Zehn Minuten lang läuft der Countdown auf den Bildschirmen. Mit jeder verstrichenen Sekunde wird das Publikum im Volksparkstadion unruhiger. Als die Uhr schließlich auf Null springt und Linkin Park um Punkt 21 Uhr die Bühne im Volksparkstadion betritt, entlädt sich die Spannung schlagartig. Rund 50.000 Menschen jubeln, schreien, strecken ihre Arme in die Luft. Mehr als zehn Jahre nach ihrem letzten regulären Hamburg-Konzert und knapp zwei Jahre nach ihrem Comeback ist die US-Rockband, die in den 2000er-Jahren als eine der größten ihrer Zeit galt, zurück in der Hansestadt – und hat mit neuer Sängerin und neuen Songs nichts von jener Präsenz vergangener Tage verloren.
Dass die Band im Rahmen ihrer „From Zero World Tour“ am 1. und am 3. Juni im Volksparkstadion spielt, wirkt beinahe surreal. Nach dem Tod von Sänger Chester Bennington im Jahr 2017 schien die Geschichte von Linkin Park eigentlich beendet. Sieben Jahre später wagte die Band den Neustart mit Front-Sängerin Emily Armstrong, weiterhin angeführt von Rapper Mike Shinoda, der auch am Auftakt-Abend für den ikonischen Mix aus Rock und Rap sorgt. Bereits 2024 gehörte Hamburg zu den wenigen europäischen Stationen der Comeback-Tour. Nun reicht die Barclays Arena längst nicht mehr aus. Gleich zwei Stadionkonzerte stehen auf dem Programm, bevor die Band unter anderem bei Rock am Ring, Rock im Park sowie in München vor Zehntausenden weiteren Fans auftritt.
Alte Hymnen und neue Metal-Sounds
Natürlich sind die Erinnerungen an den verstorbenen Lead-Sänger Chester Bennington präsent, schließlich haben seine Stimme und seine Songs eine ganze Generation geprägt. Doch die Band verzichtet auf große Gesten oder inszenierte Rückschauen. Stattdessen donnern zunächst die Songs des aktuellen Albums „From Zero“ durch das Stadion und vermutlich noch weit darüber hinaus. Viele davon fallen deutlich härter aus als die Werke vor der Pause, orientieren sich stärker an Metal-Einflüssen und sorgen in der Mitte der Halle für ausgelassene Moshpits. Doch der Spagat zwischen Vergangenheit und Gegenwart gelingt der Band mühelos. Bei den größten Hits wie „What I’ve Done“, „In The End“ und vor allem „Numb“ verwandelt sich das Volksparkstadion in einen riesigen Chor.
Emily Armstrong tritt dabei in große Fußstapfen, ohne den Versuch zu unternehmen, diese zu kopieren. Stattdessen setzt sie eigene Akzente und verleiht den älteren Songs ihre eigene Handschrift. Sie wechselt immer wieder zwischen lauten und gefühlvollen Passagen, liefert über zweieinhalb Stunden eine Leistung ab, bei der die Stimme zu keinem Punkt versagt. Genau dieser Wechsel zwischen Verletzlichkeit und Kraft gehört seit jeher zur DNA von Linkin Park. Auch in Hamburg kommt diese Mischung wieder gut an. Auch beim neuen Song „Good Things Go“, den Shinoda und Armstrong im Duo singen.
Hamburg-Liebe für mehrere Generationen
Zu den schönsten Momenten des Abends gehört eine kleine Rede von Shinoda. Dafür zieht er einen Zettel hervor und trägt seine vorbereiteten Worte auf Deutsch vor. Er erinnert an den Auftritt in der Hamburger Arena zwei Jahre zuvor und bedankt sich für die Unterstützung der Fans während des Neustarts der Band. Überhaupt sucht Shinoda, der seit der Gründung 1996 damals noch unter dem Namen Xero die Alternative-Rock-Band mitprägt, immer wieder die Nähe zum Publikum. Er nimmt sich Zeit für die Menschen in den ersten Reihen – macht Selfies mit Fans, schreibt Autogramme und schenkt schließlich einem Jungen seine Cap. Auch Armstrong begrüßt das Hamburger Publikum mit einem herzlichen „Moin Hamburg, meine Perle“, womit sie spätestens jetzt die Sympathien des Stadions endgültig auf ihrer Seite hat.
An diesen Bildern wird deutlich: Viele Fans begleiten Linkin Park offenbar seit den frühen 2000er-Jahren. Manche tragen Bandshirts vergangener Tourneen, andere haben sich das ikonische Logo auf Arme oder Schultern tätowieren lassen. Gleichzeitig stehen neben ihnen Jugendliche, die die Band vor allem seit dem Einstieg von Armstrong feiern, die selbst gemalte Porträts der Sängerin in die Höhe halten.
Konfetti, Zugaben und ein triumphaler Abschluss
Je später der Abend wird, desto größer wird die Euphorie. Immer wieder regnet pinkes Konfetti auf die Menge herab und markiert die Höhepunkte der Show. Nach über zwei Stunden verabschiedet sich die Band zunächst von der Bühne, kehrt jedoch für eine ausgedehnte Zugabe zurück. Emily Armstrong wirft beim Finale mit dem Klassiker „Bleed It Out“ ihre Sonnenbrille ins Publikum, bevor sie sich auf den Boden der Tribüne wirft und ihre letzten Zeilen auf dem Rücken liegend herausschreit. Armstrong setzt damit den Schlusspunkt unter einen Konzertabend, der vor allem eines beweist: Die Band hat mit ihr einen neuen Platz in der Gegenwart gefunden.

