SZENE HAMBURG: Jarno, möchtest du dich kurz vorstellen?
Jarno: Ich bin Jarno Wienefeld, 27 Jahre alt und Schiedsrichter in der 2. Bundesliga seit Sommer 2025.
Wie bist du Schiedsrichter geworden?
Ich habe selbst lange Fußball gespielt, als Torhüter. Schon in der Jugend fand ich die Rolle des Schiedsrichters spannend, vor allem die Verantwortung, Entscheidungen zu treffen und sie auch überzeugend zu vertreten. Mit 14, dem Mindestalter, bin ich zu meinem Verein gegangen und habe mich erkundigt, wie man Schiedsrichter wird. Daraufhin habe ich einen Neulingslehrgang besucht. In drei Tagen Theorie lernt man die Regeln, am Ende steht eine Prüfung und wenn man besteht, ist man offiziell Schiedsrichter. Danach pfeift man relativ schnell die ersten Spiele, zunächst meist im Jugendbereich. Dort merkt man auch schnell, ob einem die Aufgabe liegt: Man trifft Entscheidungen, steht unter Beobachtung und bekommt schon früh Rückmeldungen, auch von außen. Mit der Zeit wird man besser, erhält Spiele in höheren Klassen und wird regelmäßig von erfahrenen Schiedsrichtern beobachtet. Diese geben Feedback und bewerten die Leistungen. Wenn die Entwicklung stimmt, kann man Schritt für Schritt aufsteigen, Liga für Liga.
Wann hast du gemerkt, dass es mehr als ein Hobby sein könnte?
Mit etwa 18 habe ich gemerkt, dass ich als Torhüter zwar gut bin, aber nicht den Sprung in den Profibereich schaffen werde. Gleichzeitig hat mir das Schiedsrichtern immer mehr Spaß gemacht. Damals war ich oft mit zwei guten Freunden unterwegs, die als Assistenten dabei waren, wir sind gemeinsam zu Spielen gefahren und haben uns als kleines Team weiterentwickelt. Was mich besonders gereizt hat, war die Aufgabe, Spiele zu leiten und sich das Vertrauen der Spieler zu erarbeiten. Jedes Spiel ist eine neue Herausforderung: Am Anfang kennt dich niemand und es liegt an dir, durch gute Entscheidungen Akzeptanz und Respekt zu gewinnen. Wenn das gelingt und man positives Feedback bekommt, ist das ein starkes Gefühl. In dieser Zeit wurde mir klar, dass ich als Schiedsrichter größere Entwicklungsmöglichkeiten habe. Ich war schon immer ehrgeizig und habe mich deshalb entschieden, mich voll darauf zu konzentrieren, auch wenn ich damals noch relativ niedrigklassig gepfiffen habe. Rückblickend war das der Moment, in dem ich den Weg ernsthaft eingeschlagen habe.
Gerade im Profifußball ist der Druck natürlich hoch, mit Zehntausenden Zuschauern im Stadion, die alle eine klare Meinung haben und ihren Verein unterstützen.
Jarno Wienefeld
Wie gehst du mit Kritik um? Du stehst ja auch unter großem Druck.
Gerade im Profifußball ist der Druck natürlich hoch, mit Zehntausenden Zuschauern im Stadion, die alle eine klare Meinung haben und ihren Verein unterstützen. Diese Reaktionen blende ich während des Spiels aber weitgehend aus, weil ich sehr fokussiert bin. Anders ist es bei den Spielern: Auf ihre Anmerkungen gehe ich ein, denn sie haben oft ein gutes Gespür für Spielsituationen und liegen nicht selten richtig. Deshalb ist es mir wichtig, mich damit auseinanderzusetzen und mich auch selbst zu hinterfragen. Entscheidend ist dabei der Umgangston. Gespräche auf dem Platz sind jederzeit möglich und auch gewünscht, ich erkläre meine Entscheidungen gerne. Gleichzeitig gibt es klare Grenzen: Kritik muss respektvoll bleiben, alles andere ist unsportlich und wird entsprechend geahndet.
Gibt es ein Spiel, das dir besonders in Erinnerung geblieben ist?
Zwei Spiele fallen mir da sofort ein. Zum einen das A-Junioren-Pokalfinale zwischen Borussia Dortmund und dem VfB Stuttgart, das ich vor einigen Jahren leiten durfte. Damals war ich noch nicht im Profibereich tätig, und es war mein erstes Spiel, das live im Fernsehen übertragen wurde. Das war ein besonderer Moment und sehr aufregend. Zum anderen mein Debüt in der 2. Bundesliga am 22. August 2025 beim Spiel Preußen Münster gegen den 1. FC Nürnberg. Dafür habe ich lange gearbeitet, und entsprechend groß war die Anspannung. Gleichzeitig war es ein sehr besonderer Augenblick, auch weil meine Familie und Freunde im Stadion war. Dass das Spiel gut lief und ich den Moment anschließend mit ihnen teilen konnte, macht es zu einem meiner schönsten Erlebnisse als Schiedsrichter.
Ich bin ein klarer Befürworter des VAR.
Jarno Wienefeld
Wie stehst du zum Video-Assistenten (VAR)?
Ich bin ein klarer Befürworter des VAR. Im modernen Fußball ist er aus meiner Sicht unverzichtbar. Das Spiel ist extrem schnell geworden, es geht um viel, sportlich, wirtschaftlich und auch emotional für die Fans. Für uns Schiedsrichter ist der VAR eine wichtige Unterstützung. Unser Ziel ist es immer, die richtigen Entscheidungen auf dem Platz zu treffen. Aber es gibt Situationen, die schwer zu beurteilen sind, etwa weil die Sicht verdeckt ist oder alles in Sekundenbruchteilen passiert. Der Video-Assistent kann in solchen Fällen helfen und Fehlentscheidungen korrigieren. Natürlich sorgt auch der VAR nicht für absolute Gerechtigkeit, weil weiterhin Menschen entscheiden und es im Fußball viele Graubereiche gibt. Ich verstehe auch die Kritik der Fans. Aber insgesamt macht er das Spiel fairer, und deshalb halte ich ihn für sehr sinnvoll.
Wie sieht ein typischer Spieltag bei dir aus?
Meine Assistenten und ich erhalten sieben bis zehn Tage vor dem Spiel die Ansetzung, also die offizielle Einteilung zu einem bestimmten Spiel, und planen entsprechend die Anreise. In der Regel reisen wir einen Tag vor dem Spiel an. Wenn ich zum Beispiel samstags pfeife, komme ich am Freitag mit meinem Team vor Ort an, meist aus unterschiedlichen Richtungen, aber mit demselben Ziel. Am Abend checken wir im Hotel ein, gehen gemeinsam essen und tauschen uns über das anstehende Spiel und aktuelle Entwicklungen aus. Am Spieltag selbst frühstücken wir zusammen, bevor es ins Stadion geht. Dort kommen wir meist etwa zwei Stunden vor Anpfiff an und bereiten alles vor: Wir überprüfen den Platz, testen die Kommunikationstechnik wie Headsets und Mikrofone und stimmen uns im Team ab. In der 2. Bundesliga gehört auch ein Physiotherapeut zur Spielvorbereitung, und jeder hat seine eigene Routine, ob Behandlung, Musik oder noch eine kleine Mahlzeit. Zudem kommt ein Schiedsrichter-Beobachter vorbei, der unsere Leistung bewertet. Etwa eine halbe Stunde vor Spielbeginn wärmen wir uns auf, schließlich legen auch wir im Spiel rund zehn bis zwölf Kilometer zurück. Danach folgt die letzte Besprechung im Team, und dann geht es auf den Platz.
Wo siehst du dich in Zukunft? Hast du noch Ziele oder Träume?
Ich pfeife aktuell in der 2. Bundesliga, meiner ersten Saison auf diesem Niveau, und habe das Gefühl, mich dort gut etabliert zu haben. Es macht mir große Freude, und ich bin sehr dankbar, auf diesem Level arbeiten zu dürfen, das ist alles andere als selbstverständlich. Mein klares Ziel ist der nächste Schritt: Ich möchte irgendwann den Sprung in die Bundesliga schaffen. Damit das gelingt, muss aber wirklich alles passen.

