SZENE HAMBURG: Frau Almstädt, Sie haben zunächst als Innenarchitektin gearbeitet. Wie kam es dazu, dass Sie Schriftstellerin geworden sind?
Eva Almstädt: Ich hatte schon während der Schulzeit den Wunsch, Schriftstellerin zu werden. Mit zwölf habe ich kleine Krimis und Pferdegeschichten geschrieben. Aber nach der Schule wollte ich das meinen Eltern nicht antun, ihnen zu sagen, dass ich Autorin werden möchte. Sie hätten sich Sorgen um meine finanzielle Zukunft gemacht. Deshalb habe ich erst mal Raumausstatterin gelernt, Innenarchitektur in Hannover studiert und dann in einem Möbel- und Küchengeschäft gearbeitet. Als ich später eine Familie gegründet habe, kam es aber so, dass ich mit zwei kleinen Kindern in Schleswig-Holstein auf dem Land saß und gerne wieder arbeiten wollte. Mit zwei Kindern als Innenarchitektin tätig zu sein, ist allerdings sehr schwierig. Da dachte ich mir: Gut, dann schreibe ich jetzt meinen ersten Roman, und so entstand der erste Band meiner Ostseereihe „Kalter Grund“.
Und warum Regionalkrimis?
Das hat sich so ergeben. Als ich mit dem Schreiben anfing, lebte ich in einem Dorf mit circa 1000 Einwohnern an der Ostsee. Da musste ich als gebürtige Hamburgerin erst mal ein paar neue Regeln lernen. Das ist ein wenig anders als in der Stadt. Man achtet auf dem Land viel mehr aufeinander und ich bin gleich aufgenommen und zu Veranstaltungen eingeladen worden. Es gibt sowohl positive als auch negative Aspekte an dieser Form des Zusammenlebens. Auf dem Dorf wird ganz genau darauf geguckt, wer du bist und was du machst.
Als ich dann mit dem Schreiben begonnen habe, hatte ich die Idee, einen Krimi zu schreiben, in dem die ermittelnde Kommissarin, so wie ich, von außen in eine Dorfsituation kommt und als Städterin in einem ländlichen Umfeld ermitteln muss. So ist dann die Kommissarin Pia Korittki entstanden. In Richtung Regionalkrimi habe ich noch gar nicht gedacht. Ich habe die Geschichte einfach dort angesiedelt, wo ich gewohnt habe. Erst im Laufe der Reihe hat sich herausgestellt, dass es eine Ostseekrimireihe wird.
Ich bin Pia, ich bin der Mörder und ich bin auch das Opfer.
Eva Almstädt
Würden Sie sagen, dass viel von Ihnen in der Figur Pia Korittki steckt?
Meine Krimis sind aus verschiedenen Perspektiven erzählt, daher versuche ich, mich immer in die Lage jeder Figur zu versetzen. Insofern stecke ich in jeder Perspektivfigur zu einem kleinen Teil. Ich bin Pia, ich bin der Mörder und ich bin auch das Opfer. Pia Korittki ist mir dabei einerseits nah, andererseits ist sie nicht ich. Sie ist eine ganz andere Persönlichkeit. Ich könnte nicht bei der Kriminalpolizei arbeiten, dafür wäre ich nicht mutig genug.
Ihr neuer Roman „Ostseehölle“ ist bereits der 21. Band der Reihe. Was macht das mit Ihnen, die Figur Pia Korittki und ihre Geschichte so lange zu begleiten?
Für mich ist Pias Welt wie ein Paralleluniversum, das mich in der Schreibphase begleitet. Ich erarbeite mir die Geschichte in etwa drei Monaten und dann läuft diese ganze Handlung, wenn es gut läuft, wie ein Film vor mir ab und ich schreibe sie auf. In der Zeit bin ich so stark in der Geschichte, dass ich auch vor dem Einschlafen denke: Wie geht es morgen weiter? Wenn ich aber abgegeben habe, trete ich immer einen Schritt zurück, dann ist es weit weg, und im nächsten Jahr muss ich wieder in dieses Pia-Gefühl hineinkommen.
Vor einiger Zeit ist es mir aber tatsächlich passiert, dass ich anstatt zu meiner Wohnung zu Pias Zuhause gefahren bin. Das war während einer Schneekatastrophe. Ich wusste damals nicht, wie ich nach Hause komme. In meiner Panik bin ich dann tatsächlich zu dem Ort gefahren, wo Pia in meinem Roman leben soll. Das ist seitdem aber auch nie wieder vorgekommen.
Ich finde es schön, wenn die Leser die Chance haben zu sagen: Ah, den habe ich schon länger in Verdacht.
Eva Almstädt
Woher bekommen Sie nach über 20 Jahren immer neue Inspiration für neue Geschichten und Figuren?
Ich frage mich vor jedem neuen Krimi, wo das jetzt wieder herkommen soll. Für mich gibt es in der Recherche zwei Sachen, die wichtig sind. Das sind einmal Unterhaltungen mit Leuten, die mir von ihrem Leben erzählen. In diesen Gesprächen geht es nicht nur um kriminelle Geschichten, sondern auch um das Miteinander und um verschiedene persönliche Erlebnisse. Dabei verfremde ich diese Geschichten in meinen Romanen natürlich stark, damit sich niemand wiedererkennt. Die zweite Inspirationsquelle sind Orte. Vor jedem Roman fahre ich verschiedene Gegenden ab, auf der Suche nach einem Schauplatz für meinen neuen Roman. Vorher kann ich mit der Geschichte nicht anfangen. Ein Beispiel ist die Recherche zu „Ostseedämmerung“, dem 20. Teil der Reihe. Da stand ich irgendwann im November an einem Dorfteich mit schwarzem Wasser, in dem sich eine kleine Insel befand. Neben dem Teich lag ein Wäldchen, in dem ein „Betreten verboten“-Schild aufgestellt wurde. Ich stand da und dachte mir: Hier ist es, jetzt kann ich mit dem Krimi loslegen.
Ihr neuer Roman spielt zu einem großen Teil in der Lübecker Marienkirche. Wie kamen Sie auf diesen Ort als Hauptschauplatz?
Ich fand diese Kirche schon sehr lange faszinierend und wollte jahrelang eine Turm- und Gewölbeführung in der Marienkirche mitmachen. Im November, kurz bevor ich anfing zu schreiben, habe ich an so einer Führung teilgenommen, und ich wusste sofort: Hier muss der neue Roman spielen. Beim Schreiben merkte ich aber, wie kompliziert es ist, die Räume der Kirche richtig zu beschreiben, mit all diesen Türmen und den Wegen. Deshalb habe ich diese Führung dann noch einmal begleitet und einiges über die Kirche gelesen.
Eva Almstädt über mögliche zukünftige Projekte
„Ostseehölle“ ist auf Platz zwei der Spiegel-Bestsellerliste und auf dem ersten Platz des Börsenblattes eingestiegen. Steigt bei Ihnen dadurch auch der Druck, dass Sie immer wieder abliefern müssen, oder können Sie sich einfach über die Ehre freuen?
Mittlerweile steckt natürlich ein gewisser Druck dahinter. Im vergangenen Jahr sind sowohl meine Nordsee- als auch meine Ostseereihe direkt nach der Veröffentlichung auf dem ersten Platz gewesen. Das weckt auch Erwartungen in mir selbst, dass ich mit meinen Romanen irgendwie wieder gut einsteigen muss. Aber der Platz zwei ist auch toll und der erste Platz beim Börsenblatt natürlich ebenfalls. Ich bin da sehr zufrieden und glücklich.
Sie haben inzwischen auch eine zweite Reihe namens Akte Nordsee gestartet. Können Sie sich vorstellen, künftig auch einen Krimi zu schreiben, der in Hamburg spielt?
Ja, aber ich glaube, das würde dann eher ein Thriller werden. Meine Krimis leben davon, dass sie in geschlossenen Communitys erzählt werden und der Täter innerhalb einer kleinen Personengruppe zu finden ist. Hamburg wäre da einfach zu groß. Hier müsste man einen Unbekannten suchen, und das ist nicht die Art Krimi, die ich gerne schreibe. Ich finde es schön, wenn die Leser die Chance haben zu sagen: Ah, den habe ich schon länger in Verdacht.
Jetzt nach der Veröffentlichung des 21. Teils, ist von Ihrer Ostseereihe bereits ein 22. Band in Planung?
Ja, mehr als geplant. Ich bin jetzt ungefähr auf Seite 20. Aber mehr möchte ich noch nicht verraten.

