Am 29. November 2015 blickte Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz sparsam in die Gegend. „Ich hätte mir eine andere Entscheidung gewünscht, aber sie ist klar, und das Ergebnis ist zu akzeptieren“, sagte der Sozialdemokrat und spätere deutsche Bundeskanzler nach dem gescheiteren Referendum zur Olympiabewerbung Hamburgs für die Olympischen Spiele 2024. 51,6 Prozent der Wählerinnen und Wähler hatten ihre Daumen gesenkt. Sowohl die politischen Verantwortungstragenden der Stadt als auch die sportlichen Vertretenden in Hamburgs Vereinen und Verbänden standen unter Schock. Olympia und Hamburg – diese Story schien vorbei zu sein. Doch ob sie es wirklich ist, wird sich am 31. Mai 2026 entscheiden. Die Bürgerinnen und Bürger Hamburgs sind an diesem Tag aufgerufen, erneut in einem Referendum über eine Olympiabewerbung Hamburgs für die Olympischen und Paralympischen Sommerspiele im Jahr 2036, 2040 oder 2044 abzustimmen.
Bessere Bedingungen: Gründe für das letzte „Nein“ sind nun behoben
Ein zweites „Nein“ würde den Traum aller Olympia-Befürwortenden auf sehr lange Zeit beerdigen. Bei einer Zustimmung der Hamburger Bürgerinnen und Bürger würde eine außerordentliche Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sportbundes im Herbst 2026 den deutschen Kandidaten aus den vier Bewerber-Städten (Hamburg, Berlin, München und die Region Rhein-Ruhr) auswählen. Im internationalen Wettbewerb unter anderem mit Katar, Istanbul und Santiago de Chile wählt das Internationale Olympische Komitee (IOC) die siegreiche Bewerberin vermutlich im Laufe des Jahres 2027 aus. Selbst bei einem „Ja“ der Hamburger Bürgerinnen und Bürger ist es also noch ein langer Weg zur Olympia-Stadt. Diese Zustimmung ist aber eben der erste Schritt. Um sie zu erhalten, lohnt ein Blick in die Vergangenheit. In der Emotionalität nach der Wahl wurden nach dem ersten gescheiteren Referendum 2015 schnell Gründe von allen Seiten angeführt. Die fragwürdigen Methoden des IOC, die Unlust der Hamburgerinnen und Hamburger auf Mega-Events und dergleichen mehr. Als Hauptgrund schälte sich aber – als sich der Rauch gelegt hatte – vor allem eines heraus: Die Hamburger Bürgerinnen und Bürger hielten Olympische Spiele in ihrer Stadt mit knapper Mehrheit für nicht durchfinanziert. Bis zuletzt hatte der damalige Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz eine schriftliche Zusage dergestalt verweigert, der Bund werde bei höheren Kosten als geplant einspringen. In anderen Worten: Die Hamburgerinnen und Hamburger hatten kaufmännische Bedenken um die Kassenlage ihrer Stadt. In einer Kaufmannsstadt eine nicht gerade unlogische Sichtweise.
Wir planen mit hanseatischer und deutscher Bodenständigkeit.
Steffen Rülke, Leiter des in der Behörde für Inneres und Sport angesiedelten Vorprojektes für Olympische und Paralympische Spiele in Hamburg
Doch aus diesen Bedenken wurden für die aktuelle Bewerbung Konsequenzen gezogen, wie Steffen Rülke als Leiter des in der Behörde für Inneres und Sport angesiedelten Vorprojektes für Olympische und Paralympische Spiele in Hamburg verdeutlicht: „Unser Anspruch ist ein ausgewogenes, nachhaltiges Konzept, hinter dem die Hamburger und Hamburgerinnen stehen können. Wir setzen auf Olympische und Paralympische Spiele, die langfristig einen Gewinn für alle Bürgerinnen und Bürger bringen. Wir planen mit hanseatischer und deutscher Bodenständigkeit“, sagt Rülke. So werde keine Sportstätte gebaut, die nach Olympia nicht genutzt werden könne. Hamburg solle sich nicht an Olympia anpassen. Vielmehr solle Olympia in die Stadt Hamburg eingebettet werden. So sollen 96 Prozent der Sportstätten maximal 15 Minuten von einer Station des Öffentlichen Nahverkehrs entfernt sein und anders als 2015 mit dem Neuen Grasbrook werde, so Rülke, kein neuer Stadtteil für das Event entwickelt.
Tatsächlich zeigt ein Blick auf die Planungen: Die damalige Bewerbung umfasste viel mehr Neubauten als sie das heutige Konzept vorsieht. 2015 machten der geplante Bau eines Olympiastadions, einer Olympia-Schwimmhalle, des Olympischen Dorfes sowie des neuen Stadtteils Grasbrook rund 7,6 Milliarden im Budget aus. Im aktuellen Konzept würden die Spiele zu 78 Prozent an bestehenden Sportstätten durchgeführt. Unter anderem in den Messehallen, im Tennisstadion Rotherbaum und im Volksparkstadion mit temporären Becken und Tribünen für die Schwimmwettbewerbe. Sportarten wie Beachvolleyball (auf dem Heiligengeistfeld) oder Bogenschießen (auf der Binnenalster, auf der auch die Eröffnungsfeier stattfinden soll) gehören zu den 22 Prozent der Sportarten, die in temporär errichteten Sportstätten ausgetragen würden. Ganz wichtig: Eine Beteiligung des Bundes sei gesichert. „Es wird am Ende eine deutsche Bewerbung. Anders als 2015 gibt es ein klares Bekenntnis des Bundes, dass Deutschland sich mit einer Gebietskörperschaft bewirbt und der Bund finanziell unterstützt“, sagt Rülke. Die Sportministerkonferenz habe einen entsprechenden Beschluss einstimmig gefasst. Auf diese Weise, so Rülke, könne Olympia auch „ein Schub sein für viele Zukunftsprojekte wie den Ausbau der Barrierefreiheit in allen Stadtteilen, über fünf Wochenstunden Sport und Bewegung im schulischen Ganztag bis zum Ausbau moderner, innovativer Mobilitätsangebote“.
Hamburgs als Olympia-Austragungsort: Die Stadt tut viel um die Bürgerinnen und Bürger von den Vorteilen zu überzeugen
Das Konzept ist also klar: ein Olympia der kurzen Wege, seriös durchfinanziert, das Hamburg wirtschaftlich in vielen Sektoren wie beispielsweise dem Tourismus stärkt und allen Bürgerinnen und Bürgern in ihrem Alltag Vorteile bringt. Die Frage lautet nun: Können sie überzeugt werden? Die Stadt plant zu diesem Zweck Beteiligungs- und Informationsveranstaltungen. Sie sollen in Hamburg einen intensiven Olympia-Diskurs entstehen lassen. So finden – nur ein Beispiel von vielen – im November sieben große Beteiligungsveranstaltungen (je eine pro Bezirk) wochentags statt, inklusive umfangreicher Informations- und Anschauungsmaterialien, interaktiven Beteiligungsmöglichkeiten, Workshops und Vorträgen. „Damit die Menschen sich ein Bild machen können, wollen wir ihnen zuhören, mit ihnen sprechen und sie ab Herbst umfangreich informieren und beteiligen. Wir setzen auf ihr Feedback und ihre Anregungen. Alle Hamburgerinnen und Hamburger sind eingeladen, sich einzubringen und zu informieren – bevor sie dann im kommenden Mai abstimmen“, sagt Rülke. Prominente Unterstützung dafür kommt aus der Hamburger Wirtschaft auch von Unternehmer und Stifter Alexander Otto. Seine ECE Group unterstützt maßgeblich finanziell die Kommunikationskampagne des Olympia-Teams der Stadt, will sich dabei auch mit ihren Hamburger Einkaufszentren einbringen. Weitere Unternehmen sollen geworben werden, um sich ebenfalls für Olympia zu engagieren. Die Alexander Otto Sportstiftung wiederum wird einen Wettbewerb ausloben, bei dem sich Hamburgs Vereine auf Fördermittel für vielfältige Maßnahmen bewerben können, die in Verbindung zu Olympia in Hamburg stehen. Der Boden für ein erfolgreiches Referendum am 31. Mai scheint also bereitet zu sein. Nun sind die Bürgerinnen und Bürger am Zug.

