Frauenfußball: Ja, es ist Liebe!

Kulttrainerin Kim Koschmieder verlässt den FC St. Pauli – und bleibt doch auf ewig in den Herzen ihrer Spielerinnen
Macherin des „Frauenfußballwunders“ von St. Pauli: Trainerin Kim Koschmieder übernahm das Team am Tabellenende und führte es zum Klassenerhalt
Macherin des „Frauenfußballwunders“ von St. Pauli: Trainerin Kim Koschmieder übernahm das Team am Tabellenende und führte es zum Klassenerhalt (© Olaf Both)

Nach dem erlösenden 0:0 der Frauenfußballerinnen des FC St. Pauli im letzten Saisonspiel der Regionalliga Nord gegen den TSV Barmke spielte sich in der sogenannten Feldarena direkt neben dem Millerntor ein einmaliges Ereignis im deutschen Frauenfußball ab. Die Jubelstürme der Fans über den geschafften Klassenerhalt waren kaum verklungen, als alle Spielerinnen auf dem Kunstrasenplatz vor ihrer scheidenden Trainerin Kim Koschmieder in die Knie gingen.

Auch Merle Oppenheim (30), einst Hamburgs Spielerin des Jahres und durch einen Syndesmosebandriss gehandicapt, ließ sich diese Geste trotz ihrer Beinschiene nicht nehmen. Aus ihrer Tasche holte Oppenheim ein schickes schwarzes Kästchen, ließ darin einen wunderschönen Ring zum Vorschein kommen und fragte im Namen des Teams: „Kim, willst du uns heiraten?“

Koschmieder gab ihr „Ja“-Wort – und auf dem Kunstrasenplatz an der Feldstraße brandete ein Jubel von Fans und Spielerinnen auf, der mindestens doppelt so laut war wie beim Abpfiff. „Jetzt wirst du nie so richtig weg sein. Sondern immer in unseren Herzen“, sagte Oppenheim.

(© Olaf Both)

Mehr Zuneigung ihres Teams als Kim Koschmieder kann eine Trainerin wohl nicht erhalten. Warum das so war, zeigte dieser letzte Spieltag der Saison nicht nur wegen diesem ungewöhnlichen Heiratsantrag auf ganz besondere Weise. Koschmieder nämlich, die 2013 als Spielerin zum FC St. Pauli kam und gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten, St. Paulis Spielerlegende Jan-Philipp „Schnecke“ Kalla (39), zunächst ein zweites Frauenfußballteam beim FC St. Pauli gründete und erfolgreich aufbaute, sprang Anfang 2022 auf ungewöhnliche Weise ins kalte Wasser.

Ich möchte einfach mal durchatmen und abschalten

Kim Koschmieder

„Ich weiß noch, als ich dich damals in der Winterpause angerufen habe. Ich war vor Kummer über unsere Situation total betrunken und habe dich angefleht, dass du uns vor dem Abstieg retten musst“, sagte St. Paulis Stürmerin Annie Kingman bei Koschmieders Verabschiedung. „Und du warst sofort für uns da.“

St. Paulis erstes Frauenteam befand sich mit sieben Punkten aus 13 Spielen nach der Hinserie als abgeschlagener Tabellenletzter in einer nahezu aussichtslosen Situation. Doch mit 23 Punkten aus 13 Spielen der Rückrunde gelang dem Trainer-Duo Koschmieder/Kalla der Klassenerhalt in der Regionalliga Nord als Frauenfußballwunder von St. Pauli.

Kim Koschmieder als Trainerin: Eine Erfolgsgeschichte 

Viele weitere Erfolge lassen sich seitdem aufzählen. Drei Hamburger Pokalsiege (2023, 2024, 2026), zwei Teilnahmen am DFB-Pokal mit dem laut Koschmieder „absoluten Höhepunkt unseres Spiels gegen den HSV vor fast 20.000 Fans am Millerntor“ am 8. September 2023 sowie viele sehr gute Spiele in der drittklassigen Regionalliga Nord nur eine Liga unter dem Profitum, die der FC St. Pauli nun schon seit zehn Jahren hält. Dazu wurde Koschmieder im September 2024 zu Hamburgs Trainerin des Jahres gewählt.

Doch Koschmieder war weit mehr als nur eine fachlich sehr starke Trainerin, die Spielerinnen bestens entwickelte. Sie war emotional ganz und gar St. Pauli. So stark identifizierte sie sich mit dem Club und seinen Werten, dass sie nach dem letzten Spiel gegen Barmke zugab, „bei der Ansprache vor dem Spiel ein paar Tränen verdrückt zu haben“. Mit jeder Spielerin hatte Koschmieder noch einmal einzeln gesprochen und trotz des immensen Drucks, punkten zu müssen, um nicht abzusteigen, in die psychologische Trickkiste gegriffen. „Ich habe den Mädels gesagt, sie sollen sich heute mal erlauben, einfach einen guten Tag zu haben und das Spiel so richtig zu genießen“, so Koschmieder.

Im Spielerinnenkreis kurz vor dem Anpfiff war sie – ungewöhnlich für eine Trainerin – mittendrin, und rief ihrem Lebensgefährten Kalla und den Co-Trainern, die nicht mit aufs Feld gingen und etwas verwundert schauten, ein spaßiges „Laaangweilig“ zu. Lockerheit muss eben auch sein.

St. Paulis Frauen spielten danach wie so oft in dieser Saison fast absurd guten Fußball. Sie trafen aber – das große Problem dieser Spielzeit – trotz unglaublich guter Chancen das Tor nicht. Als der Klassenerhalt schließlich geschafft war, war auch Koschmieder geschafft: „Das war das krasseste 0:0, das ich jemals erlebt habe“, sagte sie.

Geradeheraus: Koschmieder brachte eine ungeahnte Offenheit mit

Auch das passte zu ihr, denn klare Worte sind ein Markenzeichen Koschmieders. Als ihr Team zu Beginn der Saison einige Spiele auf Rasen verlor und die Rückkehr auf den geliebten heimischen Kunstrasenplatz anstand, bekannte Koschmieder offenherzig: „Endlich haben wir die Rasenscheiße hinter uns.“

Immer wieder ließ Koschmieder zudem durchblicken, sich noch mehr Unterstützung für den Frauenfußball beim FC St. Pauli zu wünschen. Sinnbildlich dafür steht bis heute ihre Aussage nach dem dramatischen 7:6-Erfolg in der ersten DFB-Pokalrunde im Elfmeterschießen gegen den Magdeburger FFC am 13. August 2023, der das spätere DFB-Pokalspiel gegen den HSV erst ermöglichte. St. Paulis Frauen hatten gemeinsam mit dem Herren-Zweitligateam vor dem Spiel für die neuen DFB-Pokaltrikots geworben. Doch im Gegensatz zum Herren-Profiteam hatten die Frauen, da sie zur Amateurabteilung St. Paulis gehören, ihre Trikots selbst bezahlen müssen. „Wir haben einen Freundschaftspreis bekommen“, sagte Koschmieder damals nach dem Spiel. „Aber wir hätten es durchaus schön gefunden, wenn der Verein unseren Spielerinnen für den historischen Einzug in den DFB-Pokal die Trikots geschenkt hätte.“

St. Paulis Medienabteilung passte dieses Statement nicht. Koschmieder aber war das egal. Sie setzte sich wie eine Löwenmutter für ihre Spielerinnen ein, forderte auch nach ihrem letzten Spiel wieder öffentlich, „dass der FC St. Pauli bei der Professionalisierung der Frauenabteilung vorankommt. Meinetwegen auch in langsamen Schritten, aber: Wir haben mit diesem Klassenerhalt ein Zeichen gesetzt. Von den Trainingsbedingungen über die Sponsoren bis zum Fußballplatz: Wir brauchen mehr, um diese Liga zu halten“. 

Nun will Kim Koschmieder eine Pause machen. Nach 30 Jahren Fußball, davon 13 beim FC St. Pauli. „Ich möchte einfach mal durchatmen und abschalten“, sagt sie. Doch ohne Fußball kann man sich Koschmieder kaum vorstellen. Realistischer erscheint das Bild, wie sie ihrem Lebensgefährten Kalla, der Trainer bleibt, liebevoll und gleichzeitig eindringlich am Frühstückstisch mit allerlei Hilfsmitteln wie Salzstreuer und sonstigen Gewürzen erklärt, wie sie für das nächste Spiel aufstellen würde.

„Das“, sagt Koschmieder lachend, „wird nicht passieren. Dafür ziehe ich jetzt meine Energiekreditkarte nicht mehr durch. Es ist alles gut so, wie es jetzt ist.“ Kalla wiederum  widersprach seiner Partnerin umgehend mit einem Schmunzeln: „Kim wird zu Hause ihren Senf dazugeben. Ich werde viele kluge Ratschläge von ihr bekommen. Sie bleibt ein Fan unseres Frauenteams. Kim kann gar nicht ganz weg vom FC St. Pauli sein.“

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