SZENE HAMBURG: Alexander, die Welt in „Corpus Delicti“ ist eine Dystopie, in der allen Menschen Sicherheit und Gesundheit gewährleistet ist – auf Kosten maximaler Überwachung und Verfügbarkeit aller Daten. Ich nehme an, dass du versucht hast, dich in eine solche Welt hineinzudenken. Was geht in dir vor, wenn du das tust?
Alexander Fehling: Um das zu spielen, stelle ich mir gar nicht unbedingt vor, wie es wäre, wenn das Wirklichkeit würde. Ich begebe mich eher in die Welt, in der das spielt. Ich beschäftige mich mehr mit den Figuren, mit deren Verbindung untereinander, deren Motivationen. In der Handlung des Films ist die Datenverarbeitung zwar völlig außer Kontrolle geraten, aber für meine Figur ist dieser Umstand gar nicht so wichtig. Wenn ich mir das allerdings als Privatperson vorstelle: Vom Hier und Jetzt ist diese Welt ja gar nicht mehr so weit weg. Was ich daran bedenklich finde: dass Vertrauen als menschliche Kraft eine immer geringere Rolle spielt – sowohl in Einzelbeziehungen als auch gesellschaftlich.
Woran machst du das fest?
Wenn man alles kontrollieren, mit Zahlen belegen und algorithmisch auswerten muss, dann gibt es ja nichts mehr, was Interpretationsspielraum lässt. Man hört doch kaum noch Sätze wie: „Ich glaube dir das einfach.“ Dabei ist das doch die Basis menschlicher Beziehungen. Aber wenn das obsolet wird, weil alles durch Zahlen belegt wird, dann tun wir das nicht mehr. Dann gehen wir immer weiter in die Vereinzelung – und das ist die Quelle jeglicher Katastrophen. Abgesehen von der Klimakatastrophe vielleicht.
„Man muss immer versuchen zu verstehen, wie das Material funktioniert“
Alexander Fehling
Du hast bereits einige historische Rollen gespielt wie Goethe oder Andreas Baader. Ist es eine größere Herausforderung, solche echten Figuren zu spielen als fiktive?
Zumindest bereite mich da anders vor. Bei einer real existierenden Person sind die Vorgaben einfach konkreter. Man muss mehr Entscheidungen treffen darüber, ob man sich in eine naturalistische Richtung bewegen will, in der man bestimmte Facetten der realen Person auch im Spiel wiedererkennt. Will man etwas Bestimmtes bedienen oder gerade nicht? Es kommt aber auch sehr auf das Material an, wie es geschrieben ist. Es gibt Filme, die wie eine Nachahmung der Realität wirken sollen, sodass es ungemein wichtig ist, möglichst nah an der realen Figur dran zu sein. Bei anderen Filmen, zum Beispiel bei „Goethe!“, war das egal – weil ich sowieso nicht weiß, wie Goethe sich durch einen Raum bewegt hat. Man muss immer versuchen zu verstehen, wie das Material funktioniert, was die Geschichte braucht, wie man ihr helfen kann, dass sie spannend ist und anfängt zu leben. Bei einer fiktiven Figur hat man sicher ein paar mehr Freiheiten. Aber Freiheiten sind natürlich auch immer die, die man sich nimmt. Man kann sich überall dafür entscheiden, sie sich zu nehmen oder eben nicht.
Manchmal ist es aber auch gut und hilfreich, Grenzen gesetzt zu bekommen, in deren Rahmen man sich dann wiederum frei bewegen kann. Grenzen geben ja auch Orientierung.
Genau. Daran kann man sich abarbeiten. Im Falle von „Corpus Delicti“ gab es ja auch noch eine Buchvorlage, sodass man sich natürlich auch mit der Originalquelle beschäftigen, eine Transferleistung erbringen und sich überlegen muss, wie das Ganze in den Film zu übersetzen ist, weil der natürlich anders funktioniert als ein Buch. Bei einer Verfilmung gehen bestimmte Aspekte auch verloren. Da muss man sich überlegen, welche man unbedingt erhalten muss, weil sie wertvoll sind für die Geschichte … und so beschäftigt man sich damit.
Beim Spielen selbst auch?
Nein, dann mache ich mir darüber keine Gedanken mehr. Das passiert alles vorher in der Vorbereitung. Der Spielvorgang selbst ist ein lustvoller, naiver Prozess. Da wird ein Schalter umgelegt, und dann muss man loslassen. Spielen. Offen sein. Schauen, was passiert – und auch, was die Kollegen und Kolleginnen machen.
Gab es mal Zeiten, in denen dir das schwergefallen ist? Ich stelle mir jedenfalls vor, dass man all das im Kopf hat, wenn man die Schauspielerei erlernt und verschiedene Werkzeuge an die Hand bekommt, und dass es nicht leicht ist, sich beim Spiel dann wieder von all dem zu befreien.
Als junger Schauspieler ist man natürlich sehr ambitioniert und ehrgeizig, man hat so Ideen, wie Dinge sein müssten – das kennt wahrscheinlich jeder. Aber im Laufe der Zeit wird das weniger, und das ist angenehm – man kann es dann mehr genießen. Weil man nicht mehr permanent alles kontrollieren und beweisen will, was man draufhat. Wenn man jünger ist, braucht man aufgrund der fehlenden Erfahrung manchmal einfach etwas länger, um zu begreifen, dass viele Dinge gar nicht so wichtig sind.
Alexander Fehling über seine Schauspielkarriere
Hast du dir manchmal alte Filme mit dir angesehen und gedacht: Da habe ich total überperformt?
Das wäre wahrscheinlich so, wenn ich mir alte Sachen angucken würde, ja. Mache ich allerdings sehr selten. Aber das betrifft gar nicht nur alte Sachen: Wenn ein Film fertig ist, sehe ich mir den natürlich auch an, aber das fällt mir jedes Mal schwer, weil ich dann innerlich weiterarbeite und Fehler suche. Das läuft dann alles durch meinen eigenen Filter. Anderen würde das meiste wahrscheinlich gar nicht auffallen. Das hoffe ich zumindest. (grinst)
Du hast mal gesagt, dass du anfangs für deinen Wunsch belächelt worden bist, Schauspieler zu werden. Wie hast du es geschafft, dennoch weiter an deinem Traum festzuhalten?
Damals war ich noch ein Kind, aber ich muss gestehen: Ich habe bis heute nicht geschafft, das voll und ganz abzulegen. Ich habe bis heute ein gespaltenes Verhältnis dazu. Ich weiß auch nicht, warum.
Das heißt: Wenn du privat auf einer Party bist, dich jemand nicht kennt und fragt, was du beruflich machst, kommst du dir komisch vor, wenn du „Ich bin Schauspieler“ antwortest?
Ja, immer. Aber ich rede sowieso nicht so gerne über mich …
… dann hast du dich auf dieses Interview ja bestimmt riesig gefreut.
Ja! (lacht) Wobei: Über die Arbeit rede ich schon ganz gerne, weil mir das am Herzen liegt und ich froh darüber bin, wenn man sich dafür interessiert. Aber ich selbst brauche weder viel Aufmerksamkeit, noch stehe ich besonders gerne im Mittelpunkt.
Gab es denn auch mal Phasen, in denen du selbst damit gehadert und überlegt hast, mit der Schauspielerei aufzuhören?
Widersprüchlicherweise gar nicht. Natürlich gibt es immer Punkte, an denen man auf seinem Lebens- oder Karriereweg seine Illusionen verliert. Aber davon abgehalten hat mich das zum Glück nicht.
Dieser Artikel ist zuerst in der Printausgabe 10/26 der SZENE HAMBURG erschienen.

