„Lieber Thomas“, ein Biopic über einen DDR-Schriftsteller (Foto: Wild Bunch Germany)

Neu im Kino: Lieber Thomas

„Lieber Thomas“ ist der neue Film unter der Regie von Andreas Kleinert, ein Biopic über den provokanten DDR-Schriftsteller Thomas Brasch 

Text: Marco Arellano Gomes

 

Thomas Brasch war ein Provokateur. Mit seiner Prosa und seinen Bühnenstücken hielt er nicht nur die Staatsspitze der DDR auf Trab, sondern auch die Feuilletonisten der BRD. Als Sohn jüdischer Emigranten im englischen Exil geboren, in der DDR aufgewachsen, dort verhaftet und seit 1976 in West-Berlin lebend, war Brasch, nun ja, anders. Jemand, der genau hinschaute und sich traute, das Gesehene in laute, kampfeslustige Worte zu fassen. Jede Menge Stoff für einen Kinofilm, dachte sich Regisseur Andreas Kleinert („Freischwimmer“) – und mit Albrecht Schuch („Systemsprenger“) konnte er sogar einen der derzeit gefragtesten Darsteller gewinnen.

 

Ein interessanter Ansatz

 

„Lieber Thomas“ unter anderem mit Albrecht Schuch, Jella Haase und Peter Kremer (Foto: Wild Bunch Germany)

„Lieber Thomas“ unter anderem mit Albrecht Schuch, Jella Haase und Peter Kremer (Foto: Wild Bunch Germany)

Der Film ist in mehrere Kapitel unterteilt, angelehnt an eines seiner Gedichte („Der Papiertiger“). Das ist ein interessanter Ansatz und gibt dem Film Struktur. Doch der Film steht und fällt letztlich mit der Darstellung dieses schillernden, schwierigen Charakters. Schuch erkämpft sich diese Rolle mit außergewöhnlicher Intensität. In einer Szene schreit Schuch seinen ganzen Frust von den Dächern Berlins. Immer wieder wirft er seinen Schuch-Blick (weit geöffnete Augen, die ins Leere schauen), was sich auf Dauer etwas abnutzt. Die innere Zerrissenheit, der aggressive Intellekt und die damit verbundene Verletzlichkeit, die Brasch ausgestrahlte, kommen jedoch nicht so recht rüber.

 

Da wäre mehr drin gewesen

 

Wenn ein Dokumentarfilm von 1977 („Annäherung an Thomas Brasch“) in dieser Hinsicht mehr Einsicht bietet als ein 150-minütiger Kinofilm, dann ist etwas schiefgelaufen. Der Film wirkt zu gewollt und zu überspitzt, teils unpassend klamaukig. Mit Schwarz-Weiß-Bildern soll dem Film eine Bedeutung aufgezwungen werden, die dieser leider nicht erlangt. Es ist ein besserer TV-Film, aber sicher kein Kinofilm von Format. Da wäre mehr drin gewesen. Zu Beginn des Films kommt Brasch mit einigen Kommilitonen aus einem Kino. Die Dozentin fragt, wie er den Film fand. Brasch, antwortet: „Nun, der Umstand, dass die Kunstgattung Film als Kind kapitalistischer Produktionsverhältnisse geboren wurde, bleibt halt nicht ohne Folgen.“ Dass sich bei „Lieber Thomas“ jemand mehr vorgenommen hat, als den Möglichkeiten entspricht, leider auch nicht.

„Lieber Thomas“, Regie: Andreas Kleinert. Mit Albrecht Schuch, Jella Haase, Peter Kremer. 150 Min. Ab dem 11. November 2021 im Kino

 

Einen Einblick gefällig? Hier gibt‘s den Trailer zu „Lieber Thomas“:


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