Gefühl, dass ein so bekannter Wir-sind-Helden-Song im Titel missverständlich sein könnte.“
Judith Holofernes

„Der Schwerpunkt liegt auf der Zeit nach ‚Wir sind Helden‘“

Du hast ja, für deine Fans ersichtlich, bereits auf Patreon viel geschrieben und das für deine Patreon-Unterstützer veröffentlicht. Ist daraus die Idee zu einem Buch erwachsen oder ist die schon vorher in dir gegärt?

Am Anfang war ich mir nicht sicher, ob das Ganze wirklich ein Buch werden würde. Dieses Nachdenken über das Danach, über den Neuanfang nach einem großen Erfolg, das ist schon ein sehr nischiges Thema. Aber meine Abonnent*innen auf Patreon haben mich schnell davon überzeugt, dass da doch vieles drinsteckt, das über meine eigene Geschichte hinausgeht, und dass ich durch das Aufschreiben vielleicht andere Menschen in ihren Entscheidungsprozessen, ihrem eigenen Loslassen, unterstützen kann.

Der Arbeitstitel für dein Buch war eigentlich „Von hier an blind – Vom Versuch, in Würde weniger Erfolg zu haben“. Warum hast du das Buch letztlich anders genannt?

Hihi. Auch nicht schlecht. Am Ende hatte ich das Gefühl, dass ein so bekannter Wir-sind-Helden-Song im Titel missverständlich sein könnte. Es geht zwar auch um meine Zeit mit Wir sind Helden, aber der Schwerpunkt liegt ja schon deutlich auf der Zeit danach. „Die Träume anderer Leute“ ist zwar auch ein Heldensong, war aber nie eine Single, und am Ende hatte ich das Gefühl, dass es im Buch so viel um Träume geht, darüber wie man sie verliert und wiederfindet, dass ich den Titel noch passender fand.

„Man muss wohl oder übel auch über andere Leute schreiben“

Judith holofernes - die traeume anderer leute
„Die Träume anderer Leute“ ist „die Biografie, die nie einer schreibt“ (©Kiepenheuer & Witsch)

Wir haben 2019 mal ein Interview geführt, in dem es vorrangig um Patreon ging, und da hast du mir bereits erzählt, dass du an dem Buch arbeitest. Wie lange hast du insgesamt daran gearbeitet?

Drei Jahre! Durch die Unterstützung meiner Patrons konnte ich mir richtig schön viel Zeit lassen. Das werde ich bei der nächsten Runde wieder ganz genauso machen. Einfach langsam und gemächlich vor mich hin schreiben und die Texte erst mal nur für meine Patrons hochstellen. So kann ich auch wieder deren Feedback und Fragen einbauen, um an den Texten zu feilen, das war unheimlich wertvoll.

Damals hast du gesagt: „Das könnte die Biografie werden, die nie einer schreibt.“ Hast du das Gefühl, dass sie das geworden ist?

Ja, unbedingt. Die meisten Biografien konzentrieren sich ja auf die Jahre des großen Erfolgs, manchmal noch auf den spektakulären Abstieg, inklusive Drogensucht und Elend. Aber dieses ganz normale Erwachsenwerden nach einem frühen Erfolg, das würdevolle Weitermachen, darüber schreibt selten jemand.

Du hast damals auch gesagt, dass man sich mit einem solchen Buch sehr verletzlich macht. Hattest du Angst vor der Veröffentlichung?

Und wie! Ich muss auch zugeben, dass ich es immer noch nicht so einfach finde. Es ist eine Sache, so etwas zu schreiben, aber etwas ganz anderes, ständig darüber reden zu müssen.

Gab es Passagen, die dir dann doch zu persönlich waren und die du letztlich rausgenommen hast? Und wenn ja, warum konkret?

Oh ja. Meistens waren das Passagen, die andere Leute betreffen und nicht absolut essenziell waren für das, was ich zu erzählen hatte. Das ist mit das Schwerste an diesem Genre, dass man wohl oder übel auch über andere Leute schreiben muss.

„Songschreiben ist diffuser und assoziativer“

Kunst an sich ist für Künstler ja oft ein Ventil, durch das sie Persönliches verarbeiten. Das liegt in einem autobiografischen Buch sowieso in der Natur der Sache. Hast du bei der Arbeit an dem Buch bestimmte Bereiche ausgemacht, die dringend einer Aufarbeitung bedurften? Hat das geklappt?

Ja, für mich und mein eigenes Verstehen war das Schreiben unheimlich wichtig. Ich wollte natürlich keine reine Schreibtherapie machen, das hätte für die Lesenden wahrscheinlich wenig Unterhaltungswert und wäre auch literarisch nicht so richtig spannend. Aber trotzdem ist es sehr wertvoll für mich gewesen. Das Schreiben zeigt einem genau, wo die eigenen Lücken sind, wo es hakt in der Erinnerung, wo man selber nicht genau weiß, wie man eigentlich zu bestimmten Entscheidungen gekommen ist. Es zeigt ganz deutlich, an welchen Stellen man sich selbst noch nicht so richtig versteht.

„Mein größtes Hindernis war ganz sicher meine eigene Unklarheit und meine pathologische Freundlichkeit“
Judith Holofernes

Auch beim Schreiben von Songs findet eine Verarbeitung/Aufarbeitung statt. Was hast du nun für dich als effektiver empfunden?

Das Songschreiben ist diffuser, assoziativer, und dadurch vielleicht ein bisschen magischer. Ein Buch zu schreiben ist gnadenloser und vollständiger, man kann nicht ausweichen, nichts auslassen.

„Den eigenen Instinkten, Abneigungen, Wünschen und Körpergefühlen absolute Autorität geben“

Es geht in dem Buch ja auch darum, wie du dir trotz all der Zwänge, Mechanismen und Strukturen der heutigen Gesellschaft dein Leben zurückgeholt hast. Welches waren die größten Barrieren, die dich zuvor davon abgehalten haben?

Ich hatte früh sehr eindeutige Bauchgefühle dazu, dass ich dieses Umfeld, die kommerzielle Musikindustrie, hinter mir lassen muss. Gleichzeitig wollte ich aber noch Musik machen und konnte somit nicht ganz loslassen. Es wäre einfacher gewesen, wenn ich mich etwas ganz Neuem zugewandt hätte. Ich habe mir dadurch noch lange Zeit Dinge aus- und andere einreden lassen. Mein größtes Hindernis war ganz sicher meine eigene Unklarheit und meine pathologische Freundlichkeit. Dadurch war ich noch lange Zeit sehr beeinflussbar.

Gibt es so etwas wie „Tipps für jedermann/jederfrau“, die du insbesondere Frauen mit auf den Weg geben wollen würdest, die sich auf die eine oder andere Art gefangen fühlen?

Ihren eigenen Instinkten, Abneigungen, Wünschen und Körpergefühlen absolute Autorität zu geben. Sich nicht umleiten zu lassen auf Träume, die anderen Leuten besser in den Kram passen.

„Auch bei Wir sind Helden waren mir die Texte unheimlich wichtig“
Judith Holofernes

Der Weg zu deiner kreativen Unabhängigkeit durch Patreon wurde unter anderem ja auch von Amanda Palmer geebnet, deren Buch „The Art Of Asking“ du gelesen hattest. Welches sind denn die, sagen wir mal, drei wichtigsten Bücher in deinem Leben, die dich stark geprägt haben?

Außer „The Art of Asking“?  Hmmm. Ich bleib mal bei Büchern über Kunst, oder über kreatives Leben, ja? Sonst kann ich mich nicht entscheiden. Also: „On Writing Memoir“ von Mary Karr, die auch das wunderbare Buch „Der Club der Lügner“ geschrieben hat. „How To Be Idle“ von Tom Hodgkinson, dem Nichtstunsphilosophen, und „Bird By Bird,“ ein weiteres Buch über das Schreiben, von der wunderbaren Anne Lamott.

„Ich liebe es, zu lesen!“

Die „SZ“ hat sinngemäß über dich geschrieben, dass du nur zufällig zwischendurch mal Popstar gewesen bist, du aber eigentlich und vorrangig eine irrsinnig gute Autorin seist. Was macht das mit dir, wenn du so etwas über dich liest?

Oh, das ist toll! Das freut mich wahnsinnig, das ist doch ein wunderschönes Kompliment. Ich finde auch nicht, dass es das schmälert, was ich mit den Helden gemacht habe. Auch da waren mir ja die Texte immer unheimlich wichtig.

Bist du generell eine große Bücherleserin? Wie viele Bücher schaffst du so im Monat oder Jahr? Welches Buch, außer deinem natürlich, sollte man unbedingt häufiger verschenken?

Ich liebe es, zu lesen! Es gibt kaum etwas, was mich glücklicher macht. Ich versuche aber, nicht auf Masse zu gehen, nicht schnell zu lesen, nur damit ich mehr unterkriege. Ich muss zugeben, dass das im Moment ein bisschen schwieriger wird, weil ich über „Die Träume anderer Leute“ so viele neue Freundschaften zu Autor:innen schließe, mit denen ich dann natürlich Bücher tausche. Im Moment ist der Stapel neben dem Sofa schon ganz schön hoch. Und weil ich nicht an mich halten kann, kaufe ich mir trotzdem ständig spontan Bücher dazu, oder eine Graphic Novel. Als Letztes habe ich ein großartiges „Graphic Memoir“ entdeckt, also eine Autobiografie in Comic-Form, „Der Araber von morgen“ von Riad Sattouf. So schön! Und davon gibt es sechs Bände! Ich hab erst mal zu tun.

„Die Träume anderer Leute“ von Judith Holofernes, Kiepenheuer & Witsch, 416 Seiten, 24 Euro; 

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