ad banner

BOWIE: „So what – ich mag’s“

BOWIE_PRESSE_7-c-Julius_Trautvetter-klein
„Wie ein Versprechen an mich selbst“: BOWIE über ihre neuen Songs (©Julius Trautvetter)

Ein Gespräch mit der Hamburger Sängerin und Songschreiberin BOWIE über das Ende alter Abhängigkeiten und den Weg zu mehr Selbstliebe – die Themen ihrer neuen EP „The Upside Down“

Interview: Erik Brandt-Höge

SZENE HAMBURG: BOWIE, es heißt, deine neue EP „The Upside Down“ wäre in einer Zeit entstanden, in der du darüber nachgedacht hättest, deine Karriere als Musikerin zu beenden. Auch, weil dir die männlich dominierte Schubladen-Musikindustrie immer mehr ein Dorn im Auge war nd das DIY-Künstlerinnen-Dasein zu anstrengend wurde?

BOWIE: (lacht) Ja und nein. Ich mag, es eine DIY-Künstlerin zu sein, meine Videos selbst zu konzipieren und zu schneiden oder das Artwork meiner Cover und Platten selbst zu gestalten. Wenn ich meine Musik schreibe, betrete ich bei jedem Song auch immer gleich ein visuelles Universum und liebe es, diese Vision später auch optisch umzusetzen. Außerdem mag ich die Herausforderung, mich in Gebiete einzuarbeiten, von denen ich vorher absolut keine Ahnung hatte. Es kann natürlich auch mal anstrengend sein und man fragt sich: Wollte ich nicht eigentlich einfach „nur“ Songwriterin und Musikerin werden? Dann erinnere ich mich aber schnell an die Freiheiten, die ich mir durch den DIY-Stress erkämpfe und die ich auf keinen Fall missen möchte.

Und die männliche Dominanz im Geschäft?

Dazu kann ich nur sagen, dass sich in den letzten Jahren zum Glück etwas in Bewegung gesetzt hat. Weiblichen Independent-Artists wird endlich ein Platz eingeräumt, man möchte sie auch ernst nehmen. Auch dann, wenn sie nicht gerade dem aktuellsten Schönheitsideal entsprechen oder komplett aus der Reihe fallen. Trotzdem ist es immer noch ein langwieriger Prozess, in dem wir uns befinden und ja, ich war an einem Punkt, an dem ich von männlicher Arroganz und Engstirnigkeit wirklich angewidert war. Ich denke aber nicht, dass das explizit am männlichen Geschlecht liegt, sondern an der Selbstverständlichkeit, mit der sich Männer im Musikbusiness von Anfang an frei bewegen, sicher fühlen und entsprechend auch handeln.

„Die Major Labels trauen der breiten Hörerschaft nicht viel zu“

Was hat letztlich dazu geführt, dass du weitergemacht hast?

Glücklicherweise habe ich aus meiner Wut und meinem Stolz heraus entschieden, meine persönlichen Erfahrungen mit dieser Art von toxischer Männlichkeit in meine EP zu packen und mich nicht davon entmutigen zu lassen. Außerdem: Ich gebe einfach nicht gerne auf. Aber ich muss zugeben, dass ich mir zum ersten Mal in meinem Leben eingestehen musste, dass ich wirklich gegen Wände laufe und dabei nicht immer unbeschadet davonkomme – vor allem emotional. Das war eine sehr wichtige und gesunde Einsicht. Ich bin eben keine Maschine, die immer alles wegstecken muss und nicht auch mal an etwas verzweifeln darf. Das ist völlig okay. Und es ist auch okay, wenn nicht sogar wichtig, das zuzugeben und – insofern man das möchte – nach außen zu tragen. Dann kann sich in der Gesellschaft langfristig vielleicht etwas an diesen alten Paradigmen ändern.

„The Upside Down“ ist nun eine Songsammlung, in der es textlich um die Abkehr von alten Abhängigkeiten und den Weg zu mehr Selbstliebe geht. War die Arbeit daran auch ein Stück weit ein Sich-frei-Schreiben? 

Auf jeden Fall. Ich habe mir oft viel zu viele Gedanken gemacht, was meine Musik oder meine Texte angeht.  „Kann ich das jetzt so sagen?“ „Sind die Chords in dem Song nicht zu dissonant?“ „Ob der Radiopromoter in den Demos wohl eine Single picken kann, oder bin ich schon wieder zu alternativ?“ Wahnsinn, wie verrückt man sich als Künstler:in macht, dabei geht es doch eigentlich „nur“ um Musik?! Und die ist verdammt geschmacksabhängig. Außer es läuft ein bisschen so wie in Deutschland und die Major Labels trauen der breiten Hörerschaft nicht viel zu – dann klingt alles gleich und du fällst als Artist am besten nicht aus der Norm.

„Die Songs sind alle wie ein Versprechen an mich selbst“

Wie gelang und gelingt es dir, komplett bei dir zu bleiben und nicht, wie viele andere, ständig allen gefallen zu wollen?

Ich habe eine Therapie gemacht, für die ich unendlich dankbar bin. Ich habe Dinge an- und ausgesprochen, die ich sehr tief vergraben hatte und die ich sonst nie gewagt hätte auch nur zu denken. Dieser Raum, der dort für mich allein entstanden ist, war wie ein Zufluchtsort, in dem ich plötzlich auch ganz anders Schreiben konnte. und leicht und mit sehr viel „So what – ich mag’s“- Einstellung im Gepäck. In den Lyrics finden sich viele Schimpfwörter und sehr viel Ehrlichkeit, Direktheit.

Mir war wichtig, dass ich mich nach dem Writing-Prozess nicht mit einem Rotstift an die Songs setze und alles streiche, was jemandem aufstoßen könnte. Selbstliebe war dabei ein großes Thema für mich. Immerhin habe ich in meinem Leben mehr Zeit damit verbracht, mich abzulehnen, als zu lieben. Die Songs sind daher alle wie ein Versprechen an mich selbst. Das Versprechen, sich auf den Weg zu mehr Selbstliebe zu machen. Das geht nämlich nicht von heute auf morgen. Zumindest bei mir nicht. Aber immerhin gehe ich …

Die breite Masse? „Nicht so wichtig“

Klangästhetisch ist „The Upside Down“ durchweg kraftvoll, mit Bläsersätzen und Chören teils stürmisch-euphorisch. Eigentlich wie gemacht für die große Bühne. Ist das auch dein Ziel: So erfolgreich zu werden, dass deine Botschaften die breite Masse erreichen?

Das ist eine schöne Frage. Von all den Dingen, die ich als DIY-Künstlerin tue, liebe ich es immer noch am meisten, live zu performen. Ich kann es gar nicht erwarten, die neuen Songs in großer Besetzung und auf großen Bühnen zu spielen und ihnen den Raum zu geben, nach dem sie durch ihr Arrangement und ihre Produktion lechzen. Nach den ersten Single-Releases haben mich viele persönliche Nachrichten erreicht, in denen mir geschrieben wurde, wie sehr sich manche Leute in den Texten und der Energie der Songs wiederfinden. Das bedeutet mir sehr viel. Ob das jetzt die „breite Masse“ ist, ist mir dabei tatsächlich gar nicht so wichtig. Aber ich freue mich sehr, wenn ich andere mit meiner Musik bewegen und ermutigen kann, sich mit Dingen auseinanderzusetzen und sich danach vielleicht ein bisschen leichter zu fühlen.

„The Upside Down“ von BOWIE ist am 25. November bei My Oh My-Records/Believe erschienen

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

#wasistlosinhamburg
für mehr Stories aus Hamburg folge uns auf
Vielen Dank. Wir haben dir eine E-Mail geschickt.
Bitte trage eine gültige E-Mail-Adresse ein und akzeptiere die Datenschutzbestimmungen.
Ich möchte euren Newsletter erhalten und akzeptiere durch das Eintragen meiner E-Mail-Adresse und das Anklicken der Checkbox die Datenschutzbestimmungen.