SZENE HAMBURG: Mehmet, zwei Wochen ist es nun her, dass du den Preis für Soziales Engagement bei der Genuss-Michel-Gala entgegengenommen hast. Deine Catchphrase in den sozialen Medien ist „Hamma, mehr geht nicht!“ – war die Preisverleihung auch so ein Moment für dich oder warst du im ersten Augenblick eher sprachlos?
Mehmet Dagci: Das war vielleicht ein Moment. Ich wusste ja, dass ich nominiert bin. Damit gerechnet, tatsächlich einen Preis zu gewinnen, habe ich allerdings nicht. Als dann auf einmal der Kameramann neben mir stand und mein Name vorgelesen wurde, war ich total baff. Erst hat es mir die Sprache verschlagen und dann habe ich natürlich gerufen „Hamma! Mehr geht nicht!“. Das Lob und die Anerkennung, die ich auch im Nachhinein von anderen Kollegen aus der Gastro bekommen habe, hat mich sehr bewegt. Viele kamen auf mich zu und wollten wissen, wie man ein solches Projekt starten kann.
Wie hat denn alles angefangen?
Am 16. März 2020 haben ich den Laden zusammen mit meiner Tochter Lara eröffnet. Das war ganz kurz vor dem erstem Lockdown und mit Sicherheit ein ungewöhnlicher Moment für eine Eröffnung, wahrscheinlich die Einzige in ganz Deutschland zu diesem Zeitpunkt (lacht). Ursprünglich wollten wir etwas mit Fisch machen, doch das wollten die Hauseigentümer nicht. Also haben wir innerhalb von einem Abend unser Konzept über den Haufen geworfen und etwas anderes entwickelt.
Essen ist für mich etwas zutiefst Soziales und Leidenschaft
Mehmet Dagci
Kumru, Burger, Çiğ Köfte – dein Angebot ist bunt. Was macht für dich das perfekte Streetfood aus, das die Menschen in Ottensen so lieben?
Die Vielfalt der Gerichte und die Einzigartigkeit innerhalb von Hamburg machen unseren Laden so besonders. Kumru, unser türkisches Sandwich, habe ich in Hamburg zuvor noch nirgendwo gesehen. Seit Tag eins haben wir einen Sucuk Burger auf der Karte, der besonders ist. Die Leute lieben das Essen und freuen sich darüber, neue Gerichte zu entdecken.
Du hast bereits sechs Mal große Hilfsaktionen für bedürftige Menschen organisiert. Was war der ursprüngliche Impuls, das Tagesgeschäft zu stoppen und stattdessen 500 Essen an Obdachlose zu verteilen?
Ich habe mitten in der Corona-Zeit eröffnet und angefangen, meinen Laden vor allem über die sozialen Medien zu bewerben. Dabei wurde mir schnell klar, dass ich diesen direkten Kontakt zu den Menschen und die positive Resonanz, die ich erfahren durfte, an die Gesellschaft weitergeben möchte. Viele hatten es damals schwer, insbesondere die Menschen auf der Straße. Es macht mich bis heute fassungslos, dass wir einerseits in einer der reichsten Großstädte der Welt leben und andererseits so viele Menschen kein Dach über dem Kopf haben. Im Januar 2021 habe ich deshalb die Hilfsaktion ins Leben gerufen. Der Zeitpunkt war bewusst antizyklisch gewählt: In der Vorweihnachtszeit ist die Spendenbereitschaft erfahrungsgemäß hoch, doch der harte, lange und kalte Winter trifft die Obdachlosen meist erst danach. Es hat mich tief berührt, wie viele Helfer schon im ersten Jahr kamen. Während ich im Laden die Tüten gepackt habe, sind die Freiwilligen in die Stadt gefahren, um sie zu verteilen. Irgendwann rückte sogar die Polizei an, um die Einhaltung der damaligen Abstandsregelungen zu kontrollieren. Als die Beamten mitbekommen haben, was wir hier auf die Beine gestellt haben, haben sie selbst mitgeholfen.
Das Geheimrezept der Ottensener Foodkitchen
In deinen Social-Media-Videos spürt man pure Energie. Wie wichtig ist dir die persönliche Bindung und der Austausch mit deinen Gästen vor Ort?
Der direkte Kundenkontakt ist für mich wie das Geheimrezept für gutes Streetfood. Es gibt Leute, die kommen allein in den Laden, weil sie zu Hause niemanden haben. Sie suchen das Gespräch oder freuen sich einfach darüber, gefragt zu werden, wie es ihnen geht. Wieder andere kommen herein und bringen nicht einmal ein „Guten Tag“ heraus. Essen ist für mich etwas zutiefst Soziales und Leidenschaft. Deshalb versuche ich, all meinen Gästen auf Augenhöhe zu begegnen. Die Leute sollen sich bei mir wohlfühlen – sie sind für mich viel mehr als nur anonyme Geldgeber. Dass diese Wertschätzung in der Gastronomie nicht immer selbstverständlich ist, hat mich beim eigenen Essengehen oft selbst gestört.
Wenn jeder etwas Kleines gibt, können wir zusammen Großes erreichen
Mehmet Dagci
Du hast zu Beginn erwähnt, dass viele große Gastronomen dich um Rat bitten, wenn es darum geht aktiv zu werden. Welchen Tipp hast du denn? Wie fängt man an?
Jede und jeder von uns kann etwas verändern. Es kann klein sein, aber die Hauptsache ist, dass man anfängt. Das würde ich jedem raten. Wenn jeder etwas Kleines gibt, können wir zusammen Großes erreichen. Dafür stehe ich und möchte mit der Aktion ein Vorbild sein. Ich kann die Obdachlosigkeit in Hamburg nicht lösen, aber für einen Moment besser machen und das können auch andere.
Wann dürfen wir uns auf die siebte Hilfsaktion freuen und hast du dafür schon ein spezielles Gericht im Kopf?
Im Januar ist es wieder so weit! Freiwillige können sich jederzeit bei mir melden. Durch die enorme positive Resonanz schaffen wir es jedes Jahr, unsere Pakete noch üppiger zu gestalten – gefüllt mit Getränken, Naschkram, Obst und Sandwiches. Je mehr Menschen wir mobilisieren, desto schöner ist es für diejenigen, die die Pakete erhalten. Obdachlose Menschen müssen endlich wahrgenommen werden. Wir sind alle Menschen, und der Weg in die Obdachlosigkeit ist – entgegen der Meinung vieler – keineswegs freiwillig. Jedem von uns kann es passieren, dass sich das Leben aufgrund eines Schicksalsschlags schlagartig verändert. Wer sich das vergegenwärtigt schafft es, den Menschen auf der Straße auf Augenhöhe zu begegnen

