Solo-Performance von Dennis Schwabenland im Lichthof Theater

Mit der Solo-Performance „Mülheim Absturz Ruhr“ erzählt der in Bern lebende Schauspieler und Regisseur Dennis Schwabenland seine erschütternde Familiengeschichte im Lichthof Theater
Dennis Schwabenland in seiner Solo-Performance „Mülheim Absturz Ruhr“
Dennis Schwabenland in seiner Solo-Performance „Mülheim Absturz Ruhr“ (©Rob Lewis)

SZENE HAMBURG: Dennis, du bist in Wiesbaden geboren, in Mülheim an der Ruhr aufgewachsen und lebst seit über 20 Jahren in Bern. Fühlst du dich als Künstler in der Schweiz wohler als in Deutschland?

Dennis Schwabenland: Es gibt ein sehr gutes Umfeld hier und eine sehr starke freie Szene in der Schweiz mit besseren Ressourcen. Die ist wirklich eine Alternative zum Stadttheatersystem, das für mich anfangs nicht in Frage kam, weil es so viele Themen gibt, die mir auf der Seele brennen und die ich auch ungefiltert umsetzen wollte. Zum Beispiel der soziale Absturz meiner Familie – wir reden wohl gleich noch darüber –, der mich ja überhaupt erst zum Theater gebracht hat.

Dein Kollektiv „PENG! Palast“ firmierte in den Medien als „wildeste Berner Theatergruppe der 2010er-Jahre“. Danach hast du die Theatre Company Dennis Schwabenland (kurz: thecodes) gegründet. Mit euren Projekten seid ihr bis nach Asien getourt. Offenbar greift ihr mit euren Stücken Themen auf, die überall verstanden werden …

Das betraf vor allem zwei Produktionen. „the holycoaster (s(HIT) circus“ war ein Stück über Vorurteile, das wir zusammen mit der israelischen Tanzkompanie Machol Shalem Jerusalem realisiert haben. Im zweiten Stück, „FIGHT! Palast #membersonly“, haben wir uns mit Social Media und Image Crafting befasst – also um Selbstdarstellungen im Netz. In Singapur, Peking und Hongkong waren diesen Themen 2014 schon aktuell, aber in Bern und in Deutschland waren sie total neu und wurden noch gar nicht richtig verstanden. 2022 kam eine Anfrage aus Palästina, von einem Theater in Ramallah, das gerne mit uns zusammenarbeiten wollte. thecodes hat dann ein Stück „Gilgamesh Origin“ mit drei Palästinenser*innen und drei Schweizer*innen inszeniert, das die Schwierigkeiten dieser Stückentwicklung thematisiert hat.

Die Performance „Mülheim Absturz Ruhr“ im Lichthof Theater

In deiner Performance „Mülheim Absturz Ruhr“, die am 24. und 25. April im Lichthof Theater zu sehen ist, geht um deine Familie, die Person Karl-Erivan Haub – den ehemaligen Chef der Tengelmann-Gruppe – und ein Ereignis, das dich, wie du eben sagtest, zum Theater geführt hat …

Mein Vater war einfacher Mitarbeiter des Supermarkt-Konzern Tengelmann und für den Einkauf von Camping- und Gartenartikeln verantwortlich. Weil das Familienunternehmen Verluste schrieb, hat der neue Chef Karl-Erivan Haub nach einem Führungswechsel 25.000 Mitarbeitende entlassen. Dass das Unternehmen nicht allen eine angemessene Abfindung zahlen wollte, war klar. Also hat die Firma extreme Methoden angewendet. Meinem Vater wurde vorgeworfen, den Gartenstuhl „Piccolo II“ eingekauft zu haben – der im Stück auch vorkommt. Er war 50 Pfennig teurer als ein anderes Modell, weshalb behauptet wurde, er habe sich von den Lieferanten bestechen lassen. Eines Morgens stand die Kriminalpolizei bei uns in der Wohnung und hat alles durchsucht – auch mein Zimmer, ich war damals sechzehn. Wir haben diese Ohnmacht gespürt, das Eindringen ins absolut Private. Mein Vater hat dem Druck irgendwann nachgegeben und eine viel geringere Abfindung angenommen, als ihm zugestanden hätte. Die Strategie des Konzerns hat funktioniert.

Das war also kein Einzelfall?

Dahinter steckte ein System. Ich habe kürzlich von einer Frau erfahren, die 40 Jahre als Sekretärin für Tengelmann gearbeitet hat. Vor einer Weihnachtsfeier im Büro hat sie zusammen mit anderen Kollegen eine halbe Stunde früher eine Flasche Sekt geöffnet. Ein paar Tage später wurde ihr wegen Trunkenheit am Arbeitsplatz fristlos gekündigt.

Dennis Schwabenland über die Familie Haub

Was weiß man über die Familie Haub?

Es war eine sehr verschlossene Milliardärsfamilie, deren Mitglieder auch sich selbst gegenüber sehr misstrauisch waren. Es soll gegenseitig Beschattungen gegeben haben, abhörsichere Räume und Geheimtüren auf dem Firmengelände, die Fluchtmöglichkeiten bieten sollten.

Karl-Erivan Haub ist am 7. April 2018 während einer Skitour in Zermatt spurlos verschwunden …

Ich glaube ohne dieses Ereignis hätte ich das Stück nicht gemacht. Meine Familie ist nach der Kündigung in Hartz IV gerutscht und musste alle Ersparnisse abgeben. Beide Familien sind mit der Firma Tengelmann verbunden, jedoch von entgegengesetzten Enden des sozialen Spektrums aus – mit entsprechend unterschiedlichen Auswirkungen. Das war für mich erzählenswert. Wobei man sich mit dem Verschwinden Karl-Erivan Haubs auf sehr vages Terrain begibt, weil man letztendlich nicht weiß, was da passiert ist.

Der Gartenstuhl „Piccolo II“ wurde seinem Vater zum Verhängnis: Dennis Schwabenland in „Mülheim Absturz Ruhr“ (©Rob Lewis)

Haub wurde drei Jahre später für tot erklärt. Wobei vor einem Jahr Fotos in der Öffentlichkeit aufgetaucht sind, die ihn 2021 in Moskau zeigen sollen. Anfang des Jahres wurde bekanntgegeben, dass der Name Karl-Erivan Haub auch in den Epstein-Akten auftaucht. Hat es Auswirkungen auf dein Stück, wenn immer neue Hinweise ans Tageslicht kommen?

Ich finde, dass das Verschwinden vor allem viel über die Familie erzählt. Er wurde vermisst gemeldet vier Wochen, nachdem sein Vater gestorben war. Das scheint mir kein Zufall zu sein und lässt Raum für Spekulationen: vom Untertauchen über einen möglichen Suizid bis hin zu dubiosen Geschäften in Russland. Viel erzählenswerter finde ich aber, dass Arbeitende ihres Konzerns zur Massenware werden, mit der man beliebig verfahren kann – wie mit diesem Gartenstuhl. Weil wir in Deutschland genau wie in der Schweiz dem Leistungsmythos anhängen. Wenn es uns im Theater gelingt, die Konsequenzen davon, das Private und das Persönliche zu vergrößern, ist dadurch mehr gewonnen, als immer nur über Überreiche zu erzählen.

Das hat mich wahnsinnig wütend gemacht

Dennis Schwabenland

Zusammen mit der Kulturjournalistin Katja Zellweger hast du das Projekt „Biografie.art“ entwickelt, das Fragen zum ethischen Umgang mit persönlichen Geschichten bearbeitet …

„Biografie.art“ war ein Nebenprojekt, das ich parallel entwickelt habe, weil ich nach einem ethischen Leitfaden gesucht habe. Meine Eltern waren in den Entstehungsprozess mit einbezogen. Sie waren die Ersten, die den Text lasen, sahen Ausschnitte aus den Proben und konnten entscheiden, welche Teile ihrer Geschichte geteilt werden. Ich wollte meine Eltern auf keinen Fall bloßstellen, gleichzeitig aber in die Tiefe gehen und die entscheidenden Dinge auch ansprechen.

Wie blickt dein Vater heute auf den Konzern?

Ich habe versucht, ihn auf eine Reflexionsebene zu bringen, um mit größerer Distanz zu fragen, was da eigentlich schiefgelaufen ist. Aber er hatte in seinen Augen eine wirklich gute Zeit bei Tengelmann, identifiziert sich immer noch sehr mit dem Unternehmen und hat es immer verteidigt. Das hat mich wahnsinnig wütend gemacht. Er wollte über die Sache nicht reden und seine Würde nicht verlieren. Heute kann ich das psychologisch absolut nachvollziehen. Es war ein wichtiger Schritt für mich, den Weg, den meine Eltern gegangen sind, zu akzeptieren und eher meinen eigenen Kampf auf die Bühne zu stellen. Ich habe dann schnell gespürt, wie erzählenswert das alles ist: Das Schicksal meiner Familie ist beispielhaft für das vieler anderer Menschen, die Ähnliches erlebt haben und immer wieder erleben. 

Dieses Interview ist zuerst in der SZENE 04/26 erschienen.

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