Alice Merton

Alice Merton: Hin zur Härte

Die 27-Jährige arbeitet momentan an einem neuen Album, das dunkler und aggressiver klingen soll, als der bekannte Alice-Merton-Sound. Kurz vor ihrem Stadtpark-Konzert erzählt sie, wie es zum Klangwechsel kam

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Alice Merton, kürzlich hast du auf Instagram ein Foto gepostet, auf dem du mit Impfpflaster zu sehen bist. Darunter hieß es: „We have to put an end to this, so just do it.“ Was waren denn in den vergangenen Monaten die größten Herausforderungen für dich?

Alice Merton: Die größte Schwierigkeit war für mich, dass mein Job einfach nicht funktioniert. Was ich nicht verstehen konnte: Dass zum Beispiel viele Menschen in Flugzeugen fliegen und Fußballspiele stattfinden dürfen – aber etwa Theatervorstellungen vor Publikum mit jeweils einem freien Stuhl zwischen den Gästen nicht. Das fand ich ein bisschen fragwürdig. Feststeht, dass die Gesundheit der Menschen immer an erster Stelle stehen sollte, und ich akzeptiere die Entscheidungen, die auf politischer Ebene getroffen werden. Aber wir dürfen die Kultur nicht vergessen. Ich hatte in den vergangenen Monaten leider das Gefühl, dass die Kultur in den Hintergrund gerückt ist.

Du hast während der Pandemie an einem neuen Album gearbeitet. Hat dich die Musik, vor allem das Schreiben von neuen Songs, in schwierigen Phasen aufgefangen?

Auf jeden Fall! Es war ja das Einzige, was ich machen konnte: Ins Studio gehen und Musik zu machen. Es war schon eine Art Rettung, dass ich zumindest das noch durfte. Wenn ich auch nicht wusste, wann es wieder losgehen und ich mit den neuen Songs auftreten würde.

Im Frühjahr 2021 hast du mal gesagt, dass die Songs, die du 2020 geschrieben hast, dunkler geworden wären als alles, was man bisher von dir kannte. Lag das ausschließlich an der Pandemie?

Es lag unter anderem an der Pandemie. Aber „Vertigo“ (aktuelle, bereits erschienene Single; Anm. d. Red.) ist auch ein dunkler Song, und den habe ich schon vor der Pandemie geschrieben. Man macht ja im Leben verschiedene Phasen durch, und die letzten zwei Jahre waren für mich eine eher schwierige Phase. Die wollte ich in meiner Musik widerspiegeln.

Alice Merton; Foto: Paper Plane Records International/Sarah Storch

Alice Merton; Foto: Paper Plane Records International/Sarah Storch

Ursprung der textlichen „Vertigo“-Geschichte war ein Abend in Berlin, ein Geburtstag von einem Freund von dir, der für dich mit einer Panik vor einem Club und eben mit Schwindel endete …

… genau. Drei Wochen später bin ich nach Kanada geflogen und habe zum ersten Mal mit dem Produzenten KOZ gearbeitet. Ich habe ihm die Geschichte erzählt und gesagt: Der Song dazu darf ruhig ein bisschen härter sein. Er handelt vom Weg raus aus der Unsicherheit und zurück zum Selbstvertrauen „Why can’t I just let it go?“, fragst du darin.

Hast du eine Antwort darauf gefunden?

Ja. Durch die Pandemie und die Zeit konnte ich mich selbst ein bisschen besser kennenlernen und lernen, mich einzuschätzen.

Was kam dabei heraus?

Dass ich ein Mensch bin, der sehr kontrolliert ist. Ich mag zum Beispiel kleine Räume mit vielen Menschen nicht. Ich mag auch düstere Orte nicht. Und Fliegen auch nicht, auch wenn ich das für meinen Beruf machen muss. Aber für den Fall, dass ich in solchen Situationen bin, habe ich Mechanismen entwickelt, um locker zu lassen.

Deine Live-Shows wirken immer sehr energetisch, sehr selbstbewusst. Vielleicht ist es auch das Adrenalin, das dir auf der Bühne Sicherheit gibt?

Seitdem ich fünf bin, habe ich mit Lampenfieber zu kämpfen. Und ich habe auch jetzt noch vor jedem Auftritt damit zu tun. Aber je öfter ich die angesprochenen Mechanismen anwende, umso besser wird es. Angst kann ich inzwischen verstecken und in Energie umwandeln. Wenn ich fertig bin mit einer Show, bin ich allerdings echt kaputt.

Viele Musiker erzählen von mehr Sicherheit auf der Bühne, je größer und unübersichtlicher das Publikum wird, weil die Situation dann abstrakt wirkt und man nicht jede Reaktion der Leute direkt mitbekommt, wie in einem kleinen Club. Wie ist das bei dir?

In einem kleineren Raum fühle ich aufgrund der Enge manchmal unwohl. Aber vor einem großen Publikum denke ich: Da schauen Tausende von Menschen zu – die haben auch Tausende von Meinungen über mich. Und ich muss alle dazu bringen, den Abend zu genießen. Es sind einfach zwei verschiedene Kategorien. Aber trotzdem mag ich auch beides.

Würdest du denn eine Open-Air-Show im Stadtpark, mitten im Grünen, einer kleinen verschwitzten Club-Show vorziehen?

Wahrscheinlich schon (lacht).

Und wird es vom kommenden Album im Stadtpark auch schon etwas zu hören geben?

Auf jeden Fall! Natürlich nicht zu viel, aber einen Teil davon.

4.8., Stadtpark Open Air, 20 Uhr;

Vertigo von Alice Merton:


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