Ein Sport für alle: Wenn schon eine Prinzessin Rugby spielt

Der Hamburger Rugby Club möchte gerne mehr Mädchen in den Club holen
BU: Der Lions-Cup ist das große internationale Jugendturnier des Hamburger Rugby-Clubs und bringt Jugendteams aus Deutschland, Tschechien und Polen in der Rugby-Arena im Stadtpark zusammen
BU: Der Lions-Cup ist das große internationale Jugendturnier des Hamburger Rugby-Clubs und bringt Jugendteams aus Deutschland, Tschechien und Polen in der Rugby-Arena im Stadtpark zusammen (©HRC)

Jüngst verriet Kate, Prinzessin von Wales, dass sie mit ihrer Tochter Charlotte Rugby spielt. Nun sei gesagt, dass diese Sportart in England erfunden wurde und sehr beliebt ist. In Deutschland wird die Sportart momentan von 17.000 Vereinsaktiven betrieben. 20% sind davon weiblich. Nicht besonders viel.

Beim Hamburger Rugby-Club (HRC) soll das geändert werden und Lena Lundius ist dort die treibende Kraft: Sie kam zum Club, wie viele Eltern zum Ehrenamt kommen: erst mal eher zufällig. Ihre beiden Söhne spielten Rugby, der Kleine wollte trotz Corona-Zeit überall mit hin, war aber eigentlich noch zu jung für Turniere, Trainingslager und das ganze Drumherum. Die Lösung des Vereins: Wenn der Kleine mitkommt, kommt auch die Mama mit. Und Teammanagerinnen und -manager werden sowieso gebraucht.

Aus dem „Ich begleite mal“ wurde schnell ein „Ich kümmere mich“. Gemeinsam mit ihrem Mann übernahm Lena die Teamorganisation, besorgte Finanzierungen, stellte Tombolas auf die Beine und half dabei, 65 Kinder zu einem Turnier nach Italien zu schicken. Je tiefer sie ins Vereinsleben eintauchte, desto deutlicher sah sie, wo es hakte – besonders bei den Mädchen, die in gemischten Gruppen oft mitgemeint, aber selten wirklich gesehen wurden.

Eine geschlossene Tür öffnete mehrere für Nachwuchs-Rugbyspielerinnen

Als Lena Lundius dann beruflich plötzlich mehr Zeit hatte, da sie sich freundschaftlich von ihrem Arbeitgeber getrennt hatte, griff sie zum Telefon, rief Jugendleitung und Vereinspräsidenten an und sagte sinngemäß: „Bevor ich zu Hause die Wände hochgehe, brauche ich eine Aufgabe“. Und die lag beim Hamburger Rugby-Club bereit. Das war 2025.

Das primäre Ziel war: Mehr Mädchen in den Club zu holen und ein Mädchenteam zu gründen. Dafür war der 1. Girls Day 2025 anlässlich des Internationalen Mädchentags die ideale Möglichkeit. Mädchen aus Hamburg und dem Umland konnten Rugby ausprobieren, gemeinsam trainieren und Spielerinnen der Damenmannschaft kennenlernen. 40 Mädchen waren gekommen, 10 sind im Club geblieben. Der 2.Girls Day fand im März 2026 statt, mit ähnlichem Erfolg.

Doch bei den Einzelevents blieb es nicht. Der HRC bietet auch eine Workshop-Reihe für Mädchen an, gefördert durch die Alexander-Otto-Sportstiftung: „Jede anders, alle wichtig – Mädchen entdecken ihre Stärke“. Kein klassisches Training, kein Leistungsdruck. Kein „du musst schon gut sein“, sondern ein Raum, in dem Mädchen mutig sein dürfen, sich ausprobieren, ohne bewertet zu werden und Teil einer Gruppe werden.

Lundius: „Wir versuchen dafür viele Schulen, die in Stadtparknähe sind, ins Boot zu holen, weil natürlich auch der Übergang in den Verein, mit Sitz in der Saarlandstraße 71, mit einer nicht zu langen Anfahrt gewährleistet sein muss.“ An den Schulen gibt es gleichzeitig auch Anfragen zu Projektwochen. „Dafür schicken wir dann auch mal unseren Head Coach.“ Tomás Capurro stammt aus Buenos Aires und spricht mit den älteren Jahrgängen Englisch. Da werden dann gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Am Ende der Woche gibt es Urkunden und kleine Geschenke. „Es muss gar nicht so viel sein, es geht um Wertschätzung“, erklärt Lundius, „Nischensport muss sich einfach doppelt und dreifach Dinge überlegen.“

Jugendarbeit wird beim HRC seit 1990 ganz großgeschrieben! Trainingsangebote für Kinder und Jugendliche gibt es zwischen 4 und 18 Jahren. Jungen und Mädchen spielen bis zur U14 gemeinsam, ab der U15 dann in reinen Mädchenmannschaften. Wenn denn genügend Interessentinnen dabei sind.

Der Anteil an Mädchen im Hamburger Rugby wächst stetig

Bei Lena Lundius hört man die Begeisterung, wenn sie über die Pläne spricht, mehr Mädchen ins Boot zu holen: „Weil ich sehe, was passiert, wenn die Mädels auf dem Rugbyfeld stehen. Sie gehen in den Kontakt. Sie werden lauter. Sie ziehen sich nicht zurück, wenn es schwierig wird. Und genau davon brauchen wir mehr. Ich will, dass mehr Mädchen die Chance bekommen, genau das zu erleben. Wir haben das immer wieder, dass kräftiger gebaute Jungs oder Mädchen zu uns kommen, weil sie in anderen Sportarten gemobbt werden, weil sie immer zuletzt im Sportunterricht gewählt werden und bei uns das erste Mal ein Erfolgserlebnis hatten, eben, weil die so stark sind.“

Jungen und Mädchen spielen bis zur U14 gemeinsam (©HRC)

Beim Rugby ist jeder Körperbau gefragt. Groß, klein, kräftig, schnell, dünn, stämmig – ganz speziell auf die Position ausgelegt. Teamarbeit wird großgeschrieben, weil Individualleistung nichts bringt.

Natürlich gibt es durchaus Argumente dafür, auch mit Jungs zusammenzuspielen. Lundius: „Dann nimmt einem keiner mehr die Butter vom Brot, man kann sich durchsetzen und man lernt auch ein bisschen mehr Toleranz und Respekt dem anderen Geschlecht gegenüber. Auf Fahrten zu Turnieren sind so viele Momente, wo man auch ein Verständnis für das andere Geschlecht entwickelt, was man in einem reinen Mädchen- oder Jungsteam gar nicht hätte. Einige Mädchen kommen genau deswegen zu uns, weil die sagen, dieses ganze Mädchendings, darauf habe ich keine Lust.“ Aber! „Andere sind davon wiederum eingeschüchtert und mögen lieber nur mit Mädchen zusammenspielen. Das ist durchmischt, wie es eben in der Gesellschaft auch so ist.“ Deswegen soll jedes der Mädchen eine Wahl haben.

Das Konzept beginnt zu greifen. Am 25. April 2026 hat der HRC erstmals mit einer eigenen U15-Mannschaft an einem Mädchenspieltag teilgenommen – gegen Spielgemeinschaften aus ganz Deutschland. Lena Lundius steht in Kontakt mit anderen Teams auch über die Grenzen hinweg im Austausch. Wie kann man Mädchen in die Clubs holen und halten. Ein Antrag auf EU-Fördermittel ist gestellt.

Dahinter steckt viel Arbeit, verbunden mit Höhen und mit Tiefen, mit Niederlagen und mit Siegen. Lena Lundius` Wunsch für die Zukunft? „Dass unser Sport mehr Aufmerksamkeit bekommt – besonders bei Mädchen.“  Und obwohl eine englische Prinzessin Rugby spielt, wissen sie einfach nicht, was sie verpassen. Noch nicht!

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