Mal wieder ein Jahrhundertroman – ein Genre, wenn man es denn so nennen will, das spätestens seit Nelio Biedermanns „Lázár“ aus dem letzten Jahr wieder deutlich an Popularität gewonnen hat. Norbert Gstrein hat sich in „Im ersten Licht“ der verstörenden Gewaltgeschichte seines Heimatlandes Österreich gewidmet, beginnend im Ersten Weltkrieg. Protagonist des Epochenporträts ist Adrian, dem sein Vater mit einer Axt ins Bein hackt, damit Adrian nicht zum Kriegsdienst eingezogen wird. Und das klappt, auch wenn ein lebenslanges Humpeln zurückbleibt – und eine merkwürdige Obsession, die Nähe zu Kriegsversehrten zu suchen, deren Leben und Tode er mit buchhalterischer Sorgfalt chronologisiert.
Der Held von „Im ersten Licht“ ist das Gegenteil eines Helden; ein Mitläufer, ein Drückeberger ohne Selbstachtung. Aber immerhin einer, der sich seiner Feigheit bewusst ist. Das alles schreibt Norbert Gstrein ganz wundervoll und mit einer ungeheuren Sensibilität auf, skizziert die zerstörerischen Scham- und Schuldgefühle der Nachkriegsgesellschaft – und unterstreicht damit permanent Bezüge zum AfDdestruktiven Zersetzungspotenzial der Jetztzeit. Eine Frage ist auf jeder einzelnen der 416 Seiten des Buches präsent: Was ist der Sinn des Krieges? Eine Antwort liefert es nicht.
Diese Kritik ist zuerst in der SZENE 04/26 erschienen.

