Wer sich im Literaturbetrieb ein bisschen auskennt, dürfte sich freuen, dass Martin Piekars deutsch-polnische Familiengeschichte „Vom Fällen eines Stammbaums“ nun endlich erschienen ist, denn: 2023 wurde ein Auszug des Buches bereits beim Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt gefeiert, 2024 hat der Roman den Robert-Gernhardt-Preis erhalten und war 2025 für den Alfred-Döblin-Preis nominiert. Entsprechend groß dürften nun die Erwartungen an das Buch sein, doch – so viel sei verraten – man muss sich keinesfalls sorgen, diese könnten nicht erfüllt werden. Und weil sich das Thema „Sinnsuche“ in dieser Ausgabe so schön durch die vorgestellten Bücher zieht: Das ist auch in „Vom Fällen eines Stammbaums“ das bestimmende Sujet. Dessen Protagonist ist Marcin, der als Sohn einer polnischen Einwanderin versucht, seinen Platz in Deutschland zu finden. Seine Mutter arbeitet in der Altenpflege – ein harter Job, deren Belastungen sie nur durch hehren Alkoholkonsum Herr wird. Und durch den Frustabbau an ihrem Sohn. Was soll man sagen: „Vom Fällen eines Stammbaums“ ist eine derart berührende Coming-of-Age-Story, die auf so vielen Ebenen nachhallt, dass man es nach Beendigung eigentlich gleich ein zweites Mal lesen müsste.
Diese Kritik ist zuerst in SZENE HAMBURG 06/26 erschienen.

