Hajo Schüler über sein Stück „Wunder“ im St. Pauli Theater

Die Theatercompany Familie Flöz kreiert mit „Wunder“ einen Abend über den berühmten Hamburger Stadtteil St. Pauli im St. Pauli Theater. Ein Gespräch mit dem in Berlin lebenden Schauspieler und Regisseur Hajo Schüler, dem künstlerischen Leiter des Ensembles
Gründete 1996 zusammen mit Michael Vogel die Gruppe Familie Flöz: Hajo Schüler
Gründete 1996 zusammen mit Michael Vogel die Gruppe Familie Flöz: Hajo Schüler (©Kai Heimberg)

SZENE HAMBURG: Hajo, warum lasst ihr euch von einem Film aus dem Jahr 1951 inspirieren: „Das Wunder von Mailand“ des Regisseurs Vittorio De Sica?

Hajo Schüler: Tatsächlich lag der Stoff „Das Wunder von Mailand“ schon länger in unserer Ideen-Schublade. Als Uli Waller an uns herantrat mit der Einladung, ein Stück zu entwickeln, das etwas mit dem Ort St. Pauli zu tun hat, erschien uns das „Wunder“ sofort eine sehr passende Inspiration. Es stecken so viele Themen darin, die sich mit der Geschichte St. Paulis verknüpfen lassen. Gleichzeitig hat die Geschichte etwas Märchenhaftes, das gut zu unserer Art des visuellen Erzählens passt.

Wie nah bleibt ihr am filmischen Vorbild?

Die Novelle von Cesare Zavattini „Totò il Buono“, die dem berühmten Film zugrunde liegt, ist eine Hommage an den großen italienischen Komiker Totò, dessen Gesicht etwas sehr Maskenhaftes hat. Da gibt es eine direkte Verbindung zu den großen Stummfilm-Komikern wie Buster Keaton oder Charlie Chaplin. Wir haben uns mehr an der Novelle orientiert als am Film.

Verlagert ihr den Spielort vom Slum einer italienischen Großstadt in den Stadtteil St. Pauli?

Zavattinis Erzählung spielt nicht in Mailand, sondern in der fiktiven Stadt Bamba. Auch in unserem „Wunder“ gibt es einen Totò, aber eben einen sprachlosen. Der Verzicht auf Sprache bringt mit sich, dass wir uns auf die Suche nach Bildern machen, nach Aktionen und Situationen, in der die Körper die Geschichte erzählen können. Dadurch entfernen wir uns natürlich von der Vorlage. Novelle und Film sind für uns Inspiration und Orientierung, aber wir erdichten uns letztlich unsere eigene Geschichte.

Hajo Schüler: Über seine Theateradaption „Wunder“

Hajo Schüler entwirft und fertigt die Masken für Familie Flöz (© Chris Knörr)

Totò bringt Menschen am Rande der Gesellschaft Hoffnung durch Licht und Wärme, behaltet ihr diesen Gedanken bei?

Ganz stark sogar! Im Film geht es um fossile Energie, eine Ölquelle. Wir haben uns gefragt, was für unsere Geschichte der wertvolle Rohstoff sein könnte. Da war schnell das Licht im Spiel. Angewendet auf St. Pauli, gibt es zahlreiche Facetten von Licht: vom Zwielicht zum Rotlicht, vom Scheinwerferlicht zu den Stars, vom Dunkel der Halbwelt zum Blaulicht. Und natürlich der poetische Aspekt des Lichts – die Hoffnung. Unser Totò ist durchaus eine Lichtgestalt.

Ist der gemeinsame Nenner weiterhin eine Gemeinschaft, die sich gegenseitig hilft? Das trifft auf St. Pauli als Touristenhochburg nur bedingt zu …

Der Aspekt des Tourismus steht weniger im Fokus als das Thema Gentrifizierung. Für unsere zunehmend polarisierte Gesellschaft ist die nach Empathie strebende Gemeinschaft ein starkes Gegenbild. Wenn diese Gemeinschaft sehr bunt und divers ist, hat sie immer etwas Utopisches. Totò ist auf der Suche nach einer Utopie, wenn er von einer Welt träumt, in der ein „Guten Morgen!“ auch wirklich der Wunsch nach einem guten Morgen meint. Interessiert hat uns an St. Pauli auch die Kommerzialisierung der Unterhaltung. Wann stirbt, im Streben nach Profit, die „Lebendigkeit“ in der Unterhaltung, die ja eigentlich die wahre Anziehungskraft ist und die Menschen fasziniert und verwandelt.

Im Film gibt es 14 Figuren, warum fügt ihr weitere hinzu?

Wir schreiben das Stück nicht zu Beginn fertig, sondern entwickeln es gemeinsam auf den Proben. Dabei sind die entstehenden Figuren wichtige Antreiber. Manchmal eröffnet eine Figur ganz neue Wendungen, nimmt sich mehr Raum als geplant. Es kann auch vorkommen, dass eine Figur am Ende gar nicht mehr auftaucht, von einer anderen Figur geschluckt wird. Da ist bis zur Premiere noch einiges in Bewegung. Unsere Arbeit ist von einem sehr kollektiven Geist geprägt, wir arbeiten als Gruppe und weniger in traditionellen Hierarchien. Es geht um eine sinnvolle und produktive Arbeitsteilung. Der Spruch von den Beatles – auch ein Teil der Geschichte St. Paulis – könnte auch bei uns an der Wand hängen: „Die beste Idee wird genommen, egal von wem sie kommt.“ Generell ist es ein großer Reiz von Masken, dass jeder Spieler und jede Spielerin in Sekunden von einer zur anderen Figur wechseln kann. Oft spielen unsere Darstellerinnen und Darsteller bis zu acht verschiedene Figuren.

„Masken öffnen die innere Welt des Menschen“

Hajo Schüller

Insgesamt sollen 30 Charaktere auftreten, welche Typen werden dabei sein?

Es war ein großer Spaß, unsere eigenen Versionen von Persönlichkeiten, die wir mit St. Pauli verbinden, zu kreieren. Dabei ist zum Beispiel „Kobi“, eine Figur, die vom Beruf des Koberers inspiriert ist. Es gibt eine „Domina“, Bodyguards und Bauarbeiter, den mächtigen Unternehmer Mobbi, den es auch im Film gibt. Den Musiker, der von einer Karriere als Rockstar träumt, den Polizisten von der Davidwache natürlich. Edvige, die stille Gegenspielerin von Totò, die es auch in der Originalgeschichte gibt. Unsere Figuren sind Typen, das ist völlig richtig, und sie haben gleichzeitig etwas Archetypisches.

Masken faszinieren in verschiedenen Kulturen, sicher kannst du als Maskenbauer die Sogwirkung erklären …

Masken sind starr, werden aber in der Imagination des Publikums lebendig. Gerade durch ihre Unbeweglichkeit provozieren sie, dass Zuschauerinnen und Zuschauer Emotionen und Gedanken in ihnen lesen. Masken öffnen gewissermaßen die innere Welt des Menschen, der sie trägt. Das ist ein unterhaltsamer, manchmal gar magischer Vorgang für das Publikum, weil es direkt beteiligt ist. Alle wissen, dass es eine starre Maske ist, und trotzdem scheint sie sich zu bewegen. Wir spüren, dass wir es sind, die den Masken ihr Leben geben. So verbinden wir uns mit den Figuren, erkennen uns in ihnen wieder. Dies geschieht manchmal in wenigen Sekunden. So ist eben auch der Spielort wandelbar, weil die Zuschauenden ihn sich eigentlich selber erschaffen. Die Hamburger sehen St. Pauli, die Pariser vielleicht die Banlieues. Für unsere Recherche haben wir vor allem die Menschen von St. Pauli studiert. Die wunderbaren Fotografien von Günter Zint waren dafür eine Goldgrube. Aber auch historische Figuren wie die „Zitronenjette“ waren eine Inspiration für uns. Also gibt es eine Figur, die wir „Jette“ nennen. Einen „schönen Klaus“ gibt es übrigens auch.

Das Ende der Geschichte ist traurig und offen zugleich …

Das Ende des Films kann man auch als Flucht lesen. Was uns immer wichtig ist: eine Hoffnung zu erzeugen. Ich glaube, dass wir in den meisten unserer Stücke am Ende auch immer etwas feiern möchten, vielleicht einfach die Zeit, die wir und das Publikum gemeinsam verbracht haben. Es geht nie nur um das Ende der Geschichte, sondern auch um den Abschied, das Ende des Abends. Das Theater selbst zu feiern, darin steckt eine große Hoffnung. Denn wir sagen damit, dass wir uns wiedersehen, einander begegnen und noch mehr Zeit miteinander verbringen möchten.

Dieser Kritik ist zuerst in der Printausgabe 10/26 der SZENE HAMBURG erschienen. 

Abonniere unser
"Heute in Hamburg"
Update per E-Mail oder WhatsApp!

Die spannendsten Events in der Stadt und das Neueste aus der Hamburger Gastro- und Kulturszene. Wir halten dich auf dem Laufenden. 😃

👉 Stattdessen via Messenger abonnieren

Wir senden keinen Spam! Erfahre mehr in unserer Datenschutzerklärung.

Abonniere unseren Newsletter!

Erhalte jeden Tag die besten Empfehlungen für deine Freizeit in Hamburg.

Unsere Datenschutzbestimmungen findest du hier.

#wasistlosinhamburg
für mehr Stories aus Hamburg folge uns auf