Museum für Kunst & Gewerbe :„Die Leute haben Lust sich mitzuteilen!“

Wie kann man sein Publikum besser kennenlernen und dessen Bedürfnisse und Ideen noch mehr in die Museumsarbeit einfließen lassen? Die aktuelle Schau „Wer bist Du? Neue Wege der Besucher*innenbefragung“ stellt diese Frage ins Zentrum – und zwar im Austausch mit den Besuchenden selbst. Ein Gespräch mit Julia Meer, der Kuratorin der Ausstellung
„Wer bist Du? Neue Wege der Besucher*innenbefragung“ ruft zur Partizipation auf
„Wer bist Du? Neue Wege der Besucher*innenbefragung“ ruft zur Partizipation auf (© Henning Rogge, Hamburg)

SZENE HAMBURG: Julia, seit 2012 sammelt das MK&G mittels Fragebogen die Stimmen der Besuchenden. Nun untersucht ihr in einer experimentellen Ausstellung, die das Publikum selbst zum Nachdenken bringen und an der Weiterentwicklung des Museums teilhaben lassen soll, neue Optionen der Befragung. Welche wären das? Hat der gute alte Fragebogen jetzt ausgedient?

Julia Meer: Nein, der Fragebogen, den meine ehemalige Kollegin Silke Oldenburg gemeinsam mit einer Agentur erstellt hat und der sich im Lauf der Zeit immer wieder leicht verändert hat, wird nicht infrage gestellt, sondern ergänzt. Aus statistischer Sicht ist ein Fragebogen auch belastbarer als das, was wir in der Ausstellung machen. Da wollen wir gerade die Leute erwischen, die vielleicht nicht so gerne ein Dokument ausfüllen, sich aber trotzdem beteiligen möchten. Das klappt vor allem mit Angeboten, die einfache körperliche Aktionen erfordern und bei denen man die Abstimmungsergebnisse direkt sehen kann: Perlen oder Chips in Behältnisse schmeißen, Post-Its beschriften oder Klebepunkte anbringen. Es gibt auch eine digitale Station, doch ich finde es wichtig, dass der Ausstellungsraum vor allem analog funktioniert und dazu animiert die Dinge anzufassen, aktiv zu werden.

Julia Meer, die Kuratorin der Schau (© Lena Giovanazzi)

Wen sprecht ihr mit der Titelfrage „Wer bist Du?“ eigentlich an?

Welche Menschen sich hier beteiligen, hängt vor allem damit zusammen, was im Haus gerade läuft. Aktuell lockt „Foto: Hans Hansen“ Fotografie-Begeisterte an, die oft mit viel Vorwissen kommen und sich vertiefen möchten, während „Minimöbel: Stühle für Kinder“ Familien und Kinder mit Bewegungsdrang und Spielfreude anspricht. Beide Gruppen können wir durch „Wer bist Du?“ besser kennenlernen: Welche Bedürfnisse und Ideen haben sie und wie können wir sie glücklicher machen? Die Nicht-Besuchenden erwischen wir leider nicht, auch wenn deren Perspektive sehr hilfreich wäre, dazu müssten wir raus aus dem Museum gehen.

Inwiefern ist das Feedback des Publikums für dich als Kuratorin von Bedeutung?

Als Kuratorin arbeite ich ja für die Besuchenden. Ich möchte Räume schaffen, in denen sie sich wohlfühlen, Themen wählen, die sie interessieren und Texte schreiben, die sie gerne lesen – und dafür muss ich mit ihnen in Kontakt treten. Während und nach Führungen gibt es immer wieder kurze Gespräche, Leute schreiben ins Gästebuch oder posten etwas auf Instagram. Doch insgesamt gibt es zu wenig Austausch – was ein Auslöser für die jetzige Ausstellung war.

Tauscht ihr euch im Museum auch untereinander zum Thema Publikumskontakt aus?

Ja, das wird in unseren internen Runden thematisiert, ich bin aber auch mit unserem Aufsichtspersonal immer wieder im Dialog. Sie sind diejenigen, die in den Räumen am meisten anwesend sind, direkten Publikumskontakt haben, und so am besten wissen, was ankommt und was nicht.

Du hast vorhin Instagram erwähnt: Hat sich die Bedeutung des Publikums für Museen durch die Wirkungskraft sozialer Medien verändert?

Die sozialen Medien sind eine weitere Möglichkeit, unser Publikum kennenzulernen. Bei unserer Ausstellung „Glitzer“, die letztes Jahr lief, waren wir beispielsweise total berührt von all den kleinen Videos der Besuchenden, die ihre persönliche Perspektive auf die Ausstellung geschildert haben.

Die Schau wirft auch kraft einiger Plakate einen Blick zurück auf die Geschichte des MK&G, hier: Bruno Karberg, Besucht in Hamburg das Museum für Kunst und Gewerbe, 1929 (© Sammlung Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg)

Wie ist das bei der jetzigen Schau? Das Thema ist zwar wichtig, aber auch ein bisschen theoretisch und auf visueller Ebene schwer ausstellbar.

Das stimmt. Die Menschen kommen ja eigentlich her, um tolle Arbeiten zu sehen. Deswegen haben wir auch einige Plakate und Objekte aus der Sammlung des MK&G in die Schau integriert und bei den Befragungsstationen Grafiken geschaffen, die Leute zum Mitmachen bewegen. Und wir sehen sofort, was funktioniert, welche Fragen gerne beantwortet werden und welche weniger. Ich bin schon gespannt, was wir aus der Auswertung am Ende alles lernen können.

Wie sichert ihr denn die Ergebnisse und was habt ihr damit vor?

Wir machen in regelmäßigen Abständen Fotos von den Abstimmungsstationen, sammeln die Post-Its ein und werten die Zwischenergebnisse aus – aber immer in dem Bewusstsein, dass die Daten nicht statistisch belastbar sind. Leute können beispielsweise mehrere Klebepunkte platzieren oder gleich eine ganze Hand voll Perlen in ein Behältnis schmeißen. Es geht uns eher darum, herauszufinden, in welcher Form und bei welchen Inhalten Leute aktiv werden. Und viele Stationen stellen offene Fragen, statt Antworten vorzugeben. Am Ende der Schau werde ich die Ergebnisse auch in unser Kollegium geben. Die Mitarbeitenden gehen schon jetzt gern durch die Ausstellung, lesen in die Antworten rein und kriegen mit, wie abgestimmt wird. Da ist eine Tendenz zum Beispiel sehr sichtbar: Die Besuchenden wollen mehr Objekte zum Berühren. Aber ich glaube nicht, dass ich deshalb jetzt alle Kolleginnen und Kollegen im Haus überzeugen kann, nur noch Ausstellungen zum Anfassen zu machen (lacht).

Fallen weitere Zwischenergebnisse auf?

Ja, die Leute wollen geduzt werden! Das hat mich überrascht. Was mich weniger überrascht hat: dass es schwer ist, sich im MK&G zurechtzufinden. Das haben wir auf dem Schirm. Sitzgelegenheiten sind auch nach wie vor ein Thema. Wir arbeiten ohnehin gerade an einer Art Leitfaden dafür, was für uns eine gute Ausstellung ausmacht, welche Kriterien sie erfüllen soll – und ich hoffe, dass ein bisschen was aus den hier gesammelten Ergebnissen mit einfließen kann.

Die Ausstellung läuft jetzt schon eine Weile und wurde bis in den September verlängert. Wie fällt dein Fazit bis hierhin aus?

Was mich sehr gefreut hat: Aus den eigenen Reihen kam Lob dafür, dass die Ausstellung unsere Museumsarbeit transparenter macht und auf Augenhöhe mit dem Publikum interagiert. Aber wir gestalten Ausstellungen selbstredend nicht für die eigene Peergroup. Umso mehr freue ich mich, dass auch das Publikum die Ausstellung zu mögen scheint. Man merkt richtig: Die Leute haben Lust sich mitzuteilen!

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