Anfachen Awards: „Kunst gehört in den öffentlichen Raum“

Die Kunst ist frei und kann dabei auch ausdrücklich politisch sein, relevante Streitthemen und gesellschaftliche Entwicklungen aufgreifen, kommentieren und kritisieren – das hat in der Kunstgeschichte besonders die Plakatkunst immer wieder bewiesen. Genau hier setzt der Anfachen Award in Hamburg an. Ein Gespräch mit der Initiatorin und Kuratorin Julia Melzner
Im Rückblick: einige Plakate des Anfachen Awards IX zum Thema „Privileg“
Im Rückblick: einige Plakate des Anfachen Awards IX zum Thema „Privileg“ (©Julia Melzner)

SZENE HAMBURG: Julia, 2016 hast du den Anfachen Award ins Leben gerufen – ein Wettbewerb für Künstlerinnen und Künstler, die politische Plakate für den öffentlichen Raum gestalten. Mit welcher Idee bist du damals an den Start gegangen?

Julia Melzner: Der Award wird dieses Jahr zehn Jahre alt – und verfolgt weiterhin das gleiche Ziel. Wir mischen uns ein – mit Haltung und Engagement, für Demokratie und Menschen. Kunst gehört in den öffentlichen Raum: dorthin, wo sie sichtbar ist und zur Auseinandersetzung einlädt. Als Raum für Reaktionen auf die Themen und Kritik der Plakate sowie für den Dialog untereinander.

Es gibt jedes Jahr ein gewichtiges Thema, das viele Perspektiven zulässt. Was ist es dieses Mal?

Dieses Jahr ist das Thema Gerechtigkeit. In der Ausschreibung wird keine weitere Beschreibung geliefert. Das würde die Teilnehmenden vielleicht schon in eine bestimmte Richtung lenken, aber uns ist es lieber, wenn sie ihr kreatives Potenzial ganz frei ausschöpfen können. In diesem Jahr findet erstmals eine Sonderausstellung mit eingeladenen Künstlerinnen und Künstlern statt, die sich einem zentralen Unterthema von Gerechtigkeit widmet. Die Vernissage ist für den 15.9.26 geplant. Mehr wird jetzt aber noch nicht verraten.

Anfachen Awards: Jedes Jahr mit über 100  Bewerbungen 

Kuratorin und Initiatorin des Anfachen Awards: Julia Melzner (©Julia Masche)

Dann halten wir die Augen offen. Wie viele Bewerbungen haben dich denn dieses Jahr für den Award erreicht und wie läuft der Auswahlprozess ab?

Die Reichweite des Awards ist riesig. Es kommen jedes Jahr Hunderte Bewerbungen aus bis zu 53 Ländern. Die Einreichungen werden von der Jury anonym gesichtet, sodass nur das Kunstplakat, nicht der Name zählt. Dabei kann es eben auch passieren, dass bereits bekannte Künstlerinnen und Künstler nicht ausgewählt werden. Alle werden gleich behandelt, alles geschieht ohne Bevorzugung. Die Jury stellt 25 ziemlich unterschiedliche Entwürfe zusammen. Einige erschließen sich unmittelbar, andere sind abstrakter oder sprachlich anspruchsvoller. Es sind verschiedene Sprachen dabei und ganz unterschiedliche Techniken – von Fotografie über Typografie bis Malerei. Uns ist diese Mischung wichtig, weil wir möglichst viele Menschen erreichen wollen. Im besten Fall findet jede und jeder zwei oder drei Plakate, die wirklich etwas auslösen. Und wenn man alles zusammen sieht, merkt man, wie unterschiedlich man auf das Thema Gerechtigkeit schauen kann.

Wo und wie lang kann man die Plakate in Hamburg sehen?

Vom 3.6. bis zum 21.6.26 hängen die Plakate an verschiedenen Orten in der Stadt, die stark frequentiert werden, an denen sich jeden Tag Millionen Menschen aufhalten – zum Beispiel die Kennedybrücke, der Hauptbahnhof, der Rathausmarkt.

Misst du vielleicht genau dort – im öffentlichen Raum – politischer Kunst eine Kraft zu, die tatsächlich Veränderungen in der Gesellschaft bewirken kann?

Ja, sicher, gerade wenn die Plakatkunst Dinge ankreidet, zur Diskussion stellt und so Innenstädte im politischen Sinne lebendig macht – und auch weil sie, wie jetzt beim Anfachen Award, rebellischen Charakter hat und die Orte in der Stadt einnimmt, um sie mit relevanten Inhalten zu bepflastern. Bestenfalls bleiben Passantinnen und Passanten irritiert stehen, wenn sie merken, dass hier etwas anderes hängt als kommerzielle Plakate oder Wahlplakate. Der öffentliche Raum gehört uns allen und soll Diskussionsort sein, keine Werbefläche.

Dieser Artikel ist zuerst in der Printausgabe der SZENE 06/26 erschienen. 

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