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Kalte Füße in Hamburg?

Je näher die kalte Jahreszeit rückt, desto größer wird bei vielen Menschen die Sorge vor einem Gasmangel. Wie reagiert die Politik auf bevorstehende Engpässe und steigende Kosten für Verbraucher:innen? Ein Interview mit Jens Kerstan, Senator der Hamburger Umweltbehörde

Interview: Anna Meinke

SZENE HAMBURG: Jens Kerstan, wie lautet Ihre Prognose für die kommenden
Herbst- und Wintermonate hinsichtlich der Versorgungsengpässe? Wird Heizen in Hamburg zum Luxus?

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Jens Kerstan, Senator der Umweltbehörde (Foto:Florian Besser)

Jens Kerstan: Wir befinden uns in einer schwierigen Lage. Deutschland bezieht mittlerweile 40 Prozent des Gasbedarfes aus Russland, die Lieferungen wurden um 80 Prozent gekürzt. Aber wir bekommen auch Gas vor allem aus Norwegen und Niederlande geliefert. Durch die vier geplanten LNG- Terminals könnten wir die Kürzungen des Russland-Gases im Wesentlichen ausgleichen. Aber von den vier Terminals gehen jetzt erst zwei an den Start. Wir müssen also wesentliche Einsparungen im Gasverbrauch vornehmen. Der EU-Notfallplan sieht eine Senkung des nationalen Gasverbrauchs um 15 Prozent vor. Dadurch könnten die Füllstände der europäischen Gasspeicher im Durchschnitt eine Höhe von etwa 80 Prozent erreichen. Wir in Hamburg wollen unseren bestmöglichen Beitrag leisten, diese Ziele zu erreichen.

„Ich gehe fest davon aus, dass niemand in Hamburg frieren müssen wird“

Jens Kerstan

Ich gehe fest davon aus, dass niemand in Hamburg frieren müssen wird. Die Haushaltskunden sind nach EU-Recht geschützte Kunden, das heißt, wenn nötig wird zuerst in der Industrie und der Wirtschaft rationiert. Aber auch dort wird niemandem das Gas komplett abgedreht. Erst wenn das nicht ausreicht, also quasi alle Stricke reißen, würde auch bei den Haushaltskunden rationiert. Aber das sehe ich zurzeit nicht.

Uns ist allen bewusst, dass die Energiepreise durch die Decke gehen. Und ich kann nur an alle Hamburgerinnen und Hamburger appellieren, den Energieverbrauch zu reduzieren und wenn möglich, monatlich einen Betrag zurückzulegen, um sich auf die Jahresabrechnungen in diesem Bereich vorzubereiten. An dieser Stelle möchte ich davor warnen, Heizlüfter anzuschaffen. Denn Strom zum Heizen kostet vier Mal so viel wie Gas. Und wenn Heizlüfter im großen Stil eingesetzt werden, kann es in einzelnen Straßenzügen das Stromnetz überlasten.

Auf der Website der Umweltbehörde werden den Hamburger:innen Energiespartipps für zu Hause ans Herz gelegt. Werden die Anstrengungen von Privathaushalten allein ausreichen, um ohne kalte Füße durch die Wintermonate zu kommen?

Nein, es wird eine gemeinsame Kraftanstrengung vonnöten sein – von Politik, Industrie, Wirtschaft und von allen Hamburgerinnen und Hamburgern. Wir haben zu Beginn der Woche den 25-Punkte-Energiesparplan der Stadt vorgestellt. Anfang September werden wir eine große Kampagne starten, an der sich neben der Stadt unter anderem auch die Kammern, die Wirtschaft und die Verbände beteiligen werden. Dabei geht es auch darum, mehr Informationen und Hilfestellungen für die Hamburgerinnen und Hamburger und Gewerbetreibenden zu bieten.

„Es ist klar, dass alle an einem Strang ziehen müssen, damit wir gut durch den Winter kommen“

Jens Kerstan

Es ist klar, dass alle an einem Strang ziehen müssen, damit wir gut durch den Winter kommen und um einer drohenden Gasmangellage entgegenzuwirken. Wir wollen aber auch vermeiden, dass Hamburg als Industriestandort und große Unternehmen in unserer Stadt in Schwierigkeiten geraten, weil sie im Falle einer Gasmangellage nur noch gedrosselt produzieren können.

Energiesparen hin oder her – wenn die Bürger:innen demnächst die rasant steigenden Energiekosten zahlen müssen, werden viele vor großen finanziellen Problemen stehen. Wie wird den Hamburger:innen bei explodierenden Kosten geholfen?

Es werden generelle finanzielle Hilfen wie zum Beispiel das Energiegeld von der Bundesregierung bereitgestellt. Wir in Hamburg prüfen derzeit, ob es rechtlich möglich ist, die vom Bund beschlossene Gas-Umlage nicht auf die Fernwärme und Gaskunden der städtischen Energiewerke (HEnW) umzulegen.

Auch bereiten wir einen Härtefallfonds nach dem Vorbild Niedersachsens vor, um auch die Kundinnen und Kunden privatwirtschaftlicher Unternehmen zu unterstützen, wenn Sie die Umlage nicht zahlen können. Zudem sind wir in Gesprächen mit den Energieversorgern, dass es bei Zahlungsverzug zu keinen Sperrungen von Strom und Gas in diesem Winter kommen soll. Alle diese Maßnahmen dienen dazu, eine Notlage zu vermeiden. Wir werden niemanden im Stich lassen.

Der Bundeskanzler bezeichnete die aktuelle Energiekrise als „sozialen Sprengstoff “
– gerade die Ärmsten unserer Gesellschaft leiden unter den massiven Preissteigerungen. Befürchten Sie, dass sich soziale Ungleichheiten in Hamburg im Zuge der Krise verstärken werden?

Die Energiekrise, verursacht durch den Angriffskrieg in der Ukraine und den Erpressungsversuchen von Putin, betrifft jeden. Die Preissteigerungen sind allerorts spürbar. Wir werden in Hamburg alles tun, um diese Krise sozial gerecht zu meistern.

Andere Bundesländer legen bereits Energiesparpläne vor, die auch die Beheizung und nächtliche Beleuchtung öffentlicher Gebäude sowie die Industrie in den Blick nehmen. Wie sieht hier der Plan für Hamburg aus?

Wir als Senat, als Verwaltung, nehmen eine Vorbildfunktion in dieser dramatischen Situation ein und haben einen umfangreichen 25-Punkte-Plan zum Energiesparen vorgelegt. Darin geht es unter anderem um die Senkung der Raumtemperatur in den öffentlichen Gebäuden auf die gesetzlich vorgegebene Mindesttemperatur von 20 Grad, um das Abschalten von Warmwasser, um die Reduzierung der Beleuchtung an öffentlichen Gebäuden und in Parks- und Grünanlagen sowie bezirklichen Sportanlagen außerhalb der Nutzungszeiten.

Wir werden den Betrieb von Brunnenanlagen, der Alsterfontäne, der Wasserspiele in Planten un Blomen einstellen – um nur ein paar Punkte zu nennen. Als Industriestandort haben wir in Hamburg einen vergleichsweise hohen Energieverbrauch. Die Industrieunternehmen in Hamburg verbrauchen ein Drittel des Gases. Es ist also auch für unseren Wirtschaftsstandort wichtig, dass es nicht zu einer Gasmangellage kommt.


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