SZENE HAMBURG: Irmela und Christoph, seit 1994 lässt der Hamburger Architektur Sommer alle drei Jahre die Stadt für circa drei Monate zum Show- und Newsroom historischer, gegenwärtiger und zukunftsorientierter Baukultur werden. 2026 findet er zum elften Mal statt: Auf was dürfen sich die Leute freuen?
Irmela Kästner: Dieses Jahr haben wir circa 300 Veranstaltungen von Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus allen möglichen Bereichen, darunter Theater, Kulturzentren und Museen, aber auch Behörden und Einzelpersonen. Interessant dabei ist: Bei vielen liegt der Arbeitsschwerpunkt gar nicht in der Architektur. Von daher können sich die Besucherinnen und Besucher auf ein sehr breites inhaltliches Spektrum und vielfältige, vielleicht sogar überraschende Perspektiven auf diverse, teils dringliche, baukulturelle Entwicklungen freuen, wie etwa das Thema Bauen im Bestand. Unser Ziel ist es, das Interesse möglichst vieler Menschen für Baukultur zu wecken und nicht nur Leute vom Fach anzusprechen. Der Architektur Sommer ist ein Festival für alle.
Christoph Winkler: Uns ist wichtig, dass Baukultur nicht als etwas wahrgenommen wird, das fern der Alltagsrealitäten derjenigen abläuft, die beruflich damit nichts zu tun haben. Deswegen bezeichnen wir den Architektur Sommer auch gerne als baukulturelle Bürgerinitiative, bei der sehr viele unterschiedliche Player aus allen möglichen Bereichen ihre Projekte und Ideen eigeninitiativ vorstellen. Es gibt bei uns auch keine kuratorische Leitung, oft kristallisieren sich die Hauptthemen – im Gegensatz zu anderen Kulturfesten dieser Größenordnung – meist erst im Laufe der Projekteinreichungen heraus. Natürlich gibt es im Programm Veranstaltungen zu den dominierenden politischen Themen der Zeit, wie etwa Wohnungsnot und Klimaschutz. Bemerkenswert ist aber, dass sich bei den Einreichungen auch Interessen an Baukultur, Architektur und gebauter Umwelt in den Vordergrund spielen können, die eben davon abweichen.
Hamburger Architektur Sommer: Vorbereitungsprozess über anderthalb Jahre

Bewerbung auf Eigeninitiative, 300 Veranstaltungen, keine kuratorische Leitung: Klingt nach sehr viel Planungsarbeit und organisatorischem Geschick. Wie läuft denn der Prozess bis zum fertigen Programm ab?
IK: Unser Vorbereitungsprozess geht meistens über anderthalb Jahre. Wir veröffentlichen einen Open Call und laden dort zu einem Netzwerktreffen ein, bei dem alle ihre Ideen vorstellen können. Häufig sind es Menschen, die schon lange in der Community sind, aber es kommen auch viele neue hinzu, die gerade erst am Anfang ihrer Laufbahn stehen. Von diesen Treffen gibt es vier bis fünf pro Jahr mit jeweils circa 80 Leuten. Wichtig ist hier vor allem der Networking-Aspekt – gerade, wenn es um inhaltlichen Austausch oder konkrete Unterstützung geht, etwa beim Suchen und Finden von Räumlichkeiten sowie bei der Konkretisierung von Ideen.
CW: Wir koordinieren diese Treffen, aber letztlich ist es eine partizipative Angelegenheit. Der Architektur Sommer bietet allen einen größeren Veranstaltungsrahmen zur Präsentation der eigenen Ideen und Projekte – was gerade wichtig sein kann für die Sichtbarkeit kleinerer, noch wachsender Unternehmen. Zu diesem größeren Rahmen gehört auch eine feierliche Eröffnung, dieses Mal auf Kampnagel. Zudem kümmern wir uns um die Werbeplakate und das Programmheft – in dem sich die Philosophie des Festivals auch noch mal klar herausstellt: Bei uns werden alle gleich behandelt, von der ersten Bewerbung bis zur finalen Präsentation. Es geht um Teilhabe, nicht um eine Leistungsshow!
Hamburger Architektur Sommer mit dem jungen Architekturkollektiv „Frugal bauen“
Ein demokratisches Prinzip also: ein Festival, das alle Beteiligten und so auch das Publikum auf Augenhöhe bringt. Das ist wirklich besonders.
CW: Mit diesem demokratischen Ansatz setzen wir uns deutlich ab, ja, aber damit gehen natürlich auch marketingtechnische Herausforderungen einher. Es gibt zum Beispiel keinen zentralen Ausstellungsort mit unterschiedlichen Positionen zu einem übergeordneten Festivalthema, wo man bereits etablierte und überregional bekannte Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit medialer Strahlkraft im Blockbuster-Format präsentieren könnte.
IK: Alle bekommen bei uns denselben Präsentationsrahmen. Wir wollen ja auch bewusst Ideen vorstellen, die sich nicht unbedingt am Mainstream orientieren. Zum Beispiel haben wir auch viele Stadtteilinitiativen, die teilweise Feste in Nachbarschaften veranstalten – wo es nicht darum geht, sich etwas anzusehen, sondern an etwas teilzuhaben und vielleicht mal an Orte in der Stadt zu kommen, die sonst weniger Aufmerksamkeit bekommen oder die man selbst noch nicht kannte. Über diese solidarische Herangehensweise wollen wir die Baukultur nahbar machen.

In der Vergangenheit gab es als zentrale Anlaufstelle den Info-Pavillon, der aber nicht nur Service bot und Zweckbau war, sondern auch selbst architektonisches Anschauungsobjekt mit Bedeutung. Damals spielte das Thema Nachhaltigkeit eine große Rolle. Wie sieht es dieses Mal aus?
CW: Das stimmt. Der Pavillon ist mehr als ein Service-Punkt, er ist auch als symbolisches Objekt wichtig für das Festival. Dieses Mal zeichnet sich das junge Architekturkollektiv „Frugal bauen“ dafür verantwortlich, deren Ansatz es ist, nachhaltig zu bauen, mit natürlichen Materialien, häufig aus der Region. Beim Pavillon setzen sie sich etwa mit Birkenrinde und ihrer Qualität als wasserabweisende Außenhaut auseinander. Stehen wird das Objekt gegenüber vom Urbaneo, dem Mitmach-Architekturzentrum für Kinder, Jugendliche und Familien in der HafenCity. Passenderweise hat das Kollektiv den Pavillon in Zusammenarbeit mit Studentinnen und Studenten von der HafenCity Universität und Schülerinnen und Schülern aus Hamburg umgesetzt.
IK: Das Kollektiv zeigt, finde ich, wie zukunftsweisendes Bauen aussehen kann – und setzt durch die fleckige Birkenrinde auch einen echten Akzent im Außenraum.
Wenn ihr auf den letzten Architektur Sommer zurückblickt: Was ist dieses Mal vielleicht anders und was wünscht ihr euch für die aktuelle Ausgabe?
CW: Großartig verändert hat sich nichts – weder in der Organisation noch an unserem Ansatz. Wir sind uns im Wesentlichen treu geblieben und wünschen uns, dass wir möglichst viele Menschen erreichen …
IK: … und Anregungen mit Verknüpfung zum eigenen Alltag schaffen: Baukultur geht uns alle an, wir sind überall von ihr umgeben. Es wäre schön, wenn wir das noch stärker ins Bewusstsein rufen könnten.
Dieser Artikel ist zuerst in der SZENE 05/26 erschienen.

