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Jetzt aber raus: Open-Air-Kultur in Hamburg

Nach #stayathome gibt es endlich wieder Live-Events, die besucht werden dürfen – im Freien und mit Abstand

Texte: Michelle Kastrop

 

AUTOKINO AUF DEM HEILIGENGEISTFELD

 

Nicht nur für Nostalgiker: Wer sich mehr Privatsphäre wünscht, als ein klassischer Kinosaal hergibt, kommt diesen Sommer voll auf seine Kino-Kosten. Denn: Die Autokino-Kultur ist zurück! Dank der Corona-Beschränkungen erlebt sie eine Renaissance.

Auf dem Heiligengeistfeld etwa zeigen die Zeise Kinos mit dem Format „Bewegte Zeiten – Das Autokino“ täglich Filme aus verschiedenen Genres. Pro Auto muss ein Ticket erworben werden, das je nach Besatzung zwischen 24 und 42 Euro kostet. Popcorn gibt’s natürlich auch vor Ort.

Bewegte Zeiten: Heiligengeistfeld (St. Pauli)

 

FISCHHALLE HARBURG

 

Das Projekt des Hafenmusikers Werner Pfeifer ist zur kulturellen Wohlfühloase im Harburger Binnenhafen geworden. Die Fischhalle Harburg wurde vor über 100 Jahren erbaut und erstrahlt heute im rustikal-maritimen Schick. Im Sommer wird in dem kleinen Beachclub das „Corona Summer Night Open Air“ veranstaltet.

Am 4. Juli kommen Wohnschiffer, alteingesessene Bewohner, Besucher und Künstler ab 21 Uhr zusammen, und Holger „Hobo“ Daub spielt groovigen Blues. Tickets gibt es nur im Vorverkauf für 15 Euro, da die Sitzplatzanzahl aufgrund der Abstandsregel beschränkt ist.

Fischhalle Harburg: Kanalplatz 16 (Harburg)

 

SCHANZENKINO

 

Unter dem Sternenhimmel im Schanzenpark hinter dem Wasserturm laufen ab dem 18. Juli allerhand Top-Filme auf einer 128 Quadratmeter großen Leinwand. Diesen Sommer kommen alle Abenteurer und
Reiseliebhaber voll auf ihre Kosten.

Dafür sorgt die Filmauswahl, die unter anderem den Extremsportkurzfilm „E.O.F.T – European Outdoor Film Tour 2020“ und die Dokumentation „International Ocean Film Tour 2020 Vol. 7“ bereithält. Doch aufgepasst: Alle drei Wochen wird ein neues Programm veröffentlicht. Ein Ticket kostet 9 Euro, mit Ermäßigung 8 Euro.

Schanzenkino: Sternschanze 1 (Sternschanze)

 

GRILLEN IM SCHRØDINGERS MIT DER WAAGENBAU-CREW

 

Endlich wieder ein wenig Party-Flair in der Electro-Szene. Da tanzende, verschwitzte Massen in Clubs noch nicht wieder in Frage kommen, gibt es jetzt Grillpartys im Biergarten-Stil. Das Team vom Waagenbau hat im Schrødingers die Veranstaltung „BauBQ-Waagenbau-Soli-Grillung“ ins Leben gerufen. Dabei wird am Schanzenpark eine Auswahl an Speisen serviert – natürlich auch in vegetarischer und veganer Variante.

Da Beats und Bässe nicht fehlen dürfen, Live-Performances in diesem Rahmen aktuell aber nicht möglich sind, hat sich die Crew etwas ausgedacht. In ausreichender Entfernung vom Geschehen wird ein Live-Stream produziert, der auf dem BauBQ-Platz übertragen wird. Bei gutem Wetter findet die Sause jeden Donnerstag, Freitag und Samstag statt. Um auf dem Laufenden zu bleiben, lohnt sich ein Blick auf die beiden Facebook-Seiten der Veranstalter.

Schrødingers: Schröderstiftstraße 7 (Sternschanze)

 

LATTENPLATZ KNUST

 

Der sonnige Platz zwischen Karostar und alter Rinderschlachthalle ist dank lässi- ger Street-Art-Kulisse eh ein toller Ort fürs Feierabendbierchen. Da trifft es sich gut, dass das anliegende Knust wieder Open-Air-Live-Konzerte veranstaltet. Gestartet wird direkt am 1. Juli mit dem erfolgreichsten Format des legendären Schanzen-Ladens: den Hamburger Acoustics. Hierbei stehen drei talentierte Newcomer für jeweils 30 Minuten am Abend auf der Bühne. Ob Indie, Jazz, R ’n’ B oder Pop: Jeglicher Stil ist willkom- men. Die Tickets kosten 10 Euro zuzüg- lich Gebühren im Vorverkauf oder 15 Euro an der Abendkasse. Natürlich werden alle aktuell nötigen Hygienestandards eingehalten.

Knust Acoustics: Neuer Kamp 30 (Sternschanze)

 

AUTOKINO PINNEBERG

 

Seit dem 5. Juni hat Pinneberg ein neues Autokino. Damit wollen die Betreiber des „SchanzenKino73“ nicht nur Entertain- ment anbietet, sondern auch auf die kri- tische Situation der geschlossenen Ham- burger Kinos aufmerksam machen. Auf dem Pinneberger Marktplatz werden täg- lich abwechslungsreiche Filme gezeigt. Das Gelände bietet Platz für 200 Autos und hat zusätzlich einen Open-Air-Be- reich mit Bestuhlung für alle, die nicht mit einem Fahrzeug kommen. Tickets können online gekauft werden. Wichtig zu beachten ist, dass pro Person bezahlt wird. Ab der dritten Person können er- mäßigte Ticketpreise für 6,60 Euro ge- kauft werden.

Autokino Pinneberg: Marktplatz Pinneberg (Pinneberg)


Szene_Juli_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2020. Das Magazin ist seit dem 27. Juni 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Autokino: Film ab auf der Trabrennbahn

Mit Stallungen und Sonnenuntergang im Rückspiegel gibt es auf der Bahrenfelder Trabrennbahn seit Juni ein atmosphärisches Autokino-Erlebnis

Text: Marco Arellano Gomes

 

Erst war die Gesundheitsbehörde dagegen, dann vermuteten die Grünen Bodenbrüter auf dem Rasen und schließlich sorgte die Umweltbehörde sich um die Fledermäuse, die vom Licht der Leinwand bei ihren Beutezügen gestört werden könnten. Die Genehmigung ließ entsprechend auf sich warten. Dirk Evers, Geschäftsführer der Outdoor Cine GmbH, musste viel Geduld aufbringen, bis er endlich grünes Licht für sein Autokino in der Bahrenfelder Trabrennbahn bekam. Dabei war Evers der Erste, der die Idee, nach so langer Zeit ein Autokino in Hamburg zu eröffnen, ins Spiel brachte.

Irgendwann glich die Chance, auf dem Feld der Trabrennbahn das Autokino zu betreiben einem Sechser im Lotto. Es verwundert daher nicht, dass tatsächlich ein namhafter Hamburger Glücksspielanbieter als Hauptsponsor mit an Bord kam, um das Projekt zu verwirklichen.

 

Vielfältiges Autokino-Angebot

 

Am 6. Juni eröffnete das LOTTO Hamburg Autokino schließlich – und trotzt seither der Konkurrenz in Innenstadt- und Hafenlage. „Der Start lief gut“, erzählt Dirk Evers, der auch für das Schanzenkino verantwortlich ist, das in diesem Jahr ebenfalls stattfinden wird. „Ich denke, Hamburg ist groß genug, für ein vielfältiges Autokino-Angebot“, so Evers. Er sei optimistisch, dass die Hamburger auf den Geschmack kommen und sähe das große Plus seines Autokinos vor allem in der Kombination von Technik und Atmosphäre. „Es macht schon was her, mit dem Wagen nach der Rundfahrt an den Stallungen vorbeizufahren, auf dem großzügigen Platz zu stehen, den Sonnenuntergang zu genießen und auf der gigantischen 24 x 11 Meter großen Bildleinwand in 2K-Auflösung einen Film zu genießen“, erzählt Evers.

Schon bald ist das auch mit Bestuhlung vor den Autos möglich. Na dann: Film ab!

lotto-hamburg.autokino.online


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SEAT Cruise Inn: Gentleman spielt Autokonzert

Gentleman ist nur einer von vielen Top-Künstlern, die auf dem Gelände des Cruise Centers Steinwerder Konzerte spielen – vor Menschen in Autos. Wie sich das anfühlt und welche Vorteile die Autokino-Shows bieten, erzählt Gentleman im Interview

Interview: Erik Brandt-Höge

 

Eine 154 Quadratmeter große Bühne, eine 220 Quadratmeter große LED-Leinwand und mehr als 600 Autos: Das ist das SEAT Cruise Inn in Zahlenform. Errichtet wurde dieser neue Hotspot für Film- und Konzertliebhaber auf dem Gelände des Cruise Centers Steinwerder. Und klar, Filmvorführungen in Autokinos waren, sind und bleiben Garanten für besondere Besuchererlebnisse – vor allem, wenn wie in Steinwerder im Hintergrund die Sonne zwischen den Hafenkränen untergeht. Aber Konzerte im Autokino? Geht das? Das geht – sagt zum Beispiel Gentleman, der kürzlich seinen ersten Live-Auftritt in einem Autokino hatte. Neben unter anderem Joris (8.7., 21 Uhr) und Alligatoah (11.7., 21 Uhr) tritt der Reggae-Star auch beim SEAT Cruise Inn auf (7.7., 21 Uhr).

 

SZENE HAMBURG: Gentleman, hast du aktuell ein Auto?

Gentleman: Habe ich, eine schöne A-Klasse.

Bist du damit mehr so der Racer oder der Cruiser?

Sagen wir es mal so: Ich bin der Zügige.

Auch in deiner regelmäßigen Wahlheimat Jamaika? Fährst du dort selbst?

Ich bin dort schon selbst gefahren, versuche es aber immer zu vermeiden – wegen des Linksverkehrs. Ich habe auf Jamaika mal ein Schild gesehen, auf dem Stand: „I survived the road to Negril.“ (lacht) Es ist einfach ein anderer Schnack, dort Auto zu fahren. Ich mache es wirklich nur, wenn ich muss, und dann auch lieber auf dem Land als in der Stadt. Der Verkehr in Paris ist ein Witz gegen den in jamaikanischen Städten.

Bist du auch schon mal als Gast in einem Autokino gewesen?

Noch nie! Obwohl es in Köln-Porz ein Autokino gibt, an dem ich schon oft vorbeigefahren bin. Bestimmt schon seit 15 Jahren sage ich: „Hey, nächste Woche gehe ich mal ins Autokino!“ Aber geschafft habe ich es bisher noch nicht. Dafür hatte ich gerade mein erstes Autokino-Konzert …

… in Hannover, darüber müssen wir auch gleich sprechen. Aber kurz vorweg: Hattest du vor Corona jemals die Idee, ein Autokino-Konzert zu geben?

Nee nee, so ein Konzert hatte ich nie im Kopf, die Idee dazu kam tatsächlich erst durch Corona. Ich sehe eine Autokino-Show auch nicht als Alternative zu einem normalen Live-Konzert, eher als Überbrückung.

Wie standest du der Autokino-Idee denn anfänglich gegenüber?

Ich war erst mal sehr skeptisch. Ich habe mich gefragt, wie man in einem Autokino eine Connection mit Leuten aufbauen kann, die hinter einer Scheibe sitzen. Ich wollte ja nichts Halbgares, sondern eine Beziehung aufbauen können. Außerdem konnte ich mir vorstellen, dass sich so eine Autokino-Show auch ziemlich lang anfühlen kann (lacht).

 

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Platz für mehr als 600 Autos: SEAT Cruise Inn (Foto: SEAT Cruise Inn)

 

Hast du die Skepsis noch vor deinem ersten Autokino-Konzert loswerden können?

Ich habe mit Künstlern gesprochen, die so was schon gemacht hatten, zum Beispiel Peter Brings. Der meinte zu mir: „Ich hätte nicht gedacht, dass mich Autos mal zum Weinen bringen könnten!“ Er hat sehr geschwärmt. Und dann hat sich irgendwann bei mir der Gedanke eingeschlichen, dass ein Konzert im Autokino gerade auch besser ist als nichts.

Es ist eine Live-Show und für mich und meine Band die Möglichkeit, mal wieder auf einer Bühne zu stehen und vor Leuten zu spielen. Es ist zwar ein Tropfen auf den heißen Stein, aber wir wissen ja nicht, wann das normale Spielen weitergehen wird. Ich wollte es irgendwann also einfach mal ausprobieren.

Und wie war’s? 

Sehr skurril (lacht). Aber so skurril, dass es auch schon wieder gut war. Eine richtige Beziehung zu den Menschen konnte ich am Anfang nicht aufbauen, auch wenn die Lichthupen gingen und viele Hände aus den Autos kamen. Ab der Mitte des Konzerts bin ich dann zwischen den Autos herumgegangen – und dann ist es auch passiert. Dann kamen Emotionen auf. Ich saß auf Motorhauben und bin auf Stoßstangen herumgehüpft – das war schon abgefahren! Da habe ich zudem gemerkt, wie sehr ich das direkte Feedback eines Publikums vermisst habe.

War der Gang in die Automasse geplant? Oder musstest du irgendwann zu den Leuten, um für dich mehr Konzertgefühle aufkommen zu lassen?

Vor Konzerten frage ich immer die Stage-Hands, wo der Bühnenabgang ist – falls es mich mal juckt. Und es juckt mich oft. Geplant ist davon nichts, auch im Autokino nicht. Allerdings gehe ich bei normalen Konzerten meistens erst beim letzten Song oder nach der Zugabe ins Publikum.

Im Autokino war das schon sehr früh, und ich habe dann tatsächlich auch den Rest des Konzerts auf dem Parkplatz anstatt auf der Bühne verbracht.

Wie hast du eigentlich die Momente hinter der Bühne erlebt, in denen an sich ja immer Spannung aufkommt?

Hinter der Bühne war es eine ganz eigene Spannung. Es war total ruhig, fast gespenstisch. Man hätte eine Nadel fallen hören können. Vor dem Konzert stand ich mit der Band da, und wir dachten: „Hoffentlich kriegen wir das Ding hier geschaukelt!“ (lacht)

Umso schöner war dann natürlich der Moment, als wir es auch geschaukelt haben. Es gibt ja Konzerte, da hat man vorher das Gefühl, gleich alles abzufackeln, und dann geht aber gar nichts. Umgekehrt, also wenn man ein hartes Stück arbeitet, erwartet und dann alles klappt, fühlt sich das auch besonders gut an. Letzteres war im Autokino der Fall. Die Autoscheiben konnten uns nicht aufhalten.

Und was war das Schönste am Autokino-Konzert?

Am schönsten war es, nicht zu wissen, was passieren wird. Das mag ich allgemein sehr. Außerdem war es vom Sound her eines der besten Konzerte, die wir je gespielt haben. Und der Sound, den wir auf der Bühne hatten, den hatten die Leute ja auch im Auto. Für beide Seiten war es klanglich fast wie im Studio, absolut perfekt. Da macht mir das Singen auch besonders viel Spaß.

cruise-inn.de


Szene_Juli_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2020. Das Magazin ist seit dem 27. Juni 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Bewegte Zeiten: Das Autokino auf dem Heiligengeistfeld

Ein Autokino, mitten in der Stadt – das gab es in Hamburg noch nie! Am 6. Juni 2020 war Premiere auf dem Heiligengeistfeld. Gezeigt wurde „Lindenberg! Mach dein Ding“. Regisseurin Hermine Huntgeburth war dabei und gab Einblicke in die Produktion. Dann erschien Udo auf der Leinwand und sprach wie der heilige Geist der Hansestadt auf das Feld hinab. Die Geschichte eines unvergesslichen Abends

 

Text: Marco Arellano Gomes / Fotos: Jérome Gerull

Matthias Elwardt schreitet Richtung Leinwand, bleibt stehen, setzt seinen Mund-Nasen-Schutz auf, dreht sich zu den Journalisten und grinst. Und grinst. Und grinst. Erst nach einigen Sekunden wird klar, dass das Grinsen aufgesetzt ist. Der Geschäftsführer der Zeise Kinos reißt in bester „Mission Impossible“-Manier seine Maske vom Gesicht, zeigt ein noch breiteres Grinsen und löst das Rätsel auf: Das sei eine Fotomaske „von einer kleinen Textildruckerei aus Winterhude“. Täuschend echt und doch nicht das Original – das trifft irgendwie auch auf diesen Abend zu.

Heiligengeistfeld, kurz vor 20 Uhr. Die Sonne geht hinter dem mächtigen Schutzbunker an der Feldstraße unter und taucht den frühsommerlichen Abendhimmel in ein helles, warmes Orange. Nur einige wenige dunkle Gewitterwolken schweben noch am Horizont – eine prachtvolle Kulisse für diesen lange ersehnten Kinoabend. Hier beginnt am heutigen Tag, dem 6. Juni 2020, ein neues Kapitel: die Rückkehr der Autokinos, nach 17 Jahren.

Für viele wird dieser Abend die erste Autokinoerfahrung sein. Zwar gab es in Hamburg von 1976 bis 2003 das „Drive In“ in Billbrook. Doch die wenigsten waren in diesem ersten und einzigen Autokino Hamburgs zu Besuch. Sie alle sind heute gekommen, um nach Monaten der Abstinenz überhaupt einen Kinofilm auf einer Leinwand zu sehen: gemeinsam, gemütlich, gespannt. Fast wie im Kino.

 

Vier Autokinos in Hamburg

 

Vier Stück gibt es nun in Hamburg: Das „Autokino – Bewegte Zeiten“, auf dem Heiligengeistfeld, das „SEAT Cruise Inn“ in Steinwerder, das „Lotto Hamburg Auto­kino“ auf der Bahrenfelder Trabrennbahn und das „Independent Autokino“ im Oberhafen. Und so wie die Sonnenstrahlen sich an diesem Tag durch die dicken, grauen Regenwolken kämpften, so sind die Autokinos der Lichtblick in einer düsteren Phase des Corona-bedingten kulturellen Lock- beziehungsweise Shutdowns.

Mitten auf dem Feld, das die Begriffe ­Heilig und Geist im Namen trägt, atmet die Stadt, wenige Tage nach Pfingsten, gemeinsam auf und nimmt dabei die Diesel-Abgase billigend in Kauf. Es ist Premierenabend. Knapp 1.000 bis 1.500 Menschen fahren in ihren 500 Autos von der Glacischaussee kommend einen großen Bogen, Richtung Bunker. Die Autos halten brav 1,5 Meter Abstand.

Zu sehen gibt es den Film „Lindenberg! Mach dein Ding“ – auf zwei Leinwänden, zeitversetzt um eine Stunde. Zwischen den beiden, liebevoll Kino 1 und Kino 2 genannten Plätzen, befinden sich 30 gelbe, aufeinandergestapelte Schiffscontainer. Auf beiden Seiten dieser Container-Wand sind 126 Quadratmeter große LED-Leinwände befestigt.

 

Premiere: Am 6. Juni 2020 flimmerte der erste Film über die Kinoleinwand des Autokinos am Heiligengeistfeld (Bild: Jérome Gerull)

„Wir stehen hier im derzeit größten Kino Hamburgs und eröffnen heute Abend mit einem ganz tollen Hamburg-Film“, sagt Elwardt, Mitveranstalter des heutigen Abends. „Die Regisseurin ist da, der Produzent ist da. Das wird bestimmt toll.“ Dann schreitet er mit Regisseurin Hermine Huntgeburth und Produzent Michael Lehmann in Richtung eines Glaskastens, direkt neben der Leinwand. In wenigen Augenblicken führt er dort ein Interview mit den beiden.

Die Stimmung ist prächtig. Am Einlass und am Ticketstand strahlen sowohl die Mitarbeiter der Bergmanngruppe, die seit Wochen in Kurzarbeit waren und nun endlich wieder ein Event zum Leben erwecken können, als auch die Gäste, die ihre Tickets durch die Scheibe scannen und sich einen Stand weiter auf der rechten Fahrspur ihre Snack-Packs – gefüllt mit Popcorn, Chips, Cola oder Bier – durch die Fenster reichen lassen. „Moin, danke, viel Spaß, Weiterfahren!“

Ein roter Teppich liegt auf beiden Fahrspuren aus. Die Stars sind die Autos. Wer hätte gedacht, dass die vor Kurzem noch verhassten Boliden ein solches Comeback erleben würden? Es duftet nach frischem Popcorn, direkt vor Ort produziert in der original Popcorn-Maschine aus dem Zeise Kino. Wer nur eine Minute hier steht, fühlt sich wie im Kino. Erinnerungen werden wach, an unzählige Abenteuer, die nur das Kino zu schreiben vermag. Schon erstaunlich, was Gerüche alles auslösen können!

Die Idee, Autokinos anzubieten, entstand aus der Not heraus. Der Bergmanngruppe, die das Autokino am Heiligengeistfeld gemeinsam mit den Zeise Kinos auf die Räder gestellt hat, waren im März 100 Prozent aller Aufträge weggebrochen. „Von heute auf morgen“, sagt Geschäftsführer Thorsten Weis. Er trägt einen grauen Fünf-Tage-Bart, graue Sneaker, graue Jeans, einen dunkelgrauen Pullover, darüber einen ärmellosen Overall in Anthrazit mit einem Spruch des Hauptsponsors auf dem Rücken. Nur seine moderne Brille mit breitem Gestell ist schwarz.

 

Zeise Kinos und Bergmann-gruppe riefen das Autokino ins Leben

 

Sein Team nennt ihn Thorsten der Graue, in Anlehnung an Gandalf den Grauen aus der „Herr der Ringe“-Trilogie. Einen spitzen Hut trägt er nicht, auch führt er keinen Zauberstab mit sich, aber an der rechten Hand trägt Thorsten Weis einen wuchtigen silbernen Ring mit dunklem Stein darin. Vielleicht liegen hier magische Kräfte verborgen. In jedem Fall hat er mit seinem Team fast Unmögliches vollbracht.

Als er, kurz nach Einbruch aller Aufträge, las, dass in anderen Bundesländern Autokinos weiter erlaubt waren und neue entstanden, kam ihm die Idee: Warum nicht ein Autokino hier in Hamburg? Er erstellte ein Konzept. Es erschien machbar. Nur bei der Filmkompetenz brauchte er Unterstützung. „Zur Vorführung von Filmen braucht es Lizenzen und es müssen diverse Abgaben an die Verleiher, die Filmförderung geleistet werden.“

Weis schrieb eine Mail an die Zeise Kinos. Eine halbe Stunde später rief Matthias Elwardt zurück. „Wir haben uns sofort verstanden und gleich gesagt, wenn wir es machen, dann machen wir es groß. Zwei Flächen. Wir machen die Orga, er den Filmpart. Fifty-fifty.“ Es gab noch 22 weitere Interessenten für dieses Filetstück in bester Innenstadtlage. Gegen Himmelfahrt erhielten Bergmanngruppe und Zeise Kinos den Zuschlag.

 

Das Autokino ist ein Risiko

 

Das Autokino ist ein Risiko. Erst bei einer Auslastung von etwa 60 Prozent ist es lohnenswert. Darunter ist es unrentabel. „Wir können uns eine Niederlage nicht leisten. Wir sind ja schon am Boden“, gibt Weis offen zu, „aber das Projekt ist auch ein Lichtblick, ein Start, um die Stimmung aufzuhellen.“ Der Start hätte nicht besser laufen können: Das Autokino ist ausverkauft. Das Wetter spielt mit. Die Stimmung ist befreit.

Die Strahlkraft des Autokinos reicht weit über die Stadtmauern hinaus. Die Autos tragen Kennzeichen aus Hamburg, Kiel, Pinneberg, Bad Oldesloe, Winsen an der Luhe, Bad Segeberg und Ostholstein. Einige sind zu früh da – unter ihnen ein Ford Mustang GT. Der Einlass für Kino 2 beginnt eine Stunde später. Manche können es einfach nicht erwarten. Ein Fahrer hat keine Karte, er wollte „nur mal gucken, wie das hier so läuft“. Ein Hubschrauber fliegt vorbei. „Da kommt Udo, endlich!“, ruft Weis. „Der landet jetzt oben auf dem Container.“ Alle umherstehenden Personen lachen.

Die Journalisten gehen auf Tuchfühlung mit dem Publikum, O-Töne sammeln. „Ich freue mich sehr auf den heutigen Abend“, sagt eine Frau aus Othmarschen. „Es ist ja schon ein bisschen her, dass man Filme im Autokino gucken konnte.“ Ein Besucher aus dem Emsland sagt: „Wir sind eigentlich nicht wegen des Autokinos hier. Das ist ein Abfallprodukt – wenn auch ein sehr angenehmes.“ Eine Besucherin aus Pinneberg findet die Film­auswahl in Hamburg besser: „Bei uns laufen vor allem deutsche Komödien, die man nicht sehen will.“

 

Bewegte Zeiten: Udo Lindenberg sendet Videobotschaft (Bild: Jérome Gerull)

 

Produzent Michael Lehmann steht im Glaskasten und wirkt sichtlich zufrieden: „Das ist Hamburg at it’s best. Millerntor, Bunker, Fernsehturm, Heiligengeistfeld, Udo.“ Regisseurin Hermine Huntgeburth gibt sich „schwer beeindruckt“. Die beiden unterhalten sich mit Matthias Elwardt über die Drehorte in Hamburg und die Zusammenarbeit mit dem Rockstar, dessen Lebensgeschichte heute gezeigt wird.

Dann wünschen die drei den Zuschauern viel Spaß und gehen zu ihren Autos, den Film ansehen. Die Zuschauer beginnen zu hupen, obwohl das eigentlich nicht erlaubt ist. Aber es ist Premierenabend und da gehört das Unvorhergesehene irgendwie dazu. Die Spannung steigt, der Film beginnt, doch zuvor gibt es noch eine Überraschung: eine Botschaft von Udo – direkt über UKW in alle Autos übertragen.

Auf der Leinwand erscheint er ganz plötzlich, mit Hut und Sonnenbrille, überdimensional groß: „Hey Freunde, keine Panik! Euer Udo, hier im Autokino. Ja echt, ein Hammer-Ding. Autokino? Wie romantisch! Kann man dolle Sachen machen: Bisschen Kuschel-Kuschel, bisschen Schmuse-Fix. Yeah Leute, und hier ist der Streifen: „Mach dein Ding“ Ihr müsst da durch, durch die harten Zeiten. Jede Menge Panik-Power mit Jan Bülow. Leute, keine Panik! Euer Udo. Yeah. Awhuuuh!“

Nun läuft der Film. Außerhalb der Autos wird es still. Nur einige wenige haben ihre Fenster leicht geöffnet. Aus einem der Wagen in Kino 1 dringen tiefe Bässe. „Da hat wohl jemand eine Dolby-Digital-Anlage einbauen lassen“, sagt ein Reporter. Kino mit Wumms, würde Olaf ­Scholz wohl dazu sagen.

 

Von Cineasten für Cineasten

 

Die blaue Stunde ist angebrochen, ein Zeitfenster, während der Dämmerung, bei der eine besondere Färbung des Himmels eintritt. Einzelne Pollen fliegen durch die Luft. Durch das Licht der Leinwand wirken sie wie die Staubpartikel im Kino, die durch das Licht der Projektion im Dunkeln sichtbar werden. Es könnten aber auch überdimensionale Corona-Bällchen sein. Ab und an ziehen Mitarbeiter mit dem Bollerwagen durch die Reihen, schließlich soll niemand verhungern oder verdursten. Sie tragen Masken.

Die Zuschauer machen es sich derweil gemütlich. Einige haben Decken mitgebracht, andere sitzen in Pulli und Jogginghose auf ihren Sitzen, und weiter hinten lassen sie die Korken knallen. Aussteigen ist im Autokino, abgesehen von Notfällen, nicht erlaubt. Dennoch öffnen einige ihre Türen, um ein paar Krümel vom Pullover zu klopfen, einfach mal die Beine zu strecken oder die Toilette aufzusuchen. Letzteres ist ja quasi auch ein Notfall.

Was beim Autokino auf dem Heiligengeistfeld auffällt, ist die Liebe zum Detail: So stehen auf einem Banner, vor den Toiletten, die Worte: „Life of Pi Pi“ – eine Anspielung auf den Erfolgsfilm von Ang Lee, „Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger“. Vor den Ausgängen steht: „Hasta la Vista, Baby“. Dieses Autokino – so viel wird deutlich – ist von Cineasten für Cineasten. Bis August wird es auf dem Heiligengeistfeld sein Programm anbieten. Fünf bis acht Vorstellungen pro Tag.

 

“Wir kriegen’s hin”

 

Der Premierenabend neigt sich dem Ende zu. Es ist dunkel. Nur noch das Licht der Leinwand erfüllt den Platz. Ein letztes Mal ergreift Udo das Mikro, singt den Song „Niemals dran gezweifelt“. Darin heißt es: „Ich war noch jung und lag die Nächte wach, und in meinem Kopf ganz großes Kino. Hatte so ’ne Sehnsucht, doch wonach? All das war mir da, noch nicht so klar. Und dann zog ich in die große Stadt, wird’s auch mal gefährlich oder schwer, pack ich meinen Mut unter den Hut und jag den großen Träumen hinterher. Ich hab niemals dran gezweifelt, dass wir das überstehen. Niemals dran gezweifelt, wir kriegen’s hin.“

Udo singt – und alle auf dem Heiligengeistfeld atmen auf. Vielleicht ist das Autokino nicht das Original, aber es ist, wie man in diesem Moment merkt, verdammt nah dran. Matthias Elwardt schreitet schnellen Schrittes auf sein Auto zu. Bis zu diesem Abend gab es für den Zeise-Chef – ebenso wie für den Rest der Kinobetreiber – wenig zu lachen.

Die Kinos hatten knapp drei Monate geschlossen, verloren Unsummen an Geld und werden die Miet- und Personalkosten nach Wiedereröffnung im Juni beziehungsweise Juli aufgrund der strengen Auflagen wohl nicht erwirtschaften. Einige bangen ums Überleben, viele hängen am Tropf staatlicher Überbrückungshilfen. Elwardt verabschiedet sich, setzt sich in seinen schwarzen Smart und flitzt grinsend davon. Ob er sein Grinsen vorher aufsetzte, war nicht zu erkennen.

www.autokino-in-hamburg.de

 

 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2020. Das Magazin ist ab dem 27. Juni 2020 im Handel! 

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Hamburger Kinos: Corona’s Cut

Die Hamburger Kinos haben seit über zwei Monaten geschlossen. Die Verluste sind hoch, die Stimmung ist angespannt, die Zukunft ungewiss. Nun dürfen die Lichtspielhäuser unter strengen Auflagen wieder öffnen und hoffen auf die Treue der Hamburger Kinogänger. Darüber hinaus erleben die hier längst tot geglaubten Autokinos eine Renaissance

Text: Marco Arellano Gomes

 

Sobald das Leben unübersichtlich, ungewiss und düster wird, hilft das kollektive Träumen im kuschelig warmen Kinosaal drüber weg. Mit Popcorn in der einen und Softgetränk in der anderen Hand, taucht man ein in die traumhaften Welten. Für einige Stunden scheint alles vergessen. Man lässt sich mitreißen von den bewegten Bildern, bangt mit den Helden, leidet mit den tragischen Figuren und lacht mit den lustigen Charakteren. Wer im Saal sitzt, fiebert mit, vergießt Tränen, freut sich und wird zum Nachdenken angeregt.

Kinofilme brennen sich ins Gedächtnis ein. Sie sind durch keinen Stream zu ersetzen – und werden dringend gebraucht. Das Kino ist ein Sehnsuchtsort – und nie war die Sehnsucht danach größer. Im Normalfall wären die Säle bis zur letzte Reihe gefüllt gewesen. Doch die vergangenen Wochen und Monate waren nicht normal. Die Lichtspielhäuser hatten seit Mitte März geschlossen, die Vorhänge blieben zu, die Lichter aus. Für die Streaminganbieter war es das Geschäft ihres Lebens. Für die Hamburger Kinobetreiber war es eine Katastrophe. Sie hatten keine Einnahmen, aber Lohn- und Mietkosten blieben bestehen – und konnten durch Kurzarbeit allein nicht aufgefangen werden.

 

Wiedereröffnung der Kinos

 

Kurz vor Drucklegung der SZENE HAMBURG gab der Senat bekannt, dass auch die Hamburger Kinos ab dem 27. Mai wieder öffnen dürfen, sofern sie ein Konzept zur Einhaltung der strengen Auflagen vorlegen. Doch die Freude der Betreiber ist gedämpft. Zum einen können die vergangenen Ausfälle nicht wieder eingespielt werden. Jedes nicht verkaufte Ticket ist unwiederbringlich verloren; die Kinos werden nicht plötzlich doppelt so voll – in Corona-Zeiten schon gar nicht.

Hinzu kommen weitere Probleme: Für die Verleiher lohnt es sich nicht, einen Film für viel Geld zu bewerben und ins Kino zu bringen, wenn dieser nur in der Hälfte der Bundesländer oder in halb leeren Sälen gezeigt wird. Gehen die Bundesländer bei der Öffnung der Kinos nicht einheitlich vor, werden hochkarätige Produktionen vorerst wohl kaum zu sehen sein. Blockbuster wie „James Bond 007 – Keine Zeit zum Sterben“ – welch passender Titel für diese Zeit! – oder „Top Gun: Maverick“ mit Tom Cruise wurden bereits auf Ende des Jahres verschoben.

Allein die Vermarktung solcher Millionenprojekte benötigt mehrere Monate Vorlauf. Wenn die neuen, großen und bedeutenden Filme aber nicht im Kino gezeigt werden, haben die Filmliebhaber kaum Anlass dorthin zu gehen.Einige Bundesländer (Hessen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Schleswig-Holstein) haben trotz dieser Bedenken bereits Mitte Mai mit der Öffnung der Kinos begonnen. So viel zum gewünschten einheitlichen Vorgehen!

 

Die neue Normalität

 

Für die Kinogänger wird es unzweifelhaft ein ungewohntes Erlebnis: Tickets sollen online gekauft werden; im Foyer wird es Schutzwände geben; im Eingangsbereich helfen Bodenmarkierungen dabei, Abstand zu wahren; jede zweite Reihe im Kinosaal könnte mit Absperrband gesichert werden; zwischen den einzelnen Gästen bleiben jeweils zwei Plätze leer; nach jeder Vorstellung werden die Räume gründlich desinfiziert; jeder Kinobesucher soll mit Namen und Kontaktdaten registriert werden; im Kinosaal bestünde, bis zum Erreichen des eigenen Sitzplatzes, Maskenpflicht; für jeden Toilettengang soll der Mund- und Nasenschutz wieder aufgesetzt werden – und das nicht wegen der zu erwartenden Gerüche. Ist das noch das ersehnte Kinoerlebnis? Und lohnt sich unter diesen Bedingungen überhaupt der Betrieb?

Matthias Elwardt, Geschäftsführer der Zeise Kinos, ist skeptisch. Der Abstand der Sitzreihen beträgt in seinem Kino etwa einen Meter. „Wenn jede zweite Reihe gesperrt wird, rentiert sich der Betrieb des Kinos nicht.” Mit dieser Einschätzung steht er nicht allein da. „Wir brauchen weitere finanzielle Unterstützung, auch nach der Öffnung der Kinos. Denn die Hygieneauflagen werden auf lange Sicht keinen rentablen Kinobetrieb zulassen“, pflichtet Abaton-Chef Felix Grassmann bei. Senat und Kulturbehörde arbeiten derweil an weiteren Hilfsprogrammen. Man sei derzeit bei der Ausarbeitung der Details, erklärt die Kulturbehörde auf Anfrage.

 

Vielfältige Hilfen

 

Corona bringt die Kinos in existenzielle Nöte. Zwar gab es – neben den bundesweiten Hilfen – seitens der Hamburger Kulturbehörde und der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein (FFHSH) finanzielle Spritzen (unter anderem das im April beschlossene „Kino Hilfe Hamburg“-Paket in Höhe von 550.000 Euro sowie der vorgezogene Hamburger Kinopreis mit einer Gesamtausschüttung in Höhe von über 100.000 Euro).

Auch privat unterstützten die Hamburger die Programmkinos, etwa durch den Kauf von Kinogutscheinen, dem Streamen von Filmen bei Anbietern wie Kino on Demand, Grandfilm und CVOD, die ihre Einnahmen mit den Kinos teilen oder durch Spenden auf der Crowdfunding-Plattform Startnext, bei dem bis Redaktionsschluss immerhin 58.873 Euro zusammenkamen (Stand: 26.5). Auch der Kino-Vermarkter Weischer Media stellte gleich zu Beginn der Krise unter #hilfdeinemkino eine Website auf die Beine, auf der Kinowerbung angesehen werden kann. Das weckt nicht nur nostalgische Gefühle, für jeden gesehenen Spot bekommt das ausgewählte Kino einen Betrag gutgeschrieben.

Doch reicht das alles, um die Kinos am Leben zu halten? Der Hauptverband deutscher Filmtheater (HDF) stellte fest, dass die Hälfte der deutschen Kinos in Gefahr stünde, in den kommenden Wochen Insolvenz anmelden zu müssen. Bei der dreimonatigen Schließung hätten die deutschlandweit 1.734 Kinos laut HDF 40 Millionen Gäste weniger und einen Verlust von 17 Millionen Euro – pro Woche.

 

Programmkinos in Sorge

 

Die Hamburger Kinobetreiber sind besorgt: „Die Situation ist schwierig“, sagt Christian Mattern vom Alabama Kino in Winterhude. „Die Überbrückungsgelder der Kulturbehörde und der Filmförderung decken nur den Zeitraum bis zum 30.4. ab. Wir sehen aber weiteren Unterstützungsbedarf bis mindestens Anfang Juli.“ Fabian Daub von den fux-Lichtspielen ist überzeugt, dass ein zweites Rettungspaket notwendig ist, das den Zeitraum bis Ende des Jahres in den Blick nimmt.

Joachim Flebbe, Betreiber der Astor Film Lounge und des Savoy, sieht dringend Handlungsbedarf: „Von den staatlichen Hilfen ist bislang nicht viel zu sehen“, verriet er SZENE HAMBURG Mitte Mai. „Wochenlang zu warten und gleichzeitig die Kosten weiter decken zu müssen, das geht nicht lange gut.“ Die Rücklagen der meisten Kinos dürften bald aufgebraucht sein.

 

Die Rückkehr der Autokinos

 

Während die Lichtspielhäuser einen Weg suchen, um mit der neuen Situation umzugehen, feiert eine längst vergessene Kinotradition ein Comeback: das Autokino. In Hamburg sind gleich mehrere Anbieter im Gespräch: Die meiste Aufmerksamkeit genoss bislang das „Autokino Hamburg“ auf der Bahrenfelder Trabrennbahn. Auf der 20.000 Quadratmeter großen Fläche sollen 500 Fahrzeuge Platz finden, und auf der 24 mal elf Meter großen Leinwand werden Filme und Konzerte zu sehen sein. 22 Euro pro Fahrzeug kostet der Spaß. Die Outdoor Cine GmbH, die auch das Open-Air-Schanzenkino und das Schanzenkino73 betreibt, konnte das Autokino aber nicht, wie geplant, in Betrieb nehmen. Erst gab es Bedenken über die Anzahl der Toiletten und die Einhaltung der verschärften Hygienevorschriften. Dann vermutete die grüne Bürgerschaftsfraktion in Altona Bodenbrüter auf der Wiese, ehe sie in der entscheidenden Sitzung von einer Mehrheit aus SPD, FDP und CDU überstimmt wurde.

Grundsätzlich hat der Senat den Autokinos in Hamburg grünes Licht gegeben – unter Einhaltung der Maßnahmen (max. zwei Personen aus demselben Haushalt plus Kinder pro Auto, Online-Ticketverkauf, ausreichend Sanitäranlagen, Abstand von zwei Metern zwischen den Pkw, Ticket-Scan durch die geschlossene Windschutzscheibe). Dirk Evers, Geschäftsführer der Outdoor Cine GmbH, ist bereit und kann mit wenigen Tagen Vorlauf starten. Doch das Bauamt Altona „prüft und prüft“ noch, sagt er und hofft auf einen Starttermin Anfang Juni.

Da der Ton über UKW direkt in die Autoradios übertragen wird, spielt Lärm keine Rolle. Evers plant mindestens eine Aufführung pro Abend, bis September. Auf dem Programm stehen Filme wie „Känguru Chroniken“, „Night Life“ und der Oscar-Gewinner „Parasite“. Nach September wird auf der Fläche ein Wohnungsbauprojekt realisiert.

Die Liste weiterer, möglicher Autokinobetreiber ist lang: Das Zeise Kino hat gemeinsam mit der Bergmann-Gruppe den Zuschlag für ein Autokino auf dem Heiligengeistfeld bekommen. Anfang Juni geht es los. Hamburg Messe-Chef Bernd Aufderheide möchte gemeinsam mit Home United auf dem Messegelände starten. Das Abaton plant gemeinsam mit dem Konzertveranstalter Karsten Jahnke eins in Steinwerder – und gibt sich zuversichtlich schon Anfang Juni starten zu können. Das mobile Kino Flexibles Flimmern und Weischer Media haben auch reges Interesse. Wer hat noch nicht? Wer möchte noch?

Vergleichsweise bescheiden kommt das Autokino-Programm im Oberhafenquartier daher: Seit Anfang Mai bietet der Kulturladen Hamm und die Film Fabrique dort das erste Autokino-Erlebnis an. Das gibt es zwar schon seit 2015, aber zuvor eben nur in Hamm. Nun wird in der HafenCity gemeinsam geschaut – und das in Corona-Zeiten. Da ist auch einem kleinen Projekt wie diesem die Aufmerksamkeit sicher. Nur 30 Stellplätze bieten die Veranstalter an. Das erzeugt eine kuschelige Atmosphäre. Nach nur einer Stunde waren alle Karten ausverkauft. SZENE HAMBURG-Grafikerin Julia Kleinwächter war am Premierenabend (9. Mai) dabei – und berichtet von einem ganz besonderen Erlebnis. Zu sehen gab es den Mysterythriller „Bad Times at the El Royale“.

In Hamburg gab es von 1976 bis 2003 bereits ein Autokino. Es stand in Billbrook, jenem vernachlässigten Industriegebiet hinter Rothenburgsort, über das SZENE HAMBURG in der Ausgabe 4/2020 berichtete. Seinerzeit musste das Kino aufgrund verschärfter Umweltauflagen schließen. Gase drangen vom Boden an die Oberfläche. Eine Sanierung des Geländes war zu kostspielig.

 

Kollektive Träume

 

Der Wunsch der Menschen, wieder gemeinsam im Kino einen Film zu erleben, statt diesen nur zu Hause zu sehen, wird von Tag zu Tag größer. Viele sehnen sich nach dem echten, dem einzig wahren, dem fast sakralen Filmerlebnis, das nur in einem Kino möglich ist. Voller Vorfreude wird der Moment erwartet, an dem die Lichter – im positiven Sinne – ausgehen, sich der Vorhang öffnet und man sich umgeben von der Dunkelheit in anderen Welten, längst vergangenen Zeiten und faszinierenden Geschichten verliert, die in ihrer Dichte und Erhabenheit größer und intimer sind als das Leben selbst.

Einige spannende Filme sind bereits in der Pipeline: Christian Petzolds „Undine“, Burhan Qurbanis „Berlin Alexanderplatz“ – und der Film, der geradezu wie ein Heilsbringer erwartet wird: der Science-Fiction-Thriller „Tenet“ von Christopher Nolan („The Dark Knight“, „Inception“). Nolan denkt gar nicht erst daran, seinen Film zu verschieben und die Kinos untergehen zu lassen. Er setzt Corona das Beste entgegen, was Hollywood zu bieten hat: den Stoff, aus dem die Träume sind. Und den gibt es nur im Kino.


Cover Szene Juni 2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Mai 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Autokino eröffnet auf dem Heiligengeistfeld

Autokinos feiern ihr Comeback: Anfang Juni sollen die ersten Filme über zwei große Leinwände am Heiligengeistfeld flimmern. Diese Klassiker finden sich im Programm. 

 

Das Heiligengeistfeld wird zum Open-Air-Kinosaal: Die Zeise Kinos und die Bergmanngruppe konnten die Ausschreibung für sich entscheiden und bespielen ab Anfang Juni zwei große LED-Leinwände für insgesamt 500 Besucher. Auch der Titel steht bereits fest: So wird das Kino “Bewegte Zeiten – Das Autokino für Hamburg” heißen.

Gezeigt werden soll ein buntes Programm aus aktuellen Filmen und Klassikern. Als Eröffnungsfilm können sich die Hamburger auf das Biopic „Lindenberg! Mach dein Ding!“ freuen. Unter anderem werden Regisseurin Hermine Huntgeburth und Produzent Michael Lehmann zu der Autokino-Premiere erwartet. Auch das preisgekrönte Drama „Systemsprenger“ und Fatih Akins Kultfilm „Soul Kitchen“ stehen im Programm.

Natürlich wird es auch Vorstellungen großer Autofilme wie „Absolute Giganten“, „Drive“, „Le Mans 66“ und „25 km/h“ geben. Ein Programm für Kinder- und Familien ist ebenfalls geplant. Um die Filmauswahl zu vervollständigen, können derzeit noch Vorschläge per Mail unter info@zeise.de beim Veranstalter eingereicht werden. Über das genaue Startdatum des Autokinos informiert der Veranstalter in Kürze. Der Vorverkauf startet auf zeise.de.

/NF

 

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