SZENE HAMBURG: Eric, dein Verlag hat dich als „Italienerklärer“ bezeichnet. Wie bist du ein solcher geworden?
Eric Pfeil: Ich sehe mich nicht so. Ich bin eher ein Schwärmer, ein Staunender, ein Verknallter, ein Liebender, wenn man so will. Ich beziehe mich dabei auch weniger auf das Land, als auf den Kulturraum Italien, der sich nach der Überwindung des Faschismus ganz neu erfunden und viel Kultur – Musik und Film – produziert hat, die mir viel bedeutet. Die Wurzel dieser Begeisterung liegt zum einen in den Reisen, die ich mit meinen Eltern in den Achtzigern dorthin unternommen habe, also in einem sehr unschuldigen Blick: Ich kam mit zehn, elf, zwölf Jahren erstmals nach Rom und dachte: Okay, das ist definitiv ein anderer Vibe als in Bergisch Gladbach. Und wie das so ist: Irgendwann wollte ich mehr wissen, habe auch zunehmend die dunklen Seiten gesehen und all das versucht, in Musik und Filmen zu erforschen, was ja immer die besten Sachen sind, um eine Kultur in ihrer Komplexität zu begreifen.
„Hotel Celentano“ ist jetzt dein drittes Buch mit Italienbezug. Was flasht dich so an dem Land, dass du es literarisch immer wieder zum Thema machst?
Die vielen inneren Widersprüche, die es so in kaum einer anderen europäischen Kultur gibt: die starke Leichtigkeitsbehauptung bei gleichzeitiger enormer Armut und Landflucht zum Beispiel. Italien ist ein sehr junges Land, das ja erst Ende des 19. Jahrhunderts „zusammengepfercht“ wurde. Bozen im Norden und Palermo sind zwei Planeten, das Nord-Süd-Gefälle ist komplex und produziert auch einen Binnenrassismus. Italien ist immer noch ein enorm zerrissenes Land, der Regionalismus ist viel ausgeprägter als anderswo und zeitigt natürlich eine enorme Vielfalt. Italien ist ein Fachland für Widersprüche, das macht es so faszinierend.
Deckt sich deine Liebe zu Italien mit der Liebe, die „uns Deutschen“ hinsichtlich Italiens immer nachgesagt wird?
Was meine kindliche Prägung, also die oben erwähnten frühen Reisen, angeht, schon. Mittlerweile schaue ich aber anders darauf. Mich faszinieren die Abgründe, das Unperfekte viel mehr. Gardasee-Schwärmerei und Aperol-Kult sind nicht so mein Ding.
Eric Pfeil über Sommer in Italien
Du schreibst im Vorwort deines Buches, dass Italien „von den unterschiedlichsten Menschen mit den unterschiedlichsten Inhalten aufgeladen“ wird. Kann ein Land diesem Erwartungsdruck überhaupt gerecht werden?
Nein. Ich schreibe ja auch: So viel Zuschreibungsfuror, Sehnsuchts-Projektion und, ja, Liebe tut niemandem gut, erst recht keinem Land. Die meisten Menschen verwechseln Italien mit ihrem Urlaub, das liegt in der Natur der Sache.
Welche Erwartungen hattest du an Italien, bevor du dich für das Buch auf die Reise dorthin begeben hast?
Ich fahre ja seit Jahrzehnten nahezu ausschließlich in Italien herum, ich hab halt einen Knall. Ich gehöre zu den Menschen, die der Meinung anhängen, dass es ergiebiger ist, eine Sache richtig gut kennenzulernen und idealerweise zu durchdringen, als von allem ein bisschen zu sehen und letztlich nichts zu kapieren. Was die Reise zu dem Buch angeht, hatte ich diesmal gar keine Erwartungen, es war ja ein Experiment: Kann man all den Filmen und Songs, kann man Marcello Mastroianni, Sophia Loren oder Adriano Celentano genau so hinterherreisen wie dem Strand-Italien, dem Ausgrabungsstätten-Italien oder dem kulinarischen Italien? Um es zu beantworten: man kann. Mein Wunsch wäre, dass die Leute bei ihrer nächsten Italienreise sagen: Ist ja schön und gut mit dem Kolosseum und dem Bernini-Brunnen, aber lass uns doch auch mal anschauen, wo Celentano seine Filme gedreht hat.
Gardasee-Schwärmerei und Aperol-Kult sind nicht so mein Ding
Eric Pfeil
Der Subtitel deines Buches lautet: „Sommerreise durch ein anderes Italien“. Warum sollte man Italien auf jeden Fall im Sommer bereisen?
Na, die Sommerreise steht drauf, weil davon auszugehen ist, dass die meisten Menschen dem Buch im Sommer hinterherreisen. Und das sehen auch die meisten Landsleute nicht anders: Der italienische Sommer ist geradezu ein Fetisch. Man denke nur an den heiligen Feiertag Ferragosto am 15. August, den alle, die etwas auf sich halten, am Meer verbringen.
Was macht das Italien, das du in deinem Buch beschreibst, so anders?
Ich durchreise ja meinen eigenen obsessiv-nerdigen Kulturraum. Mich verschlägt es zwar auch immer wieder an den Strand oder ans Aperitivo-Glas, aber ich bringe die Leute ja vorrangig an Orte, wo die touristischen Duftstoffe scheinbar schnell weggeschnuppert sind und sich Touristen eher selten hin verirren. Wo haben Visconti und Helmut Berger in Rom gelebt, wo hat Marcello Mastroianni Urlaub gemacht, wo hat meine Lieblingssängerin, die 3-Oktaven-Diva Mina, ihr Abschiedskonzert gegeben, so was.
„Italien ist eine Mythenmaschine, die verlässlich liefert!“ -Eric Pfeil
Du hast mit „Hotel Celentano“ dann versucht, dein auf Kulturerzeugnissen beruhendes Italienbild mit der Realität abzugleichen. Warum?
Die hinterliegende Frage des Buches ist für mich: Wie viel vom Mythos der italienischen Leichtigkeit, der ja aus Filmen und Songs geboren wurde, ist noch da? Wir sprechen ja auch von einem Land, in dem heute eine rechte Regierung bemüht ist, die Marke „Made in Italy“ sehr zu pushen. Gleichzeitig geht ja bekanntlich alles den Bach runter, warum also nicht auch Italien? Die Frage, die mich beschäftigt, lautet: Wie ist es um das Verhältnis von Mythos und Wirklichkeit bestellt?
Hattest du nicht Angst, dass du dir dadurch etwas kaputt machst?
Nein. Italien ist ja schon eine Mythenmaschine, die verlässlich liefert. Es ist eine Kultur, die viel übrig hat für Stil, Wirkung, Expressivität und flirrende Oberflächen. Und es kommt immer noch viel tolles Zeug aus Italien: die Sängerin Madame, der Rapper Geolier, Musiker wie Colapesce und Dimartino oder die Filme von Alice Rohrwacher.
Du stellst im Buch auch die Frage: „Wie viel hatte das heutige Treiben zwischen Mittelmeer und Adria noch mit der einstigen Glorie zu tun?“ Wie lautet deine Antwort darauf?
So einiges. Die Italiener sind gut darin, ihr Tafelsilber in Schuss zu halten. Und die Marke Italien ist ziemlich stabil, ob nun in Neapel, in Rom oder auf Sizilien. Wie schon gesagt: Italien hat mit vielen Problemen zu kämpfen – Überalterung, Armut, Klimawandel, Strukturschwäche –, aber Italien tut das mit sehr viel Stil.
Wenn dich jemand fragt, der nur noch einen Tag zu leben hätte und der noch nie in Italien war, wo er diesen letzten Tag in Italien verbringen soll: Was würdest du ihm raten?
Neapel. Zwischen dem Vesuv und den Phlegräischen Feldern, wo konstant der Untergang droht und das Leben eine sehr frivole Schwermut hat, stirbt es sich vermutlich hervorragend.
Dieses Interview ist zuerst in SZENE HAMBURG 06/26 erschienen

