Uta Briesewitz: „Frauen müssen immer mehr Zeit investieren“

Die Regisseurin, Produzentin und Kamerafrau hat bereits hochkarätige US-Serien wie „The Wire“, „Stranger Things“, „Westworld“, „Black Mirror“ oder „The Pitt“ mit ihrem Händchen veredelt. Nun kommt mit dem Thriller „American Sweatshop“ ihr erster Spielfilm ins Kino
Regisseurin, Produzentin, Kamerafrau: Uta Briesewitz
Regisseurin, Produzentin, Kamerafrau: Uta Briesewitz (©Lu Chau // Photagonist.ca)

Du bist Kamerafrau, Regisseurin, Produzentin. Wenn dich jemand fragt, was du beruflich machst, was sagst du dann?

Uta Briesewitz: Ich sage immer, ich bin Regisseurin fürs Fernsehen – und manchmal erwähne ich noch, dass ich davor Kamerafrau gewesen bin. Ich füge das mit dem Fernsehen immer dazu, weil ich sonst immer gefragt werde, welche großen Filme ich gedreht habe. Und ich bin gerne bereit zuzugeben, dass bisher noch keiner dabei war. (grinst)

Du hast in Interviews immer mal wieder erwähnt, dass man es als Frau in einem Job wie deinem schwerer hat, dass man härter kämpfen muss. Gab es Situationen, in denen dir das besonders aufgefallen ist?

Frauen müssen immer mehr Zeit investieren. Selbst wenn man gute Arbeit geleistet hat, gibt es bei Frauen anfangs immer zweifelnde Stimmen, die fragen: „Hat sie das alles selbst so gut hinbekommen? Oder hatte sie nur eine gute Crew?“ Man muss immer ein, zwei Arbeiten mehr abliefern, um zu überzeugen. Bei meinen männlichen Kollegen habe ich beobachtet, dass die sehr viel schneller größere Projekte bekommen. Frauen wurden in der Vergangenheit weniger bejubelt und weniger unterstützt, um erfolgreich zu werden. Man hat ihnen einfach oft nicht die Chancen gegeben, die Männer bekamen, um sich zu beweisen. All das hat sich in den letzten Jahren sehr zum Positiven gewandelt.

Du arbeitest seit knapp 30 Jahren beim Film; eine Zeit, in der sich auch gesellschaftlich viel verändert hat. Du hast gerade selbst gesagt, dass sich in den letzten Jahren einiges zum Positiven gewandelt hätte. Was genau?

Nachdem Hollywood über viele Jahre hinweg dafür kritisiert wurde, dass Frauen in allen Bereichen unterrepräsentiert sind, haben sich Produktionen sehr stark bemüht, das zu verändern – auch durch den Einfluss der entsprechenden Gewerkschaften. Dadurch wurde die Tür für Frauen weit geöffnet, sodass Produzenten gezielt nach Frauen für die Kamera und den Regiestuhl gesucht haben. Bei den letzten drei großen Regie-Jobs, die ich fürs Fernsehen gemacht habe, habe ich jedes Mal eine Kamerafrau gehabt.

Zweite Chance für das Drehbuch: Der Film war zuerst als Serie geplant

Nun ist mit „American Sweatshop“ dein erster Film im Kino, den du als Regisseurin verantwortest. Darin geht es um Daisy, die als Content-Moderatorin dafür sorgen muss, hasserfüllte, sexuell explizite und gewalttätige Inhalte aus dem Internet zu entfernen – was ihr stark zusetzt. Wie kam die Idee zum Film und wann wusstest du: Aus diesem besonderen Thema will ich einen Film machen?

Ich habe das Drehbuch dazu schon 2019 bekommen, damals war das als Pilot für eine Fernsehserie gedacht. Der Pilot hat sich aber nicht verkauft, wozu ich nicht viel sagen kann, weil ich bei diesen Verkaufsversuchen nicht mit dabei war. Daher kam die Idee, das Ganze als Film umzusetzen, und independent zu produzieren, weil mich dieses Thema interessiert hat und ich diese Geschichte unbedingt erzählen wollte.

Ein ungewöhnlicher Schritt: Weil es fürs Fernsehen niemand haben wollte, habt ihr es eben größer gemacht und als Kinofilm umgesetzt.

Ganz genau. (lacht) Wobei man sagen muss: Das Ganze fürs Fernsehen umzusetzen hätte wesentlich mehr gekostet als der Film, den wir daraus gemacht haben. Das ist ja eine kleine Geschichte, kein High-Concept-Film.

Was hat dich an dem Thema gereizt?

Ich sag mal so: Wenn ich vor ein paar Jahren gefragt worden wäre, ob ich Interesse hätte an einer Geschichte, in der Leute vor einem Computer sitzen und sich Videos angucken, hätte ich spontan sicher erst mal „Nein“ gesagt (lacht) – auch weil es visuell nicht sonderlich spannend klingt. Aber dieses Drehbuch habe ich zu einem Zeitpunkt bekommen, als meine Kinder 13 und 14 Jahre alt waren und mein Mann und ich uns überlegt haben, ihnen Smartphones zu erlauben. Da habe ich mir im Vorfeld natürlich Gedanken gemacht: Gebe ich meinen Kindern ein Gerät an die Hand, das ihnen einerseits die Welt eröffnet, sie andererseits aber auch Bildern und Inhalten aussetzt, die ihnen nachhaltig schaden können – das hat mich sehr interessiert.

Das Thema ist auch sehr aktuell. Der Film ist im letzten Jahr bereits auf Festivals gelaufen und im September in den USA gestartet. Wie wurde er bisher aufgenommen?

Es gab intensive Reaktionen zu dem Film. Einige Leute waren hin und weg. Eine der schönsten Reaktionen kam von der Schauspielerin Shabana Azeez. Die spielt in der Serie „The Pitt“ mit, für die ich bei einigen Folgen Regie geführt habe. Als sie gehört hat, dass ich „American Sweatshop“ gemacht habe, kam sie mit Tränen in den Augen auf mich zu und meinte: „Ich habe deinen Film beim South by Southwest Film Festival gesehen. Der hat mich emotional so aufgewühlt, weil er mir gezeigt hat, was für Filme ich in Zukunft machen will.“

Wenn ich vor ein paar Jahren gefragt worden wäre, ob ich Interesse hätte an einer Geschichte, in der Leute vor einem Computer sitzen und sich Videos angucken, hätte ich spontan sicher erst mal „Nein“ gesagt

Uta Briesewitz

Wow – ein tolles Kompliment.

Wenn Leute ins Kino gehen und einen Thriller im „amerikanischen Stil“ erwarten, in dem die Protagonistin irgendwann eine Waffe kauft und dann anfängt, alle abzuknallen, die muss ich enttäuschen. „American Sweatshop“ ist ein ruhiger Film, realistisch. Es geht darum, was man selbst tun würde, wenn man in eine vergleichbare Situation käme wie die von Lili Reinhart gespielte Hauptfigur.

Filmplakat zu „American Sweatshop“ (©Elsani Film) 

Apropos Lili Reinhart: Sie ist zwar US-Amerikanerin, hat aber deutsche Wurzeln. War das Zufall oder deine Art und Weise, etwas von deiner Heimat mit in den Film zu bringen?

Das war lediglich ein netter Zufall. (lacht)

Womit hat Lili dich als Hauptdarstellerin überzeugt?

Solche Drehbücher zirkulieren manchmal eine ganze Weile innerhalb der Agenturen. Matthew, der das Drehbuch geschrieben hat, Lili und ich, wir werden alle von UTA vertreten – der United Talent Agency. Und wenn es ein Drehbuch gibt, das die Agenten mögen, schieben die sich das gegenseitig zu. Lili ist das Drehbuch irgendwann in die Hände gefallen und ist dann an uns herangetreten, weil sie sich für diese Rolle interessiert hat. Ein besseres Szenario gibt es natürlich nicht, als wenn der Star zu dir kommt.

Wie kam Christiane Paul mit dazu?

Unsere Produzentin Anita Elsani hat ihr das Drehbuch zugeschickt, woraufhin Christiane glücklicherweise zugesagt hat. Ich war immer schon von Christiane begeistert, hab sie sogar noch als junges Mädchen in Deutschland erlebt und bin daher total happy, dass das geklappt hat. Ich wusste, dass sie eine tolle Schauspielerin ist und fand, dass sie perfekt in die Rolle gepasst hat und als internationaler Star keine Probleme mit der englischen Sprache hatte. Da wir auch Gelder aus Deutschland zur Umsetzung des Films bekommen haben, fand ich es umso wichtiger, dass die Crew deutsch war und einige deutsche Schauspieler am Film mitgewirkt haben – auch wenn der Film „American Sweatshop“ heißt. (lacht)

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