Drink-Spiking: Alles außer Kontrolle

Das heimliche Vergiften von Getränken ist im Hamburger Nachtleben nichts Seltenes. Was es anrichten kann und wie Polizei und Medizin darauf reagieren
Feiernde Menschen im Nachtleben 
Feiernde Menschen im Nachtleben  (©Sofiia Skrypka/Unsplash keine BU)

Julia: Opfer von Drink-Spiking auf der Sternschanze

Julia sieht die Bahn. Wie sie einfährt, wie sie anhält, wie die Türen aufgehen, kann sie alles erkennen, auch ihr Drumherum hören. Ihre zwei Freundinnen, wie sie reden, miteinander und mit ihr, eine den Arm um ihre Taille geschlungen, sie haltend, die andere ihren Kopf streichelnd. Kriegt sie mit. Reagieren kann sie nicht. Nur gehen und einsteigen und wegfahren. Julia erlebt einen tiefen, unangenehmen Rausch.
Keine Stunde zuvor. Die drei Mittzwanzigerinnen besuchen eine Bar in der Schanze, wie oft an einem Freitagabend. Kaum drin, sind da drei Männer, ähnlich jung, mit Shots, fertig für Julia und ihre Freundinnen zum Trinken. Sie trinken. Und die Männer flirten. Erst charmant, schnell offensiv. Die Frauen wehren ab. Wirklich wegkommen von den Shot-Spendern kommen sie nicht, die lassen sie nicht. Eine Weile stehen sie zusammen am Tresen, unterhalten sich, die Männer langsam ungeniert, Julia und ihre Begleiterinnen weiter uninteressiert. Schließlich schaffen sie den Absprung, finden einen Tisch für sich. Kaum sitzen sie, ist Julia schlecht. Schlecht wie nach sieben Bier, sagt sie, ach, schlimmer. Sie muss zu den Waschräumen. Übergibt sich einmal, zweimal. Was ist los? Was ist das? Bis hierhin ging es ihr gut. Keine Drinks, keine Drogen, nichts. Der Shot muss es gewesen sein. Ihre Freundinnen entscheiden: los, raus, zur Bahn und nach Hause. Dort schläft Julia sofort ein.
Der nächste Tag ist Katertag. Julia kann sich an kaum etwas erinnern. Geht zur Arbeit, denkt, das sei das Beste, trotz allem. Unter Menschen sein, lieber nicht allein. Zum Arzt geht sie nicht, auch nicht zur Polizei. Bringt nichts, denkt sie. Gegen Abend geht es ihr besser. Julias Erlebnis, vom Shot bis zur Besserung, ist das von vielen, vor allem jungen Frauen, die im Hamburger Nachtleben unterwegs sind. Sie sind offensichtlich Opfer von Drink-Spiking.

Methode: Drink Spinking 

Partylichter (©Stas Ostrikov/Unsplash keine BU)

Drink-Spiking, das ist das heimliche Beimischen von Betäubungsmitteln in Getränken. Vergiftung, die strafrechtlich – je nach Mittel und Dosierung – von einfacher Körperverletzung bis versuchtem Totschlag gewertet wird. Dementsprechender Sammelbegriff der beim Drink-Spiking verabreichten Substanzen: K.O.-Tropfen. Dazu zählen Gammahydroxybutyrat, kurz GHB, auch Liquid Ecstasy genannt. Ebenso starke Beruhigungs-, Schlaf-, Lösungs- und Narkosemittel sowie LSD. Sie alle können innerhalb von Minuten zu enormem Schwindel führen, zu Übelkeit und Taubheitsgefühlen. Zu Kontrollverlust. Schlimmstenfalls setzen Atembeschwerden ein, es kann zu Bewusstlosigkeit und Herzstillstand kommen. K.O.-Tropfen, farb- und geschmacklos, machen wehrlos. Sie sorgen dafür, dass nicht bloß Reaktionen von Opfern unmöglich gemacht werden, sondern Raub, Missbrauch, Vergewaltigung aufgrund eines später einsetzenden Filmrisses unbemerkt bleiben können. Schutz davor: schwierig. Keine Getränke von Fremden annehmen, die Hand über den eigenen halten, das Nachtleben nicht allein genießen, sicher. Aber eben nicht sicher. Geschultes Personal vor Ort kann angesprochen werden, wenn Verdacht besteht, ist aber erst dann im Bilde. Es sind Strohhalme und Armbänder im Handel erhältlich, die K.O.-Tropfen per Test anzeigen, nur nicht alle Substanzen. Auch Anti-Spike-Abdeckungen gibt es, also Sticker für Drinks, die sogar mit dem Logo der Location angeboten werden. Hilft aber auch nicht zu 100 Prozent.   

Schlimmstenfalls setzen Atembeschwerden ein, es kann zu Bewusstlosigkeit und Herzstillstand kommen

kein Zitatgeber, keine Anführungszeichen

Stine: Drink-Spiking im Hamburger Nachtleben

Irgendwas ist. Irgendwas ist anders. Und irgendwie ist das nicht gut. Stine sieht rot. Und blau. Und grün. Und alle Farben durcheinander und ein bisschen doller als sonst. Stines Bild verschwimmt. An dem bisschen Vorglühen, zu Hause mit ihren Freundinnen, kann es nicht liegen, an den zwei Vodka-Cola im Club auch nicht, so viel kann sie ab. Zu viert sind die Frauen, alle Anfang zwanzig, unterwegs auf dem Kiez, seit einer guten Stunde zum Tanzen in einem bekannten Laden. Aber Stine kann nicht mehr tanzen. Stine kann kaum noch gucken. Und schlecht ist ihr auch, immer schlechter. Ihre Freundinnen kann sie nicht finden, allein tastet sie sich zu den Klos, irgendwie gelingt es ihr, und dann spuckt sie, bleibt neben der Toilette sitzen, versucht, durchzuschnaufen, aber das Atmen geht auch nicht mehr so gut. „Stine? Stine bist du hier?“, hört sie Rufe. Ihre Freundinnen. Sie helfen ihr hoch, stützen sie, führen sie vor die Tür. Die Gruppe geht zur S-Bahnstation Reeperbahn. Und dann kommen die Kacheln. Die Kacheln von den Wänden neben den Gleisen. Sie jagen auf Stine zu, wieder weg, wieder hin zu ihr. Panikattacke Nummer eins. Stine weint, kann nicht mehr, will auch nicht mehr. Und von dem, was jetzt kommt, weiß sie später nichts mehr. Ihre Freundinnen bringen die völlig benommene Frau nach Hause. Das Stine nicht erkennt. Auf die Frage, ob sie denn wisse, wer die anderen in der Wohnung seien, hat sie erst keine Antwort, dann doch: „Nein.“ Panikattacke Nummer zwei. Zumindest schläft Stine bald ein. Am Tag darauf, gegen Mittag, geht sie in eine Klinik, will sich auf Substanzen untersuchen lassen. Ohne Polizei, sagt man ihr, koste das aber. Außerdem sehe sie doch ganz gut aus. Stine lässt sich nicht abwimmeln, sie zahlt, gibt eine Urinprobe ab, hat aufgrund der großen Zeitspanne nach dem letzten Drink, dem zweiten Vodka-Cola, in dem wohl doch was war, womöglich LSD, aber ein negatives Ergebnis.

Dokumentation: Lücken in der Erfassung von K.O.-Substanzen

Vergiftung, die strafrechtlich – je nach Mittel und Dosierung – von einfacher Körperverletzung bis versuchtem Totschlag gewertet wird

kein Zitatgeber, keine Anführungszeichen

„Im Institut für Rechtsmedizin werden im Schnitt 60 bis 90 K.O.-Verdachtsfälle im Jahr untersucht“, heißt es auf SZENE HAMBURG-Nachfrage beim UKE. Patientinnen und Patienten würden unter dem Oberbegriff „Intoxikation“ dokumentiert, eine gesonderte Statistik zu K.O.-Substanzen gebe es nicht. 60 bis 90 – Zahlen, die Julia und Stine, ja die mutmaßlich zig weitere Opfer nicht beinhalten. Auch Zahlen, die nicht gleichbedeutend sind mit einer Strafanzeige gegen Bekannt oder Unbekannt. Wie oft die eingehen, kann uns die Polizei Hamburg nicht sagen. Es wird erklärt, es seien „aus der Erinnerung“ heraus Fälle des Drink-Spiking bekannt, aber: „Die Polizei erfasst Straftaten gemäß dem Straftatenkatalog der Richtlinien für die Erfassung und Verarbeitung der Daten in der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS). Dabei wird der konkrete Modus Operandi, das Tatmittel oder das Tatwerkzeug – abgesehen von Schusswaffen und Messern – nicht gesondert ausgewiesen. Eine spezifische Erfassung von Straftaten, die mittels ,K.O.-Tropfen‘ begangen wurden, ist daher auf Grundlage der PKS nicht möglich. Darüber hinaus werden bei der Polizei auch keine anderen Statistiken zu dieser Thematik geführt.“ Immerhin: Man wolle auf Tipps und Anlaufstellen hinweisen, auf Websites zum Thema, auch zu Präventionsarbeiten, etwa diese: Polizei Beratung, Polizei für Dich, Weisse Ring. Die Nicht-Dokumentation von Drink-Spiking-Fällen scheint auch bei allerhand Hamburger Clubs und Bars zu gelten. Auf eine Interview-Anfrage von SZENE HAMBURG geben fünf von sechs Läden gar keine Antwort, von einem zumindest wird mitgeteilt, dass sich intensiv mit Drink-Spiking auseinandergesetzt werde, auch wenn es erst ein einziges Mal einen Verdachtsfall gegeben habe. Mitarbeitende werden geschult und es gebe überall Aushänge dazu, wie sich Gäste in brenzligen Situationen verhalten sollten.

Abonniere unser
"Heute in Hamburg"
Update per E-Mail oder WhatsApp!

Die spannendsten Events in der Stadt und das Neueste aus der Hamburger Gastro- und Kulturszene. Wir halten dich auf dem Laufenden. 😃

👉 Stattdessen via Messenger abonnieren

Wir senden keinen Spam! Erfahre mehr in unserer Datenschutzerklärung.

Abonniere unseren Newsletter!

Erhalte jeden Tag die besten Empfehlungen für deine Freizeit in Hamburg.

Unsere Datenschutzbestimmungen findest du hier.

#wasistlosinhamburg
für mehr Stories aus Hamburg folge uns auf