Was haben der biblische Turm zu Babel, die Wehrtürme mittelalterlicher Burganlagen und der sprichwörtliche Elfenbeinturm der Wissenschaft gemeinsam? Sie alle sind – ob als mahnendes Zeichen menschlicher Selbstüberhöhung, in historisch-militärischer Funktion oder als Metapher in sich geschlossener Gesellschaftskreise – komplexe Systeme, die getragen sind von einer existenziellen Spannung: zwischen Schöpfen und Scheitern, Aufbau und Zerfall, Gemeinschaftlichkeit und Exklusivität. Auf der Suche nach einer zeitgenössischen Pointierung und kreativen Übersetzung bekam der Hamburger Künstler Simon Hehemann im August einen kompletten Monat lang den Schlüssel zur Galerie Feinkunst Krüger. Was bei diesem Prozess entstand, ist dort nun in seiner Einzelschau „Wie die Teile fallen“ zu sehen: ein umfassender räumlicher Eingriff von anarchischer Energie, eine begehbare Installation, die, wie häufig bei Hehemann, in ungewöhnliche Welten zwischen Raumstation, Untersuchungslabor, postapokalyptische Szenerie und extraterrestrische Landschaft führt. Schollenähnliche Formationen aus Asphalt und Wasserlachen bedecken Teile des Bodens, eigenwillige Konstruktionen aus länglichen Betonklötzen türmen sich meterhoch auf, die Wände sind komplett schwarz, sodass man meinen könnte, sie saugten das Licht förmlich auf. Stellenweise erhellt werden die Räume durch Projektoren, die Videosequenzen auf überdimensionierte Post-its werfen. In Zeitlupe und im dauerhaften Vor- und Rücklauf fallen ebensolche Betonklotztürme im Atelier des Künstlers in sich zusammen, gezielt ausgelöst durch einen Steinwurf, und richten sich vermeintlich wieder auf, bevor sie erneut zu Boden gehen. Ergänzt wird diese filmische Schleife aus Konstruktion und Destruktion durch Motive aus Hehemanns Archiv: Flugpollen, Kopfkissenfedern, Staubflusen, also Teile, die – anders als die Türme – schwebend zu Boden gehen und sich wieder aufschwingen können, je nachdem, wie der Wind steht. Zweifelsohne ließen sich Hehemanns künstlerische Varianten einstürzender und sich wieder formierender Gegenstände und Gebilde auch als objektbasierte Kommentare lesen, als Reflexionen gegenwärtiger politischer oder gesellschaftlicher Systeme – die besonders in Form einer begehbaren Installation aber auch zeigen, dass wir uns alle aktiv darin bewegen und selbst Teile davon sind: die früher oder später, komme es wie es wolle, auch fallen werden. / PM
Feinkunst Krüger: Falltürme zwischen Konstruktion und Destruktion

