Edvin Revazov: „Ich kann nicht aufhören, an den Krieg zu denken“

Kurz nach dem russischen Angriff auf die Ukraine hat Edvin Revazov das Hamburger Kammerballett gegründet. Mit „5 Seasons“ treten die geflohenen Tänzerinnen und Tänzer zum zweiten Mal im ganz großen Rahmen an der Elbe auf
Zweiter Auftritt des Hamburger Kammerballetts in der Elbphilharmonie: Edvin Revazovs „5 Seasons“
Zweiter Auftritt des Hamburger Kammerballetts in der Elbphilharmonie: Edvin Revazovs „5 Seasons“ (©Marek Audirsch)

SZENE HAMBURG: Herr Revazov, unmittelbar nach Beginn des Krieges fanden aus der Ukraine geflohene Tänzerinnen und Tänzer im Hamburger Kammerballett eine berufliche Perspektive und eine künstlerische Heimat. Sie selbst sind in Sewastopol geboren, kamen 2003 nach Hamburg und prägen seither das Profil des weltberühmten Hamburg Ballett, das John Neumeier 51 Jahre lang leitete. Was bewog Sie, eine eigene Compagnie zu gründen?

Edvin Revazov: Ich wollte diesen geflüchteten Menschen helfen. Ich musste etwas tun, und am besten hilft unsere Arbeit, diese Situation zu „verarbeiten“. Glücklicherweise haben auch uns sofort andere Menschen geholfen, Amelie Deuflhard stellte eine Bühne auf Kampnagel zur Verfügung, John Neumeier hat uns unterstützt.

Wann trat die neue Compagnie erstmals vor Publikum auf?

Schon wenige Wochen nach Kriegsbeginn, im April 2022, noch als Projekt. Obwohl wir uns fremd waren, entwickelte sich alles sehr organisch. Zur ersten Formation habe ich ein paar Tänzer vom Hamburg Ballett dazu gebeten, um etwas Größeres machen zu können. Sie kamen abends, nach einem anstrengenden Tag, um 18 Uhr dazu und haben mit uns bis 22 Uhr geprobt. Diese Unterstützung meiner Kollegen hat mich sehr berührt. So konnte in nur zehn Tagen „For The Air That We Breathe“ entstehen.

Demnächst arbeiten Sie in eigenen Räumen. Wo trainierte und probte das Hamburger Kammerballett bisher?

Wir können die Räumlichkeiten im „Ballettzentrum – John Neumeier“ und die Ballettsäle der Oper nutzen, das war und ist eine enorme Hilfe.  

Welche Möglichkeiten eröffnen sich künftig mit „ResiDance“ im Oberhafenquartier? 

Wir werden unser eigenes Zuhause haben. Diese Compagnie gehört irgendwo hin. „ResiDance“ bietet einen Probenraum und ein Theater mit 120 Plätzen, Garderoben, Büroräume. Perfekt für die tägliche Arbeit. Aber wir werden auch mit anderen Künstlern kooperieren, so wird das Bundesjugendballett ebenfalls dort produzieren. Und wir öffnen den Ort für Vermietungen. Alle sind willkommen.

Auf der Überholspur: von Kleinspielstätten in die Elbphilharmonie

Zu Beginn trat das Hamburger Kammerballett in kleinen Spielstätten wie dem First Stage Theater auf, im vergangenen Jahr dann zum ersten Mal in der Elbphilharmonie. Vom Off-Theater zu Hamburgs Top-Adresse in noch nicht einmal vier Jahren …

Ja, das ging schnell. Aber es war auch Glück dabei. Musiker und Musikerinnen haben uns unentgeltlich begleitet, die Kostümabteilung der Oper half mit dem Ausleihen von Kostümen. Aus so etwas Grausamem wie dem Krieg in der Ukraine entsteht so etwas Schönes in Hamburg: Die Tänzer und Tänzerinnen sind hier, und wir sind inzwischen schon bekannt geworden. 

Am 6. Juni steht in der Elbphilharmonie eine musikalische und choreografische Uraufführung auf dem Programm: „5 Seasons“. Geht es um Jahreszeiten?

Der Ukrainer Edvin Revazov tanzt seit 2003 im Hamburg Ballett, ab 2010 als Erster Solist  (©Christina Gotz)

Ja, neben Frühling, Sommer, Herbst und Winter kennt man in Nordamerika den „Indian Summer“. Im Osten haben wir „Babje Leto“, das bedeutet „Frauensommer“. Der findet auch Ende des Sommers statt, wenn das warme Wetter sich zurückzieht. Das ist die fünfte Saison, sie dauert bis zu zwei Wochen. Ich choreografiere für jede Jahreszeit einen Pas de deux, dazu habe ich fünf Paare aus unterschiedlichen Compagnien eingeladen: aus Dresden, Mailand, Wien, dem Hamburg Ballett und dem Hamburger Kammerballett. Aus Wien kommt übrigens Alessandro Frola (ehemaliger Erster Solist des Hamburg Balletts, Anm. d. Red.), er wird als Partner von Anna Laudere tanzen. Es ist ein abstraktes Ballett, es geht darum, Atmosphären zu schaffen. Ich überlege, wie ich den Sommer repräsentieren kann und lasse mich davon inspirieren, wie der Sommer klingt, wenn Leon Gurvitch ihn komponiert.

Ich wollte diesen geflüchteten Menschen helfen

Edvin Revazov

Mit diesem Komponisten und Pianisten aus Belarus und seinem Ensemble arbeiten Sie wiederholt zusammen. Was ist besonders an Ihrer Kooperation?

Das ist schon unsere dritte Zusammenarbeit. Er ist sehr flexibel. Ich kann ihn anrufen und sagen: Ich brauche hier ein bisschen weniger, dafür dort etwas mehr Musik. Und er nimmt es nicht persönlich, er versteht, dass es nicht gegen seine Musik geht. 

Das Hamburger Kammerballett besteht aus sechs Tänzerinnen und Tänzern als Kernensemble. Sie laden indes regelmäßig Gäste ein …

Ja, ich möchte, dass meine Compagnie andere Tänzerinnen und Tänzer kennenlernt. Das ist eine Motivation für die Ukrainer*innen, eine Art Vorbilder, von denen sie lernen können. Aber für das Kammerballett zu choreografieren, bleibt die Hauptsache. 

Voneinander lernen: der Tanz der anderen 

Die Compagnie tanzt nicht nur Ihre Werke, Sie laden auch Choreografen als Gäste ein. Wie viele choreografische Handschriften kennt das Ensemble inzwischen?

Wir tanzen Choreografien von Marco Goecke, Paul Lightfoot und Sol Leon, Aleix Martínez, und John Neumeiers „Hamlet Connotations“ haben wir einstudiert.  

Seit 23 Jahren gehören Sie als Tänzer zum Hamburg Ballett, wann haben Sie gemerkt, dass der Choreograf in Ihnen seinen Raum neben dem Tänzer fordert?

Mit der Gründung des Kammerballetts. Neben John Neumeier bin ich immer noch Anfänger.

Aber Sie haben doch schon 2011 im Rahmen der „Jungen Choreografen“ eigene Werke gezeigt?

Das war eher eine Übung. So schnell kann man kein Choreograf werden, es ist ein langer Prozess. 

Das Hamburger Kammerballett hat den Anspruch, sich gesellschaftlich relevanten Themen anzunehmen. In „re:public“ zum Beispiel geht es um die Bedeutung von Gemeinschaft. Wie sehr fließt Ihre Sorge um Ihre Familie in der Ukraine in Ihre Arbeit ein?   

Ich kann nicht aufhören, an den Krieg zu denken. Die Situation in der Ukraine lässt mich nicht in Ruhe. Ich probiere, es wegzuschieben und etwas weniger zu dieser Thematik zu choreografieren. In „White Noise“ habe ich mich damit auseinandergesetzt, auch in „Requiem“. Ich versuche, andere Themen zu nehmen, aber die Bedrohung in der Ukraine kommt immer wieder in meinen Balletten vor.

Sie haben die künstlerische Leitung des Hamburger Kammerballetts, sind Choreograf, aber weiterhin auch Erster Solist im Hamburg Ballett. Wie passt das in einen Arbeitsalltag?

Es passt. (lacht) Ich finde es wichtig, in Hamburg im Tanzbereich eine Alternative zur Staatsoper zu haben. In der Oper muss alles funktionieren, eine sehr hohe Qualität haben. Bei uns natürlich auch, aber unsere Strukturen sind flexibler. Wir können noch ein bisschen mehr experimentieren und haben größere Freiheiten.

Abonniere unser
"Heute in Hamburg"
Update per E-Mail oder WhatsApp!

Die spannendsten Events in der Stadt und das Neueste aus der Hamburger Gastro- und Kulturszene. Wir halten dich auf dem Laufenden. 😃

👉 Stattdessen via Messenger abonnieren

Wir senden keinen Spam! Erfahre mehr in unserer Datenschutzerklärung.

Abonniere unseren Newsletter!

Erhalte jeden Tag die besten Empfehlungen für deine Freizeit in Hamburg.

Unsere Datenschutzbestimmungen findest du hier.

#wasistlosinhamburg
für mehr Stories aus Hamburg folge uns auf