Şeyda Kurt:„Ich hatte immer das Gefühl, ich bin in einer Parallelwelt“

Die Kölnerin Şeyda Kurt ist vieles: Journalistin, Sachbuchautorin, Speakerin, Moderatorin – und mit der Veröffentlichung ihres Debütromans „Zeit der Monster“ auch Schriftstellerin. Wir haben mit ihr über Buchverfilmungen von Fatih Akin, die politische Lage in Deutschland und den Spaß am Schreiben gesprochen
Erlebte bei der Arbeit an ihrem Debütroman „ein viel befreiteres und angstfreieres Schreiben als es das bei meinen Sachbüchern war“: Şeyda Kurt
Erlebte bei der Arbeit an ihrem Debütroman „ein viel befreiteres und angstfreieres Schreiben als es das bei meinen Sachbüchern war“: Şeyda Kurt (©)Harriet Meyer

SZENE HAMBURG: Şeyda, du hast bereits ein paar Sachbücher veröffentlicht. „Zeit der Monster“ ist nun dein erster Roman.

Şeyda Kurt: Stimmt. Ich habe schon als Kind viel geschrieben, auch viele Geschichten. Abe die Vorstellung, als Romanautorin irgendwann meinen Lebensunterhalt bestreiten zu können, war völlig abwegig. Deswegen habe ich – wie viele andere Menschen – ganz viele Umwege genommen: über den Journalismus, Moderation und so weiter – bis ich an den Punkt gekommen bin, an dem ich dachte: Jetzt kann ich einen Roman schreiben.

Aber warum jetzt gerade zu diesem Zeitpunkt?

Nach den Sachbüchern, mit der politischen Lage in Deutschland, dem autoritären Backlash, durch den sich die Meinungskorridore verengt haben, ist es immer anstrengender geworden, in der Öffentlichkeit über bestimmte politische Themen zu sprechen. Daher habe ich mir die Frage gestellt: Will ich ein weiteres politisches Sachbuch schreiben und mich damit wieder an die Front katapultieren? Oder finde ich nicht eine andere Art von Schreiben für mich gerade produktiver? Gibt es andere Dinge, die ich gerade erzählen möchte?

Wir kennen die Antwort.

In Zeiten von Klimakatastrophen, Kriegen und Genoziden, in denen Menschen das Gefühl einer pathologischen Zukunftsunfähigkeit umtreibt, habe ich mich gefragt, wie man gewisse Dinge über einen Roman erzählen kann, in dem es ja viel um Vorstellungskraft und Imagination geht – nicht nur bei den Menschen, die ihn lesen, sondern auch bei mir selbst. Ich wollte mich über eine Geschichte der Vorstellung nähern, dass es eh keine Zukunft gäbe und es sich nicht mehr lohne, für irgendwas zu kämpfen. Auch diesbezüglich war das ein sehr befreiender und lustvoller Schreibprozess. Das kannte ich so nicht vom Sachbücherschreiben.

Şeyda Kurt: „Beim Schreiben Spaß zu haben – das konnte ich mir vor dem Roman nie vorstellen“

Inwiefern hat sich das Schreiben an diesem Roman denn konkret von deiner sonstigen schriftstellerischen Arbeit unterschieden?

Es hat mehr Spaß gemacht. Wenn du Sachbücher schreibst, geht es sehr viel um Argumente, die du belegen musst. Man muss alles gut beieinander halten. Bei einem Roman hat man viel mehr Möglichkeiten, sich bis ins Unendliche hinein Dinge vorzustellen. Das ist einerseits gut, andererseits aber auch sehr beängstigend – weshalb ich große Ehrfurcht davor hatte. Denn wo fängt man an? Wo sind die Grenzen der Geschichte?

Wie hast du diese Angst aufgelöst?

Mir hat es geholfen, dass ich schon einen grob abgesteckten Schauplatz hatte, der ja auch sehr viel mit mir selbst zu tun hat: Köln-Kalk, wo ich aufgewachsen bin. Das ist der Ort, an dem ich mich während des Schreibens auch bewegt habe, war also fortwährend und unmittelbar in Kontakt mit der Welt, um die es ging; eine Welt, die ich gut kenne, die sich aber während des Schreibprozesses auch fortwährend für mich verändert hat – durch die neue Wahrnehmung, die sich über mein Schreiben auf die Dinge um mich herum auf mich übertragen haben. Das war spannend zu beobachten. Ich hatte immer das Gefühl, ich bin in einer Parallelwelt und Teil dieser Romanhandlung. Das war schön. Ein viel befreiteres und angstfreieres Schreiben als es das bei meinen Sachbüchern war, wo es immer ganz viele Fallstricke und Fettnäpfchen gab.

Welche meinst du?

So Sachen wie: Habe ich diese Person richtig zitiert? Ist das der aktuellste Stand des Diskurses? Hat zu dem Thema eine andere Person vielleicht schon viel elaborierte Sachen geschrieben?

Als du „nur“ Sachbuchautorin warst, hast du über das Schreiben mal gesagt, es würde dir Höllenqualen bereiten. Das hat sich durch das Romanschreiben nun offenbar verändert.

Ja, voll. Beim Schreiben Spaß zu haben – das konnte ich mir vor dem Roman nie vorstellen. Versteh mich nicht falsch: Ich bin auch beim Roman nicht feenhaft durch meine Traumwelt geschwebt und habe ein bisschen herumgezaubert. Auch da gab es Versagensängste und vieles, das ich im Vorfeld erst lernen musste. Ich wusste nicht, wie man plottet. Wie man Charaktere greifbar macht und beschreibt. Mir all das anzueignen war sehr, sehr anstrengend.

„Zeit der Monster“: Ein furioser Roman 

„Zeit der Monster“ von Şeyda Kurt  ist im Carl Hanser Verlag erschienen (©Carl Hanser Verlag) 

Du hast in Vorbereitung zum Schreiben des Romans zum ersten Mal ein Werktagebuch geführt. Was muss man sich genau darunter vorstellen?

Ich habe eh ganz viele Notizbücher, die ich für verschiedene Projekte führe. Mir hilft es, Dinge aufzuschreiben. Dann werden sie real und können nicht mehr verloren gehen. Hinzu kommt: Ich bin ein sehr vergesslicher Mensch – deswegen spielt Vergesslichkeit auch im Roman eine so große Rolle.

Inwiefern hat dir das Werktagebuch denn geholfen?

Die Sachbücher habe ich alle in relativ kurzer Zeit geschrieben. Für den Roman habe ich mir mehr Zeit gelassen und ein Jahr daran gesessen. Ich hatte Muße und Zeit, auch mit mir selbst ein bisschen in den Dialog zu kommen. Ich führe beim Arbeiten eh immer viele Selbstgespräche, und um all meine Ideen, Gedanken und Gefühle über einen längeren Zeitraum beisammen zu halten, war das Führen eines Werktagebuchs sinnvoll. Man denkt über Autor:innen ja häufig, die machen das alle in ihrem stillen Kämmerlein, abgeschieden von der Außenwelt, aber man ist ja trotzdem noch Teil der Welt und nimmt ganz viele Dinge mit in das Buch hinein, die man erlebt oder mit denen man struggelt. Manchmal ist das so eine Gemengelage, die man gar nicht mehr richtig durchblickt. Das Werktagebuch hat mir geholfen, in meinem Kopf ein bisschen Ordnung zu schaffen.

Wenn du dir so viel notierst: Gibt es schon Ideen für einen mögliche Nachfolgeroman?

Ich bin vor einiger Zeit tatsächlich mit einer Idee für einen Roman aus dem Schlaf hochgeschreckt. Im Moment arbeite ich an einem Theaterstück und hätte auch total Bock, noch mal in die Philosophie zu gehen, zu promovieren und mich ein paar Jahre lang total nerdig nur mit einem bestimmten Thema zu beschäftigen, das vielleicht kein Schwein außer mich interessiert; in das ich mich total reinfuchsen kann. Vielleicht wäre auch das eine Perspektive für die nähere Zukunft. Aber danach würde ich bestimmt noch mal ein paar Romane schreiben. Vielleicht auch Sachbücher.

In einem Instagram-Post zur Buchankündigung heißt es von dir allerdings: „Ich glaube, so einen furiosen Roman kann ich kein zweites Mal schreiben.“ Wieso nicht?

Das denkt man als Autor*in wahrscheinlich jedes Mal, oder? (lacht) Bei mir war der Gedanke noch nicht mal: SO ein Buch kann ich nie wieder schreiben. Sondern: Ich kann nie wieder ein Buch schreiben. Weil ich mich so leer geschrieben gefühlt habe. Aber wahrscheinlich stimmt das überhaupt nicht.

Fatih Akin hat über „Zeit der Monster“ gesagt: „Was für eine Hommage an so viele Leben, die noch nie erzählt wurde.“ Ich interpretiere da mal direkt hinein, dass eine entsprechende Verfilmung bereits im Raum steht, oder?

Ich wünschte es, aber davon weiß ich nichts. Aber cool wär’s schon! Wobei ich sagen muss: In meinem Kopf habe ich dieses Buch eher als Serie geschrieben. Acht Folgen. Eine gute Netflix-Serie. (grinst)

Dieses Interview ist zuerst in SZENE 08/26 erschienen. 

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