Geschlecht und Traumata: Blutbuch
Der vielfach ausgezeichnete Roman „Blutbuch“ von Kim de l’Horizon behandelt auf eindringliche Weise Fragen von Geschlecht, Trauma und sozialer Herkunft. Im Mittelpunkt steht die nicht-binäre Figur Kim, die sich mit der eigenen Familiengeschichte auseinandersetzen muss, als die Großmutter an Demenz erkrankt. Auf dieser Reise in die Vergangenheit versucht die Erzählfigur, das generationsübergreifende Schweigen von Mutter und Großmutter zu durchbrechen, um zur eigenen Identität zu finden. „Blutbuch“ gilt als außergewöhnlicher literarischer Befreiungsakt von unbewusst weitergegebenen familiären Prägungen. Der Roman erhielt sowohl den Deutschen als auch den Österreichischen Buchpreis und wurde in 17 Sprachen übersetzt.

Verbotene Liebe: Du und ich und der Sommer
„Du und ich und der Sommer“ ist ein zeitgenössischer Liebesroman mit Coming-of-Age-Elementen, der die Geschichte des 16-jährigen Jura erzählt. Er erlebt im Sommer 1986 in einem sowjetischen Pionierlager seine erste große Liebe zu dem älteren Gruppenleiter Wolodja. Die Autorinnen Katerina Silwanowa und Elena Malisowa schildern einfühlsam eine verbotene queere Beziehung in einem repressiven politischen Umfeld. Der Roman verbindet auf einfühlsame Weise persönliche Gefühle mit historischem Kontext und bleibt dadurch lange im Gedächtnis der Leserinnen und Leser. „Du und ich und der Sommer“ ist der erste Teil einer Trilogie. Die anderen Bände sind ebenfalls bereits übersetzt und auf dem deutschen Buchmarkt erhältlich.
Zwischen Gewalt und Liebe: Die Farbe Lila
„Die Farbe Lila“ ist einer der bedeutendsten Romane der amerikanischen Schriftstellerin Alice Walker. Er spielt im frühen 20. Jahrhundert im Süden der USA und behandelt zentrale Themen wie Rassendiskriminierung, Gewalt gegen Frauen, Identität und Liebe.
Die Geschichte folgt der jungen Celie, die im US-Bundestaat Georgia aufwächst und früh mit männlicher Gewalt konfrontiert wird: Ihr Vater missbraucht sie, und auch ihr erster Ehemann ist regelmäßig handgreiflich. Inmitten dieser Unterdrückung verliebt sich Celie in Shug, die Geliebte ihres Mannes, und erlebt durch sie, was Liebe wirklich bedeutet. Der Roman erzählt auf eindrückliche und emotionale Weise von Celies Weg aus Unterdrückung und bleibt wegen seiner gesellschaftlichen Relevanz ein prägender und gesellschaftlich wichtiger Klassiker.

Ein Roman voller Geheimnisse: John of John
Douglas Stuart zählt mittlerweile zu einem dieser Ausnahmeautoren, deren Bücher man nicht verpassen sollte. Sein letzter Roman „Young Mungo“ ist bis heute eine der wichtigsten Empfehlungen aktueller queerer Romane. Und auch sein neuestes Buch „John of John“ ist ein Erfolg und wurde 2026 für den Booker Prize nominiert.
Der Roman handelt von Cal, der, nachdem er nach Edinburgh geflüchtet ist, wieder in das harte Leben auf den Hebriden zurückkehrt. Sein Vater John beorderte ihn nach Hause. Die beiden sind einander so nah und kennen sich doch so wenig. So kennen beide nicht die wohlgehüteten Geheimnisse des anderen. Niemals würde Cal seinem Vater von seinem Partner erzählen. Zu groß ist die Angst vor der bekannten Strenge. Stattdessen sucht Cal immer mehr die Nähe von Johns bestem Freund Innes.
Douglas Stuart: „John of John“, Hanser Berlin, 560 Seiten, 26 Euro

Ode an die Freundschaft: Loveless
Asexualität ist einer der oft übersehenen Buchstaben der LGBTQIA+-Community. Umso wichtiger und schöner ist es, dass Alice Oseman sich in ihrem Roman „Loveless“ diesem Thema widmet. Im Mittelpunkt steht die 18-jährige Georgia, die noch nie verliebt war und auch noch keinen Kuss erlebt hat. Dabei liebt sie alles Romantische – von Liebesgeschichten über Hochzeiten bis hin zu Happy Ends. Doch was, wenn der oder die Richtige für sie vielleicht nie kommen wird und was, wenn sie das auch gar nicht will? Die „Heartstopper“-Autorin hat mit „Loveless“ eine weitere warme Wohlfühlgeschichte geschrieben, in der Freundschaft und die Kraft platonischer Liebe im Vordergrund stehen. Eine wichtige, emotionale Coming-of-Age-Erzählung, empfohlen ab 14 Jahren.

Go Gay. Go sad. Go dark: Fruit Fly
Fans von R. F. Kuangs Yellowface sollten sich den neuen Roman von Josh Silver nicht entgehen lassen. Fruit Fly zählt zu den meistdiskutiertesten queeren Romanen des Jahres 2026 und das zurecht. Der msatrische und teilweise auch düstere Roman beschäftigt sich mit Themen wie queerer Identität, mentaler Gesundheit und der bessesenheit von Authentizität. Der Roman ist in der deutschen Übersetzung ab April 2027 unter dem Namen „Fruchtfliege“ erhältlich.
Der Roman dreht sich um die Schriftstellerin Mallory. Sie kämpft mit einer Schreibblockade und meldet sich auf der Suche nach einer neuen Bestselleridee bei Grindr an, um Material für eine Schwule Tragödie zu finden. So trifft sie auf den jungen und obdachlosen Sexarbeiter Leo. Für Mallory ist er die perfekte Inspiration für einen weiteren Roman.
Josh Silver: „Fruit Fly„, Penguib Random House Verlag, 384 Seiten, 19,99 Euro

Einddrückliche Familiengeschichte: Dschinns
Fatma Aydemirs Familienroman „Dschinns“ stand 2022 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises und ist ebenfalls eine absolute Leseempfehlung. Die Geschichte beginnt mit Hüseyin, der sich nach 30 Jahren Arbeit in Deutschland den Traum einer eigenen Wohnung in Istanbul erfüllt, nur um am Tag des Einzugs an einem Herzinfarkt zu sterben. Zur Beerdigung reist die gesamte Familie aus Deutschland in die Türkei. Darunter der jüngste Sohn Ümit, der seine Sexualität vor seiner traditionellen Familie verheimlicht, und seine Schwester Peri, die politisch aktiv und queer ist.
„Dschinns“ erzählt die Geschichte von sechs Menschen, die zufällig miteinander verwandt sind und lernen müssen, miteinander auszukommen. Jeder von ihnen trägt seine eigene Geschichte, Geheimnisse, Wünsche und Wunden mit sich. Aydemirs Gesellschaftsroman wirft einen schonungslosen Blick auf das Konstrukt Familie und öffnet dabei tiefe, verletzliche Einblicke.

Ins Universum und zurück: Atmosphere
Ein Roman von Taylor Jenkins Reid gehört ebenfalls unbedingt auf die Liste der queeren Bücher und auch ihr aktuelles Werk „Atmosphere“ ist nicht ohne Grund ein großer Erfolg. Die Geschichte ist in den 1980er-Jahren angesiedelt und folgt der ehrgeizigen Astronautin Joan, einer der ersten Frauen bei der NASA. Dort verliebt sie sich in ihre Kollegin Vanessa, doch um ihre Karrieren zu schützen, müssen die beiden ihre Beziehung vor der Öffentlichkeit, ihren Freundinnen und ihren Familien geheim halten. Zwischen Weltraummissionen, familiären Konflikten und den Vorurteilen der damaligen Zeit versuchen die beiden Frauen, ihre Beziehung zu navigieren.
Nach dem Sensationsroman auf BookTok „Seven Husbands of Evelyn Hugo“ gelingt es Jenkins Reid erneut, eine besonders schöne queere Geschichte zu verfassen.

Politisch, persönlich und provokant: Trans. Frau. Sein
Das Sachbuch von Felicia Ewert beschreibt die bestehende Diskriminierungsmechanismen, die sich gegen transgeschlechtliche Menschen richten. Die Autorin gibt dabei gesellschaftliche Einblicke in die rechtlichen Aspekte des sogenannten „Transsexuellengesetzes“ sowie in medizinisch-psychologische Bereiche, etwa in die Praktiken bei der Erstellung entsprechender Gutachten. Das Buch „Trans. Frau. Sein: Aspekte geschlechtlicher Marginalisierung“ nähert sich dem Thema Transsein sowohl mit überspitzten satirischen Darstellungen als auch mit einer wissenschaftlichen Herangehensweise. Dabei dekonstruiert es den sogenannten Cissexismus – also die Diskriminierung oder Abwertung von trans*-, nicht-binären und intergeschlechtlichen Menschen. Autorin Felicia Ewert greift zudem auf eigene Erfahrungen zurück und verwebt autobiografische Elemente in den Text.

Queerer Fanatasy-Epos: Der Orden des geheimen Baumes
Shannon zeigt mit ihrer epischen Fantasiegeschichte, dass auch unsere Fantasiewelten nicht heteronormativ geprägt sein müssen. In ihrer Welt gibt es sowohl schwule und lesbische als auch asexuelle und bisexuelle Figuren. Dabei lohnt es sich auch, das Prequel des Buches zu lesen. Dieses heißt auf Deutsch „Das Kloster des geheimen Baumes“.
Die Fantasy-Reihe „Der Orden des geheimen Baumes“ stammt von der britischen Autorin Samantha Shannon. In der deutschen Ausgabe wurde ihr Erfolgsroman in zwei Bände geteilt: „Die Magierin“ und „Die Königin“. Die Handlung spielt in einer gespaltenen Welt. Im Westen herrscht Königin Sabran, deren Blutlinie das Reich vor uralten Bestien schützt – weshalb sie dringend eine Erbin hervorbringen muss, während ihr gleichzeitig Auftragsmörder immer näher kommen. Ihre einzige Hoffnung ist die Zofe Ead, die in Wahrheit eine Magierin des Ordens des geheimen Baumes ist. Auf der anderen Seite der Welt liegt das Reich Seiiki, wo Drachen wie Götter verehrt werden. Dort rettet eine junge Drachenreiterin einen Schiffbrüchigen und besiegelt damit ihr eigenes Schicksal.
Die erste große Liebe: Sundburn
Der einfühlsame Roman von Chloe Michelle Howarth erzählt von der ersten großen Liebe und über die Ängste, die sie mit sich bringt. Der 2023 veröffentlichte Roman ist bis heute einer der erfolgreichsten queeren Romane der letzten Jahre. Er war zudem auf der Shortlist des British Book Award 2024 sowie des Nero Book Awards 2024 vertreten.
Der Roman spielt in Irland Anfang der 90er Jahre und dreht sich um die Teenagerin Lucy, die sich in ihrem Leben völlig fehl am Platz fühlt. Während ihre Freunde vom Heiraten und Mutter werden träumen, spürt sie eine plötzliche Anziehung zu ihrer Freundin Susannah. Aus dieser zunächst unschuldigen Verliebtheit wird eine verzweifelte Liebe, die Lucy alles infrage stellen lässt, was sie bisher über sich zu glauben schien.
Chloe Michelle Howarth: „Sunburn“, pola Verlag, 336 Seiten, 13,99 Euro

Schuld, Liebe und Sinnlichkeit: In ihrem Haus
Der niederländischen Schriftstellerin Yael van der Wouden ist mit ihrem Roman „In ihrem Haus“ ein außergewöhnliches Debüt gelungen. Die Geschichte spielt Anfang der 1960er-Jahre in der niederländischen Provinz und folgt Isabel, die allein im Haus ihrer verstorbenen Mutter lebt und für ihren eigenbrötlerischen Charakter bekannt ist. Als ihr Bruder Louis seine neue Freundin Eva für einige Wochen bei ihr einquartiert, gerät Isabels geordnetes Leben aus dem Gleichgewicht. Plötzlich verschwinden Gegenstände im Haus, Isabels Misstrauen gegenüber Eva wächst, aber zugleich entwickelt sich in der drückenden Sommerhitze eine unerwartete Anziehung zwischen den beiden Frauen.
Mit großer Eindringlichkeit erzählt Yael van der Wouden von der verdrängten Schuld der Kriegsjahre und verbindet diese Themen mit einer sensiblen, vielschichtigen Geschichte über Begehren, Nähe und Liebe.
Für weitere spannende Buchtitel schau auf unserem Artikel über Bücher für Feminist:innen vorbei.

