SZENE HAMBURG: „Der Heimatlose“ ist das Spielfilmdebüt von Regisseur Kai Stänicke. An welchen Stellen hast du das beim Dreh am stärksten gemerkt?
Emilia Schüle: Eigentlich eher im positiven Sinne. Man hat bei Kai diese Dringlichkeit und Leidenschaft gespürt, diesen Film machen zu müssen. Gleichzeitig war er von Anfang an sehr offen für den Austausch mit uns Schauspielerinnen und Schauspielern. Kai hat sich auch auf meine Vision von Greta, meiner Figur, eingelassen – es gab keine Haltung von „so muss es sein“, sondern vielmehr den Wunsch, gemeinsam die beste Version einer Szene zu finden.
Nach deiner bisherigen Erfahrung: Ist es ergiebiger, mit Filmemacherinnen beziehungsweise Filmemachern zu drehen, die noch nicht viel gemacht haben, weil sie eventuell engagierter und noch nicht so festgefahren sind, oder bevorzugst du es eher, mit „alten Hasen“ zu drehen, weil die ihre ganze Erfahrung in Projekte einbringen können?
Das kann man nicht so pauschal beantworten. Es gibt fantastische Regisseurinnen und Regisseure mit jahrzehntelanger Erfahrung und ebenso spannende Filmemacherinnen und Filmemacher, die gerade erst anfangen. Für mich geht es in erster Linie darum, ob jemand etwas zu erzählen hat und ob Vertrauen entsteht. Erfahrung kann unglaublich wertvoll sein, genauso wie der frische Blick von jemandem, der noch ganz unverstellt an Geschichten herangeht. Ich hatte zuletzt großes Glück mit eher jüngeren Regieführenden wie eben auch mit Kai Stänicke.
„Der Heimatlose“ erzählt unter anderem von der Auseinandersetzung mit seinem früheren Ich. Als Schauspielerin und öffentliche Person wirst du sicherlich häufiger mit deinen früheren Ichs konfrontiert als viele andere. Wie gehst du damit um?
Dadurch, dass Filme bestehen bleiben, begegnet man tatsächlich immer wieder früheren Versionen von sich selbst. Früher habe ich mich manchmal dabei ertappt, sehr kritisch auf vergangene Arbeiten zu schauen. Heute sehe ich das eher mit einer gewissen Milde, dazu braucht es wahrscheinlich eine gewisse Reife. Jede Arbeit erzählt auch davon, wo man zu diesem Zeitpunkt im Leben stand. Ich finde es inzwischen schön zu sehen, wie man sich entwickelt hat – als Schauspielerin, aber auch als Mensch.
Es ist ein Prozess zu lernen, mit Ablehnung zu leben
Emilia Schüle

Zentraler Aspekt des Films ist die Auseinandersetzung mit sich selbst nach der Rückkehr in seine Heimat. Du bist in Berlin aufgewachsen und lebst immer noch dort. Kennst du dieses Gefühl trotzdem?
Ich glaube, Heimat konfrontiert einen immer mit einer bestimmten Version von sich selbst – unabhängig davon, ob man weggezogen ist oder nicht. Orte speichern Erinnerungen. Wenn ich nach einer längeren Reise nach Berlin zurückkomme, merke ich oft erst, wie sehr diese Stadt zu meinem Alltag und meiner Identität gehört.
Du bist Großstädterin. Denkst du, dass man in einer Großstadt eher man selbst sein kann als in der Provinz?
Eine Großstadt bietet sicherlich mehr Anonymität und mehr Vielfalt und man kann sicher unbeobachteter leben. Dieses Gefühl „hier kann ich machen, was ich will“, da man nicht an jeder Ecke jemanden kennt und insofern weniger beurteilt wird, kann befreiend sein. Gleichzeitig kann man sich auch mitten in einer Millionenstadt unglaublich einsam fühlen. Tatsächlich genieße ich die Stadt, aber ich bin inzwischen sehr froh, wenn ich auch mal in die Provinz komme.
Wann und wo kommen bei dir besonders viele Heimatgefühle auf?
Weniger an einem bestimmten Ort als in bestimmten Momenten. Wenn Familie oder enge Freunde zusammenkommen. Wenn man Menschen trifft, bei denen man nichts erklären muss.
Gerade in politisch aufgeheizten Zeiten hadern viele Menschen mit dem Begriff „Heimat“. Was bedeutet Heimat für dich?
Das ist für mich keine einfache Frage. Meine Eltern sind nach Deutschland gekommen, als ich ein Jahr alt war. Ich bin in Berlin aufgewachsen, zur Schule gegangen und dort ist bis heute mein Zuhause. Gleichzeitig bin ich in einer russisch-ukrainischen Familie groß geworden. Deshalb war Heimat für mich nie etwas Eindeutiges. Ich empfinde bei dem Begriff immer auch eine gewisse Zerrissenheit. Für mich ist Heimat deshalb weniger ein geografischer Ort oder eine nationale Identität, sondern eher eine Erfahrung. Heimat entsteht für mich dort, wo Erinnerungen und Beziehungen sind – wo ich mich angenommen fühle und sein kann, wie ich bin. Gerade in Zeiten, in denen der Begriff oft politisch vereinnahmt wird, wünsche ich mir, dass wir Heimat wieder stärker als etwas Verbindendes verstehen und nicht als Abgrenzung gegenüber anderen.
Bei jedem künstlerischen Beruf setzt man sich der Kritik aus. Man muss damit umgehen
Emilia Schüle
Auch das Thema der Bewertung durch andere spielt im Film eine Rolle. Welche Strategien hast du entwickelt, um damit gesund umzugehen?
Ja, nicht so einfach. Aber bei jedem künstlerischen Beruf setzt man sich der Kritik aus. Man muss damit umgehen. Man lernt mit der Zeit, zwischen konstruktivem Feedback und bloßer Bewertung zu unterscheiden. Kritik anzunehmen kann ja heißen, sich weiterzuentwickeln. Nicht jede Meinung muss man an sich heranlassen. Mir hilft es sehr, mein Selbstwertgefühl nicht von Reaktionen im Außen abhängig zu machen.
Gab es Phasen, in denen dich die permanente Bewertung von außen belastet hat?
Natürlich gibt es Momente, in denen einen Kritik oder öffentliche Diskussionen beschäftigen. Ich glaube, das ist völlig menschlich. Mit den Jahren habe ich aber gelernt, meine Aufmerksamkeit stärker auf die Menschen zu richten, denen ich vertraue, und auf die Arbeit selbst. Schauspielende haben ja im Grunde vielmehr im Vorfeld mit Ablehnung zu kämpfen als mit der Kritik am fertigen Projekt – da werden wir in der Regel relativ milde behandelt, auch wenn ein Film verrissen wird. Wir werden zu Castings eingeladen, lesen für die Vorbereitung das Drehbuch, setzen uns mit der Rolle auseinander und verlieben uns in eine Rolle. Aber am Ende wird uns möglicherweise gesagt, dass wir zwar ein tolles Casting gemacht haben, aber man sieht uns doch nicht in der Rolle. Es ist ein Prozess zu lernen, mit dieser Ablehnung zu leben.
Du hast auch in den beiden „Wunderschön“-Filmen von Karoline Herfurth mitgespielt, die das Thema Gleichberechtigung in den Mainstream gebracht haben. Wie ist deine Einschätzung zur Gleichberechtigung in der Filmbranche und in der Gesellschaft?
Es hat sich in den vergangenen Jahren einiges bewegt. Gleichzeitig stehen wir noch längst nicht da, wo wir hinmüssen. Gleichberechtigung bedeutet nicht nur gleiche Chancen vor der Kamera, sondern auch hinter der Kamera, in Produktionen, bei der Frage, welche Geschichten erzählt werden und aus welchen Perspektiven. Ich wünsche mir, dass diese Vielfalt selbstverständlich wird und wir darüber irgendwann gar nicht mehr gesondert sprechen müssen. Gerade wird viel darüber gesprochen, ob sich in unserer Branche Gleichberechtigung und Vielfalt auf dem Weg der Abwicklung befinden. Ich hoffe sehr, dass das nicht passieren wird.
Dieser Artikel ist zuerst in der SZENE HAMBURG 09/2026 erschienen.

