Sebastian Hotz: „Ich bin Fan der gut gepflegten Youtube-Startseite“

Man kennt ihn vor allem unter seinem Pseudonym El Hotzo, mit dem er als Internetsatiriker immer wieder gesellschaftliche Missstände auf den Punkt bringt. Nun hat der 30-Jährige mit „Sidekick“ aber auch noch ein neues Buch herausgebracht. Ein Gespräch über seinen schrumpfenden Zynismus, gute Gags und seine berufliche Zukunft
„Ich mag es, Freaks dabei zuzuschauen, wie sie Nischeninteressen ausfüllen und absurde Dinge machen“: Sebastian Hotz
„Ich mag es, Freaks dabei zuzuschauen, wie sie Nischeninteressen ausfüllen und absurde Dinge machen“: Sebastian Hotz (©Frederike Wetzels)

SZENE HAMBURG: Du hast den gescheiterten Anschlag auf Donald Trump auf X letztes Jahr mit einem verpassten Bus verglichen und bist dafür angeklagt worden. Ende März kam der Freispruch. Denkst du jetzt zweimal darüber nach, bevor du etwas postest?

Sebastian Hotz: Nein. Und ganz ehrlich: Dieser ganze Rummel um diesen Post hat mir mehr genutzt als geschadet. Am schlimmsten war es wahrscheinlich für meine Mutter, die hat in der Zeit ziemlich hohen Puls gehabt. Aber ich bin trotzdem kein riesiger Anhänger der Echtweltkonsequenzen von Internetquatsch.

Du postest ja immer noch fast jeden Tag. Wann und wie schreibst du das alles so on point zusammen?

Ich habe keine feste Zeit, wann ich etwas poste. Ich mache mir zwischendurch Gedanken und Notizen – das geht am besten bei Spaziergängen oder wenn ich bei McFit ein Fitnessgerät blockiere. Wenn ich so „normale Dinge“ mache, fällt mir relativ viel ein. Da bin ich am kreativsten. Je weniger ich so normale Dinge mache wie einkaufen und aufräumen, desto weniger kreativ bin ich – und das merkt man auch meinen Comedy-Kollegen an. Je bequemer das Leben wird, desto langweiliger wird es auch.

Du hast im Laufe der letzten Jahre viel gemacht und 2023 deinen Debütroman veröffentlicht. Wie hast du die erste Rutsche als Romanautor rückblickend wahrgenommen?

Das erste Buch habe ich vor allem 2021 und 2022 geschrieben. Das war eine Zeit, in der ich Vollzeit fürs „ZDF Magazin Royale“ gearbeitet habe, war noch in tausend andere kleine Projekte involviert, stand zum ersten Mal auf Bühnen, habe in mittelgroßen Rollen bei zwei Serien mitgewirkt – das war alles ganz schön viel, und das hat man dem Buch auch ein bisschen angemerkt. Gerade am Ende wurde es ein bisschen schwach auf der Brust. Für einen Debütroman ist das meiner Meinung nach aber keine Schande.

Die Eltons dieser Welt: Wenn der Aufstieg zum Meister nie gelungen ist

Wann und wie kam dann die Idee zu „Sidekick“? Man ahnt, dass deine Erfahrungen aus der Böhmermann-Zeit ein bisschen mit eingeflossen sind.

Es gibt ja ein paar große Sidekick-Figuren im deutschen Fernsehen, die Eltons dieser Welt. Und diese Rolle finde ich total interessant, zumal einige von ihnen das wirklich ownen – zum Beispiel Manuel Andrack früher bei Harald Schmidt. Bei dem hatte man den Eindruck, dass er mit der Halböffentlichkeit hinter dem großen Meister ganz gut leben konnte. Bei anderen habe ich das Gefühl, dass die das nie so richtig füllen konnten und über die Jahre einen gewissen Zynismus entwickelt haben, weil der Aufstieg vom Lehrling zum Meister nie gekommen ist.

Ich hatte in der Öffentlichkeit schon sehr hohe Höhen und sehr tiefe Tiefen. Ich frage mich ja selbst oft, wie’s weitergeht. In einem meiner ersten Interviews habe ich mal gesagt, dass ich nicht mit dreißig noch Tweets schreiben möchte.

El Hotzo

In deinem Roman, einer Mediensatire, geht es aber nicht nur ums Fernsehen, sondern auch um Zeitungen, Social Media, Instagram, Streaming-Dienste etc. Wenn du nur noch ein Medium nutzen und konsumieren dürftest, welches wäre das?

Ich bin Fan der gut gepflegten Youtube-Startseite. Ich mag es, Freaks dabei zuzuschauen, wie sie Nischeninteressen ausfüllen und absurde Dinge machen ohne den Anspruch, damit groß Geld zu verdienen. Dem Handwerker aus Rheinland-Pfalz, der ein Vogelhäuschen baut oder die Schülerin, die ein siebenstündiges Video-Essay über alle Staffeln von „iCarly“ runterbetet – das ist für mich perfekte Unterhaltung.

Sebastian Hotz’ neues Buch „Sidekick“ (©Kiepenheuer & Witsch)

Bewerten deine Eltern die Veröffentlichung eines Buches anders als dein merkwürdiges Online-Berufsleben?

Wenn ich in klassischen Medien zu sehen bin, ist das für meine Eltern schon wertiger als das Internet, ja. Gerade wenn sie im Dorf darauf angesprochen werden, dass ihr Sohn im Fernsehen war. Das ist ganz süß.

Also bist du im Dorf jetzt eine große Nummer?

In Oberfranken ist man sehr spärlich mit Lob. Ich bin Silvester mit meiner Freundin in die Dorfkneipe gegangen, da haben wir maximal so was wie „Oh, der Berliner ist da!“ gehört. Mehr Rückmeldung kriegt man da nicht. Dorfanerkennung bekomme ich höchstens, wenn ich beim Feuerwehrfest kellnere …

… oder wenn du zehn Bier auf ex trinkst.

Das ist ja keine Leistung. Im Dorf ist das Standard und steckt sowieso in meiner Wirtshaus-DNA. Aber wenn ich kellnere und Knackwürste verkaufe, dann kriege ich durchaus ein anerkennendes „Na ja, du packst wenigstens mit an“ zu hören. Da kann ich dann nachts gut schlafen.

Rehabilitiert nach Shitstorm?

Anfang dieses Jahres hast du dem „Spiegel“ ein Interview gegeben. Darin hat der Moderator dich anmoderiert mit den Worten: „Er wurde als El Hotzo zum Shooting-Star einer ganzen Generation, dann kam der Absturz: Ein Trump-Tweet kostete ihn seinen Job beim RBB, ein öffentliches Gespräch über toxisches Beziehungsverhalten die Sympathien vieler Fans. Wie geht es weiter mit jemanden, der mit nicht mal 30 Jahren bereits Ruhm, Skandal und Selbstdemontage hinter sich hat?“ Was ging in dir vor, als er deine Karriere mal eben in drei Sätzen runtergebrochen hat?

Er hat ja zum Teil Recht: Ich hatte in der Öffentlichkeit schon sehr hohe Höhen und sehr tiefe Tiefen. Ich frage mich ja selbst oft, wie’s weitergeht. In einem meiner ersten Interviews habe ich mal gesagt, dass ich nicht mit dreißig noch Tweets schreiben möchte. Jetzt bin ich dreißig und mache das immer noch. Irgendwann nutzt sich aber jedes Format ab – sowohl online als auch in den klassischen Medien. In relativ naher Zukunft werde ich von diesem täglichen Post-Format auf jeden Fall weggehen. Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich gerne weiterhin mit schreiben, mit Autor sein, mit Quatsch produzieren meinen Lebensunterhalt bestreiten – gerne auch hinter der Kamera.

Im erwähnten „Spiegel“-Interview hast du angekündigt, in diesem Jahr ein bisschen weniger zynisch sein zu wollen. Resümee nach fast fünf Monaten: Wie ist dir das bisher gelungen?

Ganz gut eigentlich. Ich hatte letzte Woche einen Dreh mit dem BR, bei dem über Lastenradväter abgelästert wurde, und ich verstehe den Impuls. Aber eigentlich ist es ja auch nichts, was irgendjemanden ernsthaft stört. Insofern versuche ich jetzt bereits ein bisschen vorzubauen für all die Peinlichkeiten, die ich in Zukunft mache. Ich habe mir unlängst zum Beispiel ein Soundsystem für meinen Fernseher gekauft – so weit ist es bereits gekommen. Und manchmal schmeckt der Iced Chai Latte in einem Hipster-Café im Belgischen Viertel in Köln eben auch ganz gut. Was soll ich da sagen?! (grinst)

Klingt, als seiest du kritikfähig.

Muss ich ja. Es kommt aber auch ein bisschen darauf an, von wem die Kritik kommt. Ich bin auf jeden Fall besser darin geworden, private Kritik anzunehmen und zu verstehen, dass es kein Angriff auf mich als Person ist, wenn jemand aus meinem Umfeld etwas von mir kacke findet. Das kann auch nett und lieb gemeint sein und das sollte man verstehen lernen, wenn man ein normaler Erwachsener werden will.

Und das hast du vor?

Ja, das ist mein ganz großes Ziel! (lacht)

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