SZENE HAMBURG: Tanja und Jörn, Gratulation zum Aufstieg von der Arbeitsgruppe zum Ausschuss. Wo ist der Unterschied?
Tanja Rieckmann-Mekhchoun: Als Arbeitsgruppe waren wir nicht strukturell im Verein verankert, jetzt sind wir Teil des Amateurvorstands (AV). Weil wir aber keinen Sport anbieten, können wir keine Abteilung sein, sondern sind – wie das Clubheim-Kollektiv – ein sogenannter Ausschuss. Nach außen hin sind wir weiter einfach St. Pauli Pride.
Wir organisieren viele Aktionen, aber der Meilenstein ist natürlich immer die Teilnahme am Christopher Street Day (CSD)
Tanja Rieckmann-Mekhchoun
Auf welche Aktionen seid ihr besonders stolz?
Tanja Rieckmann-Mekhchoun: Wir organisieren viele Aktionen, aber der Meilenstein ist natürlich immer die Teilnahme am Christopher Street Day (CSD) mit Vertreter:innen aller Abteilungen. Letztes Jahr waren wir zum ersten Mal mit unserem eigenen Truck dabei! Da sind wir natürlich stolz drauf. Alles hat auf Anhieb geklappt, es waren so viele Leute dabei, wir haben so viel Lob bekommen. Ein großer Traum ist wahr geworden.
Jörn Wiemann-Huschi: Wir haben super viel Aufmerksamkeit bekommen. Wir waren gut sichtbar, was für uns sehr wichtig ist. Sichtbarkeit ist unser Credo. Wir wollen, dass jeder im Verein versteht: Wir sind die Anlaufstelle. Wir können und wollen gerne behilflich sein bei allen Anfragen, die es gibt. Wir sind eher im Amateursport angesiedelt, würden aber auch nicht Nein sagen, wenn einer der Profis zu uns kommt. (lacht)
Tanja Rieckmann-Mekhchoun: Mega war auch der Rainbow-Spieltag, den wir letztes Jahr organisiert haben. Das ging gegen Kevin Behrens von Wolfsburg, der sich ja nun sehr homofeindlich geäußert hat. Er hat sich geweigert, ein Trikot mit regenbogenfarbenem Logo zu unterschreiben und das „Schwule Scheiße“ genannt. Am Rainbow-Spieltag trugen viele Bändchen mit „Ich liebe schwule Scheiße“. (lacht)
Jörn Wiemann-Huschi: Das war eine schöne Aktion. Viele, viele Fans vom FCSP und von Wolfsburg waren als Supporter dabei. Alle in Regenbogenfarben, mit Regenbogenmützen, Regenbogenschals, Regenbogenbändchen. Das gibt’s beim FCSP alles als Merch.
Tanja Rieckmann-Mekhchoun: Am Schluss wurde Kevin Behrens eingewechselt und mega ausgepfiffen. Das und der Truck waren zwei riesengroße Highlights.
Was sind eure nächsten Aktionen?
Tanja Rieckmann-Mekhchoun: Wir haben ganz viel vor. Neuerdings machen wir einen Stammtisch im Clubheim an jedem dritten Donnerstag im Monat, zu dem alle eingeladen sind. Wir planen verschiedene Workshops und wollen Ansprechpersonen für alle queere Menschen im Verein sein. Wenn irgendwas ist – wir sind da. Und wir beteiligen uns an anderen CSDs, zeigen Präsenz oder fördern sie durch Soli-Beiträge aus Spenden. Einen Tag vor dem International Transgender Day of Visibility planen wir einen Aktionsspieltag. Wir werden unsere eigene Bande haben und alle sind wieder aufgerufen, mit Regenbogenfahnen und Regenbogenklamotten zum Spieltag kommen.
Jörn Wiemann-Huschi: Und es ist angedacht, dass wir uns innerhalb des Profifußballs mit anderen Vereinen vernetzen. Anfang Mai sind wir bei einem Auswärtsspiel in Leipzig. Da gibt es Überlegungen, ob sich unsere Fanszenen vor oder während des Spiels treffen. Das ist die Unterstützung, die über den Verein hinausgeht. Wir sehen uns schon auch gerade mit dem FCSP als Verbündete, als Flächen- und Möglichkeitengeber für netzwerkartige Sachen – nicht nur in Hamburg.
Es ist in diesen Zeiten wahnsinnig wichtig, dass man solidarisch und laut ist
Tanja Rieckmann-Mekhchoun
Kürzlich hat sich St. Paulis U16-Trainer Christian Dobrick geoutet. Nach Thomas Hitzlsberger 2014 das zweite prominente Mitglied eines Bundesligavereins. Sind alle anderen Spieler und Trainer hetero, oder warum outen sie sich nicht mehr?
Jörn Wiemann-Huschi: Das ist stark der Fanszene geschuldet, die immer noch sehr männerlastig ist. Und das stelle ich jetzt einfach mal in den Raum: die eine ganz spezielle klassische konservative Vorstellung verfolgt. Mit Christian ist es ja so, dass ein aktiver Trainer das gemacht. Hitzlsberger hat sich erst nach seiner Karriere geoutet. Das ist der große Unterschied. Typisch für den FCSP: Der Verein steht voll hinter Christian. Die gehen das Ganze mit ihm, begleiten das. Das ist, glaube ich, nicht gängiger Standard.
Tanja Rieckmann Mekhchoun: Als der Verein letztes Jahr gepostet hat, dass wir den Truck machen, mussten die auch die Kommentarspalten teilweise schließen. Die Leute drehen da frei. Aber in dem Fall von Christian war die Mehrzahl zum Glück positiv.
Haben andere Bundesligavereine auch Ausschüsse, die sich für queere Angelegenheiten stark machen?
Jörn Wiemann-Huschi: Ich kann mir vorstellen, dass es Diversitätsbeauftragte bei Köln gibt. Leipzig hat eine Diversitätsperson als Beauftragten mit der wir in Kontakt stehen. Es gibt viele queere Fanclubs. Aber so als reinen Ausschuss wüsste ich tatsächlich keinen anderen Bundesligaverein außer uns.
Tanja Rieckmann Mekhchoun: Beim FCSP gehört es einfach zur Vereins-DNA. Schau aufs Millerntor, da hängt unsere Fahne! Das ist Teil der Satzung, das ist Teil des ganzen Vereins. Hier sind alle engagiert. Ich kenne niemanden, der da nur hingeht für den Fußball. Wir beim FCSP sind Trailblazer. Wir gehen dahin, wo es wehtut. Und kriegen in sozialen Medien auch richtig viel Hass ab dafür. Das ist Wahnsinn. Wie kann man einen Verein hassen, der sich gegen Rassismus und für Menschenrechte einsetzt?
Jörn Wiemann-Huschi: Je mehr Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit wir haben – was wir ja wollen – desto mehr werden wir uns dem wahrscheinlich auch stellen müssen. Da habe ich gar keine Bedenken, dass da einiges auf uns zukommt. (lacht)
Ich persönlich finde, wir waren schon mal freier und unbeschwerter
Jörn Wiemann-Huschi
Wie ist die Situation für queere Menschen in Hamburg?
Jörn Wiemann-Huschi: Ich persönlich finde, wir waren schon mal freier und unbeschwerter. Ich wohne auf dem Kiez, die queere Wunderbar ist eine Straße weiter. Da sind immer wieder Überfälle und Angriffe, da warten explizit Menschen in der Nähe und beobachten, wer da rauskommt. Das ist keine positive Entwicklung. Ich hatte mich eigentlich gerade für junge Leute gefreut, die jetzt wirklich einfach machen konnten, was sie wollen, ihre Queerness in welcher Art auch immer ausleben: Fingernägel, Kleidungsstil und so weiter. Das geht schon wieder zurück. Ich glaube, die fangen wieder an, sich mehr zu verstecken, vorsichtiger zu sein. Das finde ich auf jeden Fall.
Tanja Rieckmann-Mekhchoun: Ich fühl mich im Vergleich zu anderen Städten in Hamburg immer noch relativ sicher. Aber die Anfeindungen werden leider mehr. Das ist unsere Realität. Deshalb wollen wir zum Beispiel auch Selbstverteidigungskurse anbieten. Grundsätzlich gilt: Es ist in diesen Zeiten wahnsinnig wichtig, dass man solidarisch und laut ist. Als es letztes Jahr beim CSD Anfeindungen gab, meinte meine Mutter: Willst du da wirklich hin? Ich so: Jetzt erst recht!
Jörn Wiemann-Huschi: Wenn wir jetzt wieder anfangen, uns zu verstecken, dann ist das ja genau das, was die wollen. Und genau das wollen wir nicht. Wir sagen: Wir sind noch lauter. Das ist die einzige Konsequenz.
Dieser Artikel ist zuerst in der SZENE 05/2026 erschienen.

