Frappant e. V.: Atelierstipendium 

 Seit Herbst 2025 arbeiteten die beiden Künstlerinnen Eda Aslan und Martha Szymkowiak im Rahmen des Frappant-Atelierstipendiums für zwölf Monate an neuen Projekten – die nun abschließend in der Galerie des Vereins ausgestellt werden
Eda Aslans Arbeit „It Was Their Dust That We Breathed In“ wurde dieses Jahr bereits in der Halle für Kunst in Lüneburg gezeigt
Eda Aslans Arbeit „It Was Their Dust That We Breathed In“ wurde dieses Jahr bereits in der Halle für Kunst in Lüneburg gezeigt (©Fred Dott)

Ein gekachelter Raum, zwei junge Männer in Ringertrikots, sie raufen und rangeln, ein paar Schaulustige verfolgen den Kampf: Was klingt wie ein zwielichtiger Fight-Club im Untergrund, war tatsächlich eine Performance, die die Bühnenbildnerin und Künstlerin Martha Szymkowiak für den OpenStudio-Tag vor einigen Monaten in der Fux-Kaserne in Altona inszeniert hatte. Ort des Geschehens war das Atelier, das sie seit Herbst 2025 als Trägerin des Frappant Atelierstipendiums für ein Jahr nutzen durfte. Dass sie gerade hier, in einem Kulturraum, einen Kampf ausrichtete, konnte, sollte vielleicht sogar erst mal irritieren – denn gerade durch die Herausforderung gewohnter Wahrnehmungsmuster wird man als betrachtende Person bei Szymkowiaks Arbeiten häufiger angezogen.

Martha Szymkowiak (©Moritz Clasen)

„Ich möchte mit meinen Arbeiten“, so die Künstlerin, „neue Perspektiven auf das Alltägliche eröffnen. Dafür entwickle ich figurative und performative Räume zwischen Installation, Popkultur und immersivem Theater, oft humorvoll, spielerisch, multisensorisch.“ 2023 stellte sie bei der Jahresausstellung in der Hochschule für bildende Künste etwa ein mit Kopfstein bepflastertes Laufband in den Raum, auf dem ein Rollkoffer verloren vor sich hin wackelte – ohne jemals voranzukommen. „Staying alive“ nannte Szymkowiak die Arbeit mit einem Augenzwinkern. Und doch erschöpft sich ihre Kunst nicht im kurzlebigen Witz, sondern führt vielmehr kraft ihrer Zugänglichkeit leichter zur nächsten Reflexionsebene, die auch ernste, kritische Deutungsmöglichkeiten eröffnet. Denn so wie der Koffer, der mythologischen Figur Sisyphos gleich, in einem nicht enden wollenden Kreislauf fremdbestimmter, mühevoller Arbeit gefangen zu sein scheint – was dieses Gepäckstück gerade so menschlich und bemitleidenswert macht – so symbolisierten auch die zwei Ringer mehr als zwei sportliche Kontrahenten, und zwar buchstäblich. Auf ihren Rücken klebten Zettel, einmal mit der Aufschrift „Lebensunterhalt“, einmal mit „Lebensinhalt“: ein Clinch zwischen Stabilität und Verwirklichung, zwischen freiem Schaffen und Erwerbsarbeit, der insbesondere bei jungen Künstlerinnen und Künstlern zu Existenzängsten, Selbstzweifeln, Schlafstörungen führen kann. „Die Auseinandersetzung mit persönlichen Problemen und Hürden“, führt Szymkowiak aus, „ist Teil meiner künstlerischen Praxis. Aktuell sind das zwei Themen: der Hochschulabschluss und die Frage nach der weiteren beruflichen Ausrichtung sowie die Vereinbarkeit von Mutterschaft und Kunst.“ Genau hier setzt sie auch in ihrer Abschlussausstellung „Herzlichen Glückwunsch“ in der Frappant Galerie an, die vom 18. bis zum 20.9. läuft: „Ich bringe meine persönlichen Erfahrungen als Mutter und der damit verbundenen neuen Rolle in der Gesellschaft ein und befasse mich mit Häuslichkeit, dem Verborgenen, dem Banalen, dem Langweiligen, dem Unbeachteten – und der Macht, die darin liegt.“

Eda Aslan (©Henriette Pogoda)

Frappant e. V.: Die zweite Stipendiatin Eda Aslan 

Auch Eda Aslan, die zweite Frappant Atelierstipendiatin, schafft räumliche Settings. Mal dreht es sich dabei um ein einzelnes Objekt wie bei der Arbeit „Archive of Bihrat Mavitan“, bei der Aslan den gleichnamigen Bildhauer und Professor mittels eines Regals ehrte, das Teile seiner persönlichen Ringbücher präsentierte, in denen er Skulpturen, auf die er online gestoßen war, nach eigenem System kategorisierte. Mal handelt es sich aber auch um mehrteilige multimediale Objektensembles, die sich über Boden und Wände erstrecken können, wie etwa bei „Mehpare Heilbronns Herbarium“. Hier hatte Aslan sich unter Verwendung mehrerer Holzkisten, Pflanzenproben, Herbarmaterialien, einem Schreibtisch und zwei Videoscreens mit der Geschichte von Mehpare Heilbronn auseinandergesetzt, einer türkischen Wissenschaftlerin, die in den 60er-Jahren aus politischen Gründen nach Deutschland emigriert war.

(©Philipp Mechsner)

Das verbindende Element in Aslans vielseitigem Schaffen ist die forschende Herangehensweise, so auch im Fall ihres Projekts, das sie im Zuge des Stipendiums entwickelte: „Für mich beginnt der physische Schaffensprozess meist erst nach einer langen Recherche- und Verarbeitungsphase im Atelier“, erzählt sie. „Daher habe ich mich während meiner Zeit bei Frappant nicht darauf konzentriert, eine bestimmte physische Form zu schaffen, sondern vor allem auf die Unzugänglichkeit von Institutionen, deren Kontrolle über Wissensgegenstände.“ Dabei stieß Aslan unter anderem auf einen giftigen, unkontrollierbaren Staub, der aus verschiedenen Regionen nach Europa getragen wird und teils unter den Lacken alter Artefakte sitzt, sodass Restauratorinnen und Restauratoren auch heute noch immer wieder damit zu kämpfen haben. Aus dieser Recherche ging bereits die Arbeit „It Was Their Dust That We Breathed In“ hervor: zwei Gitterfenster von Lüftungsanlagen, eingelassen in eine Wand, dahinter Ventilatoren und Lichtquellen, die den Eindruck eines brennenden Feuers erwecken, präsentiert im Frühjahr 2026 in der Schau „Under/Currents. Passing through Salt an Water“ in der Halle für Kunst in Lüneburg. Für ihre abschließende Schau „Untitled or Unfixed“, die vom 25. bis zum 27.9. in der Frappant Galerie läuft, produzierte Aslan nun eine Fotoinstallation aus 36-mm-Bildern, die sie aus verschiedenen institutionellen Archiven zusammengetragen hat, bevor sie gelöscht oder unsichtbar gemacht wurden. „Im Gegensatz zur starren Struktur von Institutionen“, so Aslan, „schafft meine Installation eine Atmosphäre, die die Zerbrechlichkeit und das Verschwinden von Wissen sowie dessen physische Spuren im Raum zur Diskussion stellt“ – bestenfalls auch über die Dauer der Ausstellung hinaus.

Dieser Artikel ist zuerst in SZENE HAMBURG 09/26 erschienen. 

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