Filmkritik: „Der Fremde“

François Ozon verfilmt Camus’ „Der Fremde“ als kühlen Schwarz-Weiß-Film über Schuld, Sinnleere und existenzialistischen Ennui im kolonialen Algerien
 Wirkt harmlos, wird aber zum Mörder: Benjamin Voisin als Mersault in „Der Fremde“
 Wirkt harmlos, wird aber zum Mörder: Benjamin Voisin als Mersault in „Der Fremde“ (©Foz - Gaumont - France 2 Cinema, Carole Bethuel)

François Ozons Adaption des Romans „L’Étranger“ von Albert Camus (erschienen 1942) beginnt mit Bildern von Algier in den dreißiger Jahren. Ein Moderator preist die Hauptstadt der damaligen französischen Kolonie Algerien als Melting Pot aus arabischer Exotik und europäischer Grandezza. Dann folgt der jähe Schnitt in ein Gefängnis. Zwei Wärter schubsen einen jungen Europäer in eine Massenzelle voller Einheimischer. Ein Mitinsasse fragt ihn, warum er hier sei. Als Antwort kommt kühl: „Ich habe einen Araber getötet!“ Der furchtlos Ehrliche hört auf den Namen Mersault (Benjamin Voisin). Der Film entblättert, wie er dort landete. Nach dem Tod seiner Mutter erledigt er ungerührt die Trauerformalitäten. Kurz danach bandelt er mit seiner Bekannten Marie (Rebecca Marder) an. Er stellt ihr seinen Nachbarn Raymond (Pierre Lottin) vor. Der halbseidene Mann, gerüchteweise Zuhälter, neigt zu häuslicher Gewalt. Leidtragende ist Djemila, seine algerische Mätresse. Ihr Bruder Moussa sinnt deshalb auf Rache. Dann lädt Raymond Marie und Mersault in sein Ferienhaus am Meer ein. Plötzlich taucht dort auch Moussa auf. Eines heißen Sommertages erschießt Mersault ihn kaltblütig am Strand – eine seltsam unmotivierte Gräueltat, die er im folgenden Gerichtsprozess weder erklären kann noch will.

„Der Fremde“: Messerscharfe Dramaturgie 

Seit dem 1. Januar 2026 im Kino: „Der Fremde“ (©Foz – Gaumont – France 2 Cinema, Carole Bethuel)

Anfangs fremdelt man als Zuschauer mit Mersault, diesem seltsamen Beau ohne Mimik, über dessen Innenleben man gänzlich im Dunkeln tappt. Doch mit fortlaufender Dauer entwickelt die messerscharfe Dramaturgie dieses makellos fotografierten Schwarz-Weiß-Films einen eiskalten Sog. Mersaults Mindset offenbart sich: Schicksalsschläge, Liebesbekundungen und Gewaltausbrüche sind für ihn Lappalien, hält er doch das Leben selbst und die Entscheidungen, die es bereithält, für gänzlich bedeutungslos. Der junge Robert Smith beschrieb diesen existentialistischen Ennui Ende der Siebziger in den Lyrics seines Songs „Killing An Arab“, einer Hommage an Camus: „Whichever I choose, it amounts to the same: Absolutely nothing!“. Die Debüt-Single seiner Band The Cure erklingt folgerichtig während des Abspanns.

Hier gibt’s den Trailer zum Film:

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Abonniere unser
"Heute in Hamburg"
Update per E-Mail oder WhatsApp!

Die spannendsten Events in der Stadt und das Neueste aus der Hamburger Gastro- und Kulturszene. Wir halten dich auf dem Laufenden. 😃

👉 Stattdessen via Messenger abonnieren

Wir senden keinen Spam! Erfahre mehr in unserer Datenschutzerklärung.

Abonniere unseren Newsletter!

Erhalte jeden Tag die besten Empfehlungen für deine Freizeit in Hamburg.

Unsere Datenschutzbestimmungen findest du hier.

#wasistlosinhamburg
für mehr Stories aus Hamburg folge uns auf