Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation ist erst seit 1806 Jahren Geschichte. Deutschland ist in einem lockeren Staatenbund ohne einheitlichen Nationalstaat zusammengeschlossen. Kaiserreich (1871–1918), Erster Weltkrieg (1914–1918), die Weimarer Republik als erste parlamentarische Demokratie (1918–1933), die barbarische Herrschaft der Nationalsozialisten (1933–1945) mündend im Zweiten Weltkrieg (1939–1945) sowie die Teilung und Wiedervereinigung Deutschlands (1949–1990) werden als die größten Wegmarker der bundesdeutschen Geschichte noch folgen. Kein Mensch kann so alt werden, um all dies gleichzeitig erlebt zu haben. Doch ein Verein ist so alt geworden. Die Hamburger Turnerschaft von 1816, gegründet im Sommer 1816 von jungen Männern, die noch ohne eigenes Vereinsgelände den Heuboden des ehemaligen Johannisklosters nahe dem heutigen Rathausmarkt für ihre Turnübungen nutzten, war bei allem dabei. 210 Jahre lang. Der Status des heute 5500 Mitglieder starken Vereins ist dabei legendär, da er bis heute seinen Ursprungsnamen trägt und von Fusionen unbeeinträchtigt blieb. Er ist damit der älteste, durchgängig existierende Verein der Welt.
Wir wollten an unserem Beispiel zeigen, wie sich Sportvereine in dieser Zeit nicht nur entwickelt haben, sondern auch, welche Impulse sie für die Entwicklung unserer Gesellschaft geben konnten
Jennifer Grevenrath
Interaktive Ausstellung „Zeitsprünge“
„Unsere große Geschichte hat uns zu dieser Ausstellung inspiriert. Wir wollten an unserem Beispiel zeigen, wie sich Sportvereine in dieser Zeit nicht nur entwickelt haben, sondern auch, welche Impulse sie für die Entwicklung unserer Gesellschaft geben konnten“, sagt Jennifer Grevenrath (36). Die ehrenamtliche Box- und Kickboxtrainerin ist bei der HT16 Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit. Bei unserem Termin am Sievekingdamm 1 in Hamm steht sie in der auf den ersten Blick kleinen Halle mit den Exponaten und leistet sofort Aufklärungsarbeit über die mit dem Titel „Zeitsprünge“ beworbene Ausstellung, die kostenfrei erlebbar ist. „Es handelt sich um eine interaktive Ausstellung“, erklärt Grevenrath. „Eine gebündelte Übersicht über unsere sieben Themencluster Gleichberechtigung, Gemeinschaft, Verantwortung, Erscheinungsbild, Zeitgeschichte, Demokratisierung und Gesundheitsförderung erhält man auf den Infotafeln. Mit dem Smartphone können zu jedem Thema PR-Codes gescannt werden, um online vertiefende Informationen zu erhalten.“ Zu hören gibt es beim Scannen der Codes unter anderem Interviews mit dem renommierten und vielfach geehrten Sportsoziologen Hans-Jürgen Schulke (70). Schulke ist der HT16 treu verbunden und erhielt unter anderem 2017 den Sonderpreis des Deutschen-Turner-Bundes für die HT16-Jubiläumszeitschrift „Als Vereine in Bewegung kamen“.
Große Sprünge in der Gleichberechtigung
Dass der Begriff „Bewegung“ sich nicht nur sportlich, sondern auch gesellschaftspolitisch verstehen lässt, zeigt „Zeitsprünge“ jedenfalls eindrucksvoll. Zum Beispiel beim Thema Gleichberechtigung. So weihte HT16 im Jahr 1888 die modernste Turnhalle des deutschen Kaiserreiches ein: die Jahnhalle. Der besondere Clou: Es gab Umkleidekabinen für Frauen und Mädchen, die sofort mit dem Turnen beginnen durften und mit Adolfine Redemann gar eine Turnlehrerin erhielten. Man mag es aus heutiger Sicht nicht mehr glauben, aber: Für die damalige Zeit war das ebenso eine revolutionäre Innovation. Ebenso wie die Lockerung der Kleiderordnung für Damen (1913), das eingeführte Stimmrecht der Frauen in der Hauptversammlung von HT16 (1920) und die Berufung von Hildegard Clausnitzer als erste weibliche Vorsitzende des Vereins (1965). „Es gab im Laufe der Zeit wichtige Maßnahmen in der Geschichte von HT16, um das Zusammenleben aller Vereinsmitglieder gleichberechtigter zu gestalten“, sagt Grevenrath. „Das Thema ist uns bis heute wichtig. Das zeigt sich auch in der Struktur unseres Vereins.“ Bei HT16 beruft ein Aufsichtsrat eine gemischtgeschlechtliche Doppelspitze. Aktuell führen Dagmar Tobies und Marco Nagel den mit 22 Sparten klassischen Breitensportverein.
Die erste Vereinszeitung von HT16 war ein entscheidendes Element der Demokratisierung
Hans-Jürgen Schulke
Einen Breitensportverein, der 1898 zehn Jahre nach der Einweihung der Jahnhalle auf einem weiteren Gebiet zum Vorreiter wurde. Bei HT16 erschien nämlich die deutschlandweit erste Vereinszeitung, deren Motiv eines konzentrierten Turners mit ernstem Blick auch als Exponat in der Ausstellung abgebildet ist und in heutigen, digitalen Zeiten für Schmunzeln sorgen dürfte. Doch der Inhalt des Blatts war durchaus bedeutend. Schließlich gaben Vereinszeitungen den Anstoß, auch gesellschaftspolitische Themen aufzugreifen und Werte des Vereins allen Mitgliedern nicht nur zugänglich zu machen, sondern ganz offen zu konkreten Taten – beispielsweise zu Hilfsaktionen für Vereinsmitglieder in Not – aufzurufen. „Die erste Vereinszeitung von HT16 war ein entscheidendes Element der Demokratisierung“, sagt Schulke dazu im Interview. Ein Pionier in Sachen Gesundheitsförderung war der Verein zudem. So gründete die HT16 1971 unter ihrem damaligen Vorsitzenden Dr. med. Hans-Georg Ilker eine der bundesweit ersten Herzsportgruppen. Auch bei der Betrachtung der weiteren Themen wie beispielsweise Inklusion im Fußball gelingt „Zeitsprünge“ durch sein interaktives Setting die Trennung von Zeit und Raum auf beste Weise. „Du hast viel Zeit und möchtest dich stundenlang mit einem Thema beschäftigen. Komm her und tue es. Du hast nicht so viel Zeit und möchtest dich dennoch informieren. Das geht auch. Sogar, wenn du nicht herkommen kannst, vom heimischen Sofa aus“, sagt Grevenrath. Denn entscheidende Übersichten – wenngleich natürlich nicht die gesamte Ausstellung – hat HT16 auch im Internet zugänglich gemacht. Nur vor Ort können allerdings die sehenswerten Zeichnungen zur „Galerie der Zukunft“ betrachtet werden, in denen Besucherinnen und Besucher ihre Vision von Sportvereinen festhalten haben. So bleibt als Fazit: Das monatelange, akribische Graben in den reichen Archiven von HT16 hat sich gelohnt. Wer Sportvereine noch einmal in einem ganz neuen Licht betrachten will, dem sei „Zeitsprünge“ ans Herz gelegt. Und auch wenn die Online-Übersicht einen guten Überblick verschafft: Persönlich vorbeikommen lohnt sich noch einmal extra.

