Ambi Kouassi über die Fahrradtrainerinnen-Grundausbildung: „Das hat mich mutiger gemacht“

Vom Fahren zum Lehren: wie der HSB über seine Stützpunktvereine Radfahr-Trainerinnen ausbildet
Soviel Praxis wie möglich für die Bewegungserfahrung
Soviel Praxis wie möglich für die Bewegungserfahrung (©HSB)

„Ich will weitergehen“, sagt Ambi Kouassi. Sie hat Fahrradfahren in der Elfenbeinküste gelernt, mit 13 Jahren. Jetzt kann sie sich stolz Absolventin der Fahrradtrainerinnen-Grundausbildung „Fit und mobil mit dem Rad“ nennen. Und die 42-Jährige ist stolz: „Das Wochenende hat mich mutiger gemacht. Wir bekommen nach der Grundausbildung die Möglichkeit, bei einem Kurs zu hospitieren. Wenn ich das gemacht habe, möchte ich meinen eigenen Kurs durchführen.“ Die Freude ist durchs Telefon zu spüren.

Die Mutter einer dreijährigen Tochter hat vom zweiten Mai-Wochenende in der Esther Bejarano-Schule in Bahrenfeld viel mitgenommen, denn neben den Grundkenntnissen in der Pädagogik und Didaktik des Fahrradfahren-Lernens bekam sie selbst mehr Sicherheit im Fahren: „Ich dachte, ich kann es gut. Konnte ich aber nicht. Durch den Kurs bin ich selbstsicherer geworden.“ Dass ihre Tochter Nacy dabei war und es genug Frauen gab, die sich um sie kümmern konnten, wenn Ambi Kouassi im Kurs gefragt war, hat die Bahrenfelder Tage zu einem vollen Erfolg gemacht. Auf das Seminar gestoßen war sie durch eigene Internet-Recherche.

17 Teilnehmende haben unter Anleitung von Carla Rook (Harburger Turnerbund) und Reinhild Fortmann (SpVgg Billstedt/Horn) ihr „Diplom“ als Rad-Lehrerinnen gemacht – samt kleiner Urkunde und der Bitte „noch mal in der Praxis zu hospitieren“, sagt Carla Rook. Die 34 Jahre Geschäftsführerin des HTB hat den Kurs gemeinsam mit Johanna Wittneben vom Hamburger Sportbund „gebaut“. Existent schon seit 2006 und seitdem immer weiterentwickelt, sind sowohl die Lernkurse für Frauen, die noch nicht mit dem „Drahtesel“ vertraut sind, sowie die Trainerinnen-Kurse eine Erfolgsgeschichte geworden.

Eigenständig mobil in Hamburg: Das Angebot richtet sich an Frauen mit Migrations- und Fluchtgeschichte 

10 bis 15 Lernkurse gibt es inzwischen pro Jahr, sagt die Projektverantwortliche Johanna Wittneben aus dem HSB-Referat „Integration durch Sport“ (IdS). Hunderte Frauen haben so Radfahren gelernt. Ganz grundsätzlich wendet sich der HSB mit den Kursen an Frauen mit Migrations- und Fluchtgeschichte. Sie sollen als Radfahrerinnen den Vorteil eigenständiger und günstiger Mobilität in Hamburg erfahren.

Dieses „Herzensprojekt“ fördert der HSB gern – und spricht bewusst Teilnehmerinnen sozialer Player aus ganz Hamburg an: In Bahrenfeld im Mai waren Frauen aus einem Mehrgenerationenhaus, vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) und eine Elternlotsin dabei. Ambi Kouassi beispielsweise gehört ebenfalls (noch) keinem Sportverein an. Der Gedanke dahinter: Um weitere Lernkurse anbieten zu können, braucht es fitte und motivierte Trainerinnen – in ganz Hamburg, aus allen möglichen Bereichen, denn die Nachfrage nach den Kursen ist groß, das Reservoir an Trainerinnen eher klein.

Auch Theorie gehört zum Radtraining dazu (©HSB)

Inhaltlich gilt an den beiden Tagen nach einem kleinen theoretischen Input: „So viel Praxis wie möglich“. Carla Rook: „Einige hatten gerade erst Radfahren gelernt, andere fahren ihr Leben lang und wollten es nun vermitteln.“ Es gilt, Gleichgewicht zu schulen und Bewegungserfahrung zu vermitteln. Erst auf dem Roller, dann dem Laufrad, später auf einem speziellen Laufrad mit ausklappbaren Pedalen. Geduld gehöre dazu, sagt Carla Rook, denn die Übungen seien kleinschrittig aufgebaut. „Am zweiten Tag lassen wir die Frauen eine Stunde konzipieren und leiten, damit sie in die Anleiterinnen-Rolle gehen.“ Das war etwas, was beispielsweise Ambi Kouassi besonders gefiel – vor der Gruppe stehen, auf Deutsch Hilfe geben: „Das hat mich mutiger gemacht.“

Die Kurse sind auch sozial eine Bereicherung für die Frauen 

Carlo Rook selbst hatte im Sportstudium eine Fortbildung beim ADFC zum Thema Didaktik des Radfahrens besucht und selbst, nach eingehender Beschäftigung aus sportwissenschaftlicher Sicht, an einem Uni-Projekt teilgenommen. Ausprobieren konnte sie ihr Wissen dann bei einem ersten eigenen Kurs in einer Flüchtlingsunterkunft. An den aktivsten Standorten bei der SpVgg Billstedt/Horn, beim HTB und dem Hamburger SV sind Sätze von je 15 dieser Fahrzeuge vorhanden. Um die Pflege und Reparatur kümmern sich die Trainerinnen vor Ort – das ist beim HSV Leyla Abdoulatif, die gern gemeinsam mit ihrer Schwester Salma arbeitet. Leyla Abdoulatif war selbst 2017 Teilnehmerin, erzählt sie, in Syrien sei sie nie Rad gefahren. „Erst eine Hand an der Wand und eine Hand am Lenker“, sagt sie und lacht, „dann beide, dann los.“ Draufsetzen, anschieben, hinfallen: das war früher.

Freudig (und immer noch leicht überrascht wirkend) erzählt die 52jährige Frau, wie sie von Carla Rook sanft in die Verantwortung geschoben wurde. Nachdem sie die C-Lizenz Breitensport in einfacher Sprache beim HSB erworben hatte, ermunterte Rook sie, es als Trainerin zu versuchen: „Sie hat mir irgendwann einfach den Schlüssel für die Halle gegeben!“ Das war der Schritt von der Teilnehmerin zur Trainerin – ihren ersten Kurs leitete sie 2021 gemeinsam mit Reinhild Fortmann. Manche Frauen hätten den Lehrgang bei ihr zwei- und dreimal absolviert, berichtet Leyla Abdoulatif, denn der soziale Aspekt komme nicht zu kurz: „Wir haben Spaß, wir machen einen Ausflug mit den Rädern, wir sprechen und essen.“

Während die Grundkurse „Fit und mobil mit dem Rad“ weiter verteilt über die Stadt stattfinden, hat der HSB die nächste Trainerinnen-Fortbildung für das Frühjahr 2027 geplant – die Erfolgsgeschichte wird weitergeschrieben.

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